Klimabildung in Frankfurt

Die Zukunft nicht retten, aber gestalten

HLZ 2022/5: Wir gegen den Klimawandel

Einblick geben in die Praxis und Hintergründe von Klimabildung ist das Ziel dieses Beitrags. Wir verstehen ihn als Einladung zur Durchquerung eines offenen Feldes, in dem vieles noch nicht definiert ist und das große Herausforderungen bereithält, des Feldes von Klimakrise und Klimagerechtigkeit, über das viele junge Menschen sagen: „Verbrennt nicht unsere Zukunft!“ Das Bundesverfassungsgericht hat ihnen  Recht gegeben.

Klimabildung erblickte 2013 als „Climate Change Education for Sustainable Development“ (CCESD) mit der UNESCO-Veröffentlichung „Action for Climate Empowerment“ (1) das Licht der Welt. Sie umfasst einerseits Wissen und Können zu Klimawandel, Klimaschutz und Klimawandelanpassung und andererseits Engagement zu diesen Menschheitsthemen mit all ihren ökologischen, ökonomischen, sozialen und politischen Implikationen. Damit ist klar, dass Klimabildung mehr ist als naturwissenschaftliche Bildung, dass es um Gestaltungskompetenzen geht, um Empowerment, kurz um politische Bildung. Ein Blick in die Praxis von Umweltlernen in Frankfurt am Main soll verdeutlichen, wie dies gelingen kann, welche Herausforderungen Klimabildung in der Schule mit sich bringt und wo das Feld noch bestellt werden muss.

Solarrennen, Lernwerkstätten und Projektwochen

Umweltlernen in Frankfurt e.V. ist ein außerschulischer Bildungsträger, der schon mehr als 25 Jahre lang Schulen, Kitas und die kommunale Bildungsverwaltung im Bereich von Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) unterstützt. Seit 20 Jahren entwickelt Umweltlernen Lehr- und Lernarrangements zu den Themen Energie und Klimawandel. Diese reichen heute von Lernwerkstätten zu den Themen Klima und Energie über Recycling bis hin zu Ernährung und Konsum. Darüber hinaus organisiert Umweltlernen in Frankfurt das Energiesparprojekt an Frankfurter Schulen und das jährliche Solarrennen Frankfurt/Rhein-Main auf dem Römerberg.

Die Lernwerkstatt „Energie schlau nutzen!“ vermittelt Schüler:innen der Mittelstufe das Themenfeld der Energieeffizienz. Mit einem möglichst geringen Energieeinsatz soll ein möglichst großer Nutzen erzielt werden. Eine Station der Lernwerkstatt macht deutlich, dass dies nicht nur eine Frage der Technik ist: Wie können wir umweltfreundlich Strom erzeugen? Die Stromerzeugung in fossilen Kraftwerken hat nur einen relativ geringen Wirkungsgrad von 40 bis 60 Prozent, große Teile der umgewandelten Energie gehen als Abwärme verloren. Experimente mit einer Dampfturbine veranschaulichen die Technik der Kraft-Wärme-Kopplung und deren Anwendung in Heizkraftwerken bzw. Blockheizkraftwerken. Eine solche Form der zwar noch fossilen, aber doch sehr effizienten Energienutzung erfordert allerdings eher kleine dezentrale Kraftwerke; wirtschaftliche Interessen und monopolartige Strukturen behindern den Einsatz einer solchen effizienten Technologie. Aus einer Fragestellung der Physik wird eine für das Fach PoWi.

Im Rahmen der halbtägigen Lernwerkstatt, die in Frankfurt dankenswerterweise vom Energiereferat der Stadt finanziell unterstützt wird, gelingt es, vorhandenes Wissen der Schüler:innen mit neuen Erkenntnissen fächerübergreifend zu verbinden. Das selbstgesteuerte Lernen an den Stationen kommt aber an seine Schranken, zeitlich, wenn das Signal zum Unterrichtsschluss erklingt, und räumlich mit der Tür des Klassenraums als Erfahrungsgrenze. Lernmotivation und Engagement darüber hinaus wirksam werden zu lassen, ermöglicht die Projektwoche „Klimawandel und Nachhaltigkeit“. Hier ist es möglich, die zeitlichen und erfahrungsräumlichen Grenzen zu erweitern, die Fragestellung des Klimawandels und Klimaschutzes in ihrer Komplexität zu behandeln und selbstorganisiertes Lernen zu fördern. Die Schüler:innen können Erfahrungen machen, die über die Schule hinausgehen: Bei der Befragung von Akteuren und Initiativen im Stadtteil, beim Besuch des Energieversorgers und des kommunalen Energiemanagements, bei der Herstellung eines Videoclips oder eines Infostandes und vielem mehr. Durch die Freiräume der Projektstruktur und die Öffnung von Schule können so nicht nur Kompetenzen für die Zukunft entwickelt, sondern auch Engagement für den Klimaschutz angebahnt werden.

Frankfurter Schuljahr der Nachhaltigkeit

Im „Schuljahr der Nachhaltigkeit“ wird die Schule als Ge­samtinstitution in den Blick genommen. Im Sinne des „Whole School Approach“ werden Prinzipien nachhaltiger Entwicklung zum integralen Bestandteil von Unterricht, Schulleben und Schulentwicklung. Den Klassen des 4. Jahrgangs werden Unterrichtsmodule zu Nachhaltigkeitsthemen angeboten, den roten Faden bildet der Klimawandel in Verbindung mit globaler Gerechtigkeit und Kinderrechten. Die Lehrer:innen des Jahrgangs nehmen an Fortbildungen teil, mit den Gesamtkollegien werden Pädagogische Tage durchgeführt. Flankiert werden diese Aktivitäten durch Beratungen zu Curricula und Schulprofilen und die Unterstützung von Eigeninitiativen. Die Angebote werden von der FES, der Dr. Marschner Stifung und dem Hessischen Umweltministerium unterstützt.

Das Besondere an den Unterrichtsmodulen ist, dass Mitarbeiter:innen von Umweltlernen die Klassen mehrfach im Jahr besuchen. Die Module machen den Kindern die Zusammenhänge sozialökologischer Herausforderungen begreifbar. Nach dem Einstiegsmodul zum Klimawandel folgen Themen wie Strom, Ernährung oder Fairer Handel. Das Abschlussmodul führt Aspekte aus den vorherigen Modulen zusammen. Es werden Handlungsoptionen aufgezeigt, die über ein individuelles umweltfreundliches Verhalten hinausgehen und die Kinder zu einem gemeinsamen Handeln für mehr Gerechtigkeit auf der Welt motivieren. Durch die Ausrichtung des Schullebens an Nachhaltigkeitsprinzipien erkennen die Schüler:innen, dass die Inhalte des Unterrichts auch in der eigenen Lebenswelt von Bedeutung sind und praktisch umgesetzt werden können.

In den von der UNESCO und dem BMBF ausgezeichneten Klimabildungsprogrammen „Energie schlau nutzen!“ und „Schuljahr der Nachhaltigkeit“ treten Widersprüche zutage zwischen dem epochalen Schlüsselproblem des Klimawandels und der Wirklichkeit – der des Schullebens, unserer (imperialen) Lebensweise und einer nicht-zukunftsfähigen Politik und Wirtschaft.

Kritisch-emanzipatorische politische Bildung

Bildung für nachhaltige Entwicklung steht vor der Herausforderung, nicht nur für das Leben in der Gegenwart zu befähigen, sondern darüber hinaus eine lebenswerte Zukunft zu erschließen. Zukunft kann dabei angesichts einer aktuell nicht-nachhaltigen Entwicklung nicht als bloße Verlängerung der Gegenwart begriffen werden. Auf die Zukunft kann Bildung nur orientieren, indem sie nicht unreflektiert zu einer Identifikation mit der Gegenwart erzieht.

Die Anerkennung dieses Nicht-Identischen ist für die pädagogische Praxis Herausforderung wie Chance. Sie spricht die Frage der Handlungsmöglichkeit in der eigenen Lebenswelt wie die Möglichkeiten für ein gemeinsames politisches Handeln an. Ins Positive gewendet können die Irritationen über Bestehendes und die Enttäuschung von Erwartungen Lern- und Bildungsprozesse initiieren (2). Für das Feld der Klimabildung würde dies bedeuten:

  • Lehrende wie Lernende bleiben nicht bei technischen Lösungen stehen. In den Blick genommen werden der Zusammenhang von Technologie und Politik wie auch gesellschaftliche Naturverhältnisse; die Klimakrise ist ohne einen Gesellschaftsbegriff nicht angemessen zu denken.
  • Lehrende wie Lernende überschreiten ihre – im BNE-Bereich sehr populäre – Rolle als aufgeklärte Konsument:innen, die ökologisch produzierte und fair gehandelte Produkte kaufen, und nehmen sich als politische Subjekte wahr, die gesellschaftliche Verhältnisse aktiv mitgestalten können.
  • Lehrende wie Lernende entwickeln mit sozialer Fantasie und kritischer Reflexion von Macht konkrete Utopien für ein gutes Leben für Alle innerhalb der planetarischen Grenzen. (3)
  • Dazu muss Schule Erfahrungen ermöglichen, auch politische Erfahrungen, das Feld öffnen und sich selbst als lernende Institution im gesellschaftlichen Kontext begreifen.
  • Unsere Vision für die Weiterentwicklung der Klimabildung: Schulen kooperieren mit Nachhaltigkeitsinitiativen, mit Umwelt- und Nachhaltigkeitsbildungszentren, mit Unternehmen und kommunalem Klimaschutz, mit Wissenschaft und Stadtteilinitiativen. Schule geht hinaus in den Stadtteil, ermöglicht unmittelbare Erfahrung und Partizipation. Und für die Partner:innen von Bildungseinrichtungen ist es selbstverständlich, in die Schule, die Kita oder die Volkshochschule zu gehen.

Lokale Bildungslandschaften für Nachhaltigkeit

In solchen lokalen Bildungslandschaften wäre miteinander und voneinander lernen Alltag: Klimabildung wäre Thema für Jung und Alt und Bildung würde wirksame Impulse für Klima-Engagement und gesellschaftlichen Zusammenhalt setzen.

In einzelnen Projektzusammenhängen wird eine solche Zusammenarbeit schon erprobt, so in einem vom Integrierten Klimaschutzplan des Landes Hessen geförderten Kooperationsprojekt zwischen Bildung, Energieberatung und Kommune oder im Projekt LeKoKli (4). Aber noch finden diese Kooperationen in Nischen statt und sind als lebendige Bildungslandschaften für nachhaltige Entwicklung noch nicht in der Breite präsent. Es bedarf einer Allianz zwischen Schule, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Staat, um solche zukunftsfähigen Bildungslandschaften zu schaffen.

„Lasst uns unsere Zukunft nicht verbrennen!“ Wir alle gemeinsam müssen den Stellenwert von Klimabildung in den Bildungslandschaften selbstbewusst einfordern. Selbstbewusstsein, Ernsthaftigkeit und Engagement – das ist es, was wir dabei von jungen Menschen lernen können.

Michael Schlecht und Dr. Claudia Wucherpfennig


Umweltlernen in Frankfurt e.V.Alle Infos

(1) UNESCO (2013): Action for Climate Empowerment. Guidelines for accelerating solutions through education, training and public awareness. Paris.
(2) Reinhold Hedkje (2018): Das Sozioökonomische Curriculum. Frankfurt/M.
(3) Thomas Jahn et al. (2020): Sozial-ökologische Gestaltung im Anthropozän. In: GAIA 29 (2), 93-97.
(4) LeKoKli, Lernfeld Kommune für Klimaschutz (2019): Sachbericht Lernfeld Kommune für Klimaschutz. Verknüpfung von Bildungs- und lokalen Klimaschutzprozessen. Springe.