Im Gespräch mit Vishwas Satgar

Climate Justice Charter gegen Klimawandel und soziale Not

HLZ 2022/5: Wir gegen den Klimawandel

Simone Claar: Unsere Gespräche in Kassel drehten sich immer wieder um Klimagerechtigkeit, Kooperativen und mögliche Alternativen. Die Climate Justice Charter, die Charta für Klimagerechtigkeit, ist ein eindrucksvolles Dokument, das den Kampf für soziale Gerechtigkeit mit dem Kampf gegen die Klimakatastrophe verbindet.

Vishwas Satgar: Das eine ist ohne das andere nicht zu denken. Die Climate Justice Charter ist in der Tat das Ergebnis eines langen Aushandlungs- und Beteiligungsprozesses, der ganz unterschiedliche Gruppen, Strömungen und Traditionen zusammenführte. Ich weiß gar nicht, wie weit ich dabei zurückgehen muss. Auf der Klimakonferenz in Kopenhagen 2009 meldete sich das transnationale Netzwerk Climate Justice Now erstmals öffentlich zu Wort. Auch die Bewegung für Ernährungssouveränität ist keine südafrikanische Erfindung, aber bei uns in Südafrika hat die Food Sovereignity Campaign angesichts der Ernährungsprobleme, die sich in der Pandemie noch einmal verschärften, eine große Verankerung in der Bevölkerung. Die extreme Trockenheit 2016 und die Bread Marches waren ein unüberhörbarer Hilfeschrei. „End hunger, thirst, pollution and climate harm“: Das sind die zentralen Forderungen der Charter, denn Klimawandel und soziale Ungerechtigkeit sind die globalen Herausforderungen, mit denen wir konfrontiert sind. Die Charter ist die gemeinsame Plattform für die grünen Initiativen, die Antiprivatisierungskampagnen, die Studierenden und die landwirtschaftlichen Kooperativen in den Gemeinden. Die Charter-Bewegung spricht mit den Medien, mit den Religionsgemeinschaften, berücksichtigt die indigenen Traditionen und kooperiert mit den Initiativen von Landlosen, Saisonarbeitern und Arbeitslosen. Sie greift die Impulse der Dekolonialisierungsbewegung genauso auf wie die Stärke von feministischen Gruppen und den intergenerationellen Dialog mit Kinderrechtsgruppen und mit Fridays for Future.

Welche Rolle spielen die Gewerkschaften im Prozess der Charta für Klimagerechtigkeit?

Vishwas Satgar: Ich sehe, dass sie sich bewegen, dass sie sich bewegen müssen. Natürlich ist es ihre Aufgabe, dafür zu sorgen, dass nicht am Ende die abhängig Beschäftigten auf der Strecke bleiben. Aber auch in Südafrika fangen sie an zu verstehen, dass sie sich bei der Frage einer gerechten Transformation nicht auf die Arbeitgeber oder den Staat verlassen dürfen, sondern eigene Szenarien und Ideen für „grüne Jobs“, für systemische Alternativen entwickeln müssen. Da gibt es viele gute Gespräche. Eine grundlegende Demokratisierung der Gesellschaft muss auch im Interesse der Gewerkschaften sein, allerdings müssen sie sich dazu aus den engen Bindungen zur Politik und zu politischen Parteien lösen.

Von der Politik und den Parteien hast du noch gar nicht gesprochen

Vishwas Satgar: Das stimmt. Die Probleme, von denen ich gesprochen habe, sind eine Folge des Versagens einer neoliberalen Politik in Kombination mit Korruption und Missmanagement. Der Staat hat die Privatisierung der Wasserwirtschaft vorangetrieben und trägt die Verantwortung für Zustände im Gesundheitswesen, die täglich Menschenleben fordern. Der Staat ist für die meisten Menschen in Südafrika nur noch „a mess“. Als die Charter-Bewegung die südafrikanischen Parteien zum Dialog eingeladen hat, blieben alle großen Parteien fern. Deshalb bleibt sie eine echte Graswurzelbewegung, in der alle Menschen, die sich einbringen wollen, ihre Themen auf den Tisch legen und Verbündete suchen können. Dabei muss man wissen, dass sich Menschen in Südafrika immer wieder um die zentralen Ideen einer „Charter“ versammelten…

… wie der Freedom Charter des Congress of the People von 1955…

Vishwas Satgar: … aber auch die südafrikanische Verfassung sieht in Abschnitt 234 vor, dass das Parlament „zur Vertiefung der in der Verfassung verankerten Kultur der Demokratie“ solche Rechte-Chartas beschließen kann, die sich im Einklang mit den Bestimmungen der Verfassung befinden. Deshalb ist die Politik, das südafrikanische Parlament, ein Adressat für unsere Forderungen und wir wollen, dass die Climate Justice Charter vom Parlament beschlossen wird. Die Pandemie hat die Möglichkeiten beschnitten, die Charter im Rahmen einer großen Manifestation zu übergeben. Am Tag der Übergabe 2020 gab es viele dezentrale Aktionen im ganzen Land und junge Aktivistinnen und Aktivisten fuhren als Feuerwehrbrigade vor dem Parlamentsgebäude vor mit der klaren Botschaft „Die Welt steht in Flammen“. Im Zentrum einer solchen Bewegung steht aber immer der unmittelbare Zusammenhang mit den täglichen, konkreten Problemen der Menschen und die Notwendigkeit, sie zu ermächtigen, ihnen Handlungsoptionen aufzuzeigen und sie zu Subjekten der Veränderung zu machen.

Ist das nicht nur ein frommer Wunsch, wenn Menschen im täglichen Überlebenskampf stehen?

Vishwas Satgar: Nein, das ist kein Gegensatz. Auch um zu überleben, müssen sie handeln. Es geht um Zero Waste, um gesunde Lebensmittel und um nachhaltige Produktion.

In der Charter steht der Satz, Wissen sei „crucial for survival“. Wo siehst du hier die Aufgabe von Schulen, Hochschulen und anderen Bildungseinrichtungen?

Vishwas Satgar: Ja, es gibt noch große Defizite, wenn es um das Wissen über die sich immer weiter verschärfende Klimakrise geht. Hier haben Schulen eine ganz wichtige Aufgabe, die sie in vielen Fällen auch angenommen haben, die sich auch bereits als Teil der Climate-Justice-Bewegung sehen. Hochschulen entwickeln eigene Nachhaltigkeitsstrategien und organisieren Climate Schools, so dass das Thema vom Rand in den Mittelpunkt rückt, zum Mainstreaming wird. Wir brauchen für die Transformation immer auch eine gemeinsame Sprache, deshalb organisiert die Climate-Justice-Bewegung Workshops zum Argumentationstraining und für den Wissenstransfer, unter anderem im Rahmen der Global Labor University. Wissen ist ein Schlüssel und darf nicht von kleinen Eliten usurpiert werden. Wissensproduktion muss wie jede andere Produktion demokratisiert werden, um die sozialökologische Transformation möglich zu machen. Die Probleme liegen alle auf dem Tisch, sie sind real und konkret und für alle Menschen spürbar, in Südafrika mit den extremen Trockenperioden genauso wie in den USA mit enormen Schäden durch Stürme und jetzt auch bei euch mit den großen Überschwemmungen. Darüber müssen wir informieren, wir müssen die Zusammenhänge verständlich machen und aufklären. Die Climate-Justice-Bewegung veranstaltet Seminare und Webinare und einen regelmäßigen Newsletter. Dabei kommt auch der Wissenschaft eine große Verantwortung zu, für die sie mitten in der Gesellschaft stehen muss.

Was kann die GEW als Bildungsgewerkschaft von der Climate-Justice-Bewegung lernen?

Vishwas Satgar: Über die Bedeutung der Lehrkräfte an Schulen und Hochschulen und ihre Verantwortung habe ich schon gesprochen. Deshalb spreche ich lieber über die Gewerkschaften insgesamt. Sie brauchen eine Roadmap für die Transformation, für den Übergang in das karbonfreie Zeitalter und die soziale Ausgestaltung. Wenn die Menschen beteiligt werden, setzt das enorme kreative Kräfte frei. Allerdings müssen die Gewerkschaften auch noch einen Schritt weitergehen und die kapitalistische Wirtschaftsweise grundsätzlich hinterfragen. Sie müssen sich mit kooperativen Wirtschaftsweisen befassen und mit emanzipatorischen Projekten der Solidarwirtschaft und ihre Distanz zu Selbsthilfegruppen überwinden. Die staatliche Planwirtschaft ist keine Alternative, denn auch die Rolle des Staates muss neu überdacht werden. Auch die Privatisierung und der „schlanke Staat“, der das Handeln den Konzernen überlässt, führen in den Abgrund. Gewerkschaften müssen global zusammenarbeiten und Mut machen, nicht mit Schönfärberei, aber doch mit antiapokalyptischen Visionen, mit einem gesellschaftlichen Kompass. Nicht zuletzt brauchen Gewerkschaften wie alle zivilgesellschaftlichen Organisationen auch personelle Ressourcen, Menschen, die sich zentral um Klimapolitik kümmern und dafür sorgen, dass das Thema im Zentrum steht. Climate Mainstreaming, das brauchen auch die Gewerkschaften.

Danke für das Gespräch und auf ein Wiedersehen in Kassel oder in Johannesburg!