Warum mache ich das eigentlich? 

Erfahrungen als GEW-Vertrauensmann an meiner Schule

HLZ 12/2018: Aktiv vor Ort

Die Frage, warum ich mir all das antue, begleitet mich schon lange. Sie taucht in aller Regelmäßigkeit urplötzlich auf. Sie überfällt mich und zerrt an mir. Eine spontane Beantwortung fällt mir gar nicht so leicht. Zu der Funktion eines GEW-Vertrauensmanns meiner Schule bin ich gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Ich bin gleich zu Beginn meines Referendariats in die GEW eingetreten, noch bevor sich die Verbände bei uns Referendarinnen und Referendaren vorgestellt haben. Und nach etlichen Jahren im Schuldienst stelle ich fest: Ich habe die richtige Entscheidung getroffen. 

Wie die Jungfrau zum Kind …

Ein neues GEW-Mitglied, das nicht nur wegen des Rechtsschutzes und der praktischen Schlüsselversicherung eingetreten ist, sondern nicht zuletzt auch aus politischer Überzeugung und dem Gedanken der Solidarität! Das blieb auch der Kollegin nicht verborgen, die bis dahin als GEW-Vertrauensfrau an meiner Schule tätig war und nun kurz vor ihrer Pensionierung stand. Mit einem Lächeln kam sie auf mich zu, drückte ihre Freude aus, dass nun wieder ein junges GEW-Mitglied an der Schule tätig ist. Nachdem sie jede Menge mir schmeichelnde Worte stakkatoartig abgefeuert hatte, kam die Frage, die mich ein für alle Mal für die GEW an meiner Schule einnehmen sollte. „Denkst du, du könntest das eine oder andere Plakat an unser Gewerkschaftsbrett hängen und ab und zu mal ein paar Informationen in die Fächer an unsere Mitglieder verteilen?“, fragte sie mit einem freundlichen Lächeln. „Klar, kein Problem, das kann ich machen“, antwortete ich. „Super, ich war nämlich die ganze Zeit schon auf der Suche nach jemandem, der meine Nachfolge antritt, wenn ich Ende des Schuljahres in Pension gehe. Dann bist du nun der neue Vertrauensmann der GEW an unserer Schule, okay?“ Verdutzt fragte ich, ob dafür nicht eine Wahl notwendig sei, schließlich sollte das Ganze doch auch demokratisch legitimiert sein. „Normalerweise schon, aber glaub mir, die anderen GEW-Mitglieder hier an der Schule sind froh, wenn das jemand übernimmt. Ich hatte ja auch schon jeden einzelnen gefragt, aber niemand wollte Vertrauensperson sein.“

„Du als GEW ...“

Aha, nun war ich es also, der dieses Amt mit den Plakaten und den Flugblättern in den Fächern übernehmen sollte. Kein Problem, das sollte doch eine der leichtesten Übungen sein. Und in der Tat, ich habe nicht die geringste Mühe damit, Plakate aufzuhängen und Schriften zu verteilen. Mein Diplom als schulische GEW-Brieftaube habe ich praktisch mit Bravour bestanden. Womit ich allerdings nicht rechnete, war der Umstand, dass ich plötzlich nicht nur die Vertrauensperson der Gewerkschaft war, nein, ich war urplötzlich die GEW selbst. Wie steht eigentlich die GEW zu dem Thema? Hat sich eigentlich die GEW schon mal damit befasst? Das ist doch was, dem sich die GEW annehmen sollte! Die GEW hatte doch vor ungefähr zehn Jahren eine interessante Broschüre rausgebracht. Gibt es dazu eigentlich Infos von „deiner“ Gewerkschaft? „Du als GEW“ müsstest das ja eigentlich wissen. Dazu habe ich von der GEW noch gar nichts gelesen, kommt da irgendwann noch was? Wenn ich zwischendurch entgegne, dass die GEW doch keine Person ist, sondern eine Gruppe, weshalb praktisch jedes Mitglied irgendwie „die GEW“ ist, heißt es meist: „Ja, ja, ist schon klar.“ Und nach einer kurzen Pause: „Aber sag mal, was hältst du als GEW davon?“ Es ist hoffnungslos. Fragen über Fragen prasseln auf mich ein – und dies mittlerweile seit Jahren. Nachdem ich in den ersten Wochen als noch recht ahnungsloser Frischling diese Flut verzweifelt über mich ergehen lassen musste, ohne dass ich großartig auf etwas eingehen konnte, weiß ich inzwischen auf vieles sogar eine passende und vor allem auch korrekte Antwort. Das Ergebnis sind Kolleginnen und Kollegen, die sich über Auskünfte von meiner Seite freuen, ein Lächeln übrig haben und sich bedanken. Zweifellos sind dies schöne Momente, in denen mir ab und an klar wird, dass mir tatsächlich das entgegengebracht wird, was in dem Wort steckt, das meine Tätigkeit beschreibt: Vertrauen.

Ein einsamer Abend 

Gerade in Phasen, in denen viele Fragen aufkommen, ich gute Auskünfte geben kann und so eine positive Resonanz bekomme, dachte ich mir bisweilen, dass dies doch der optimale Zeitpunkt sei, die an unserer Schule schon länger brachliegende GEW-Schulgruppe zu reaktivieren. Irgendwann ergriff ich die Initiative: Ein gemütlicher Abend sollte es sein, an dem wir uns in einem gegenüber der Schule liegenden Gasthaus zusammenfinden. Auf meine Einladung bekam ich sehr gute Rückmeldungen. Es sei toll, dass endlich wieder etwas gemacht werde, es sei schön, dass ich mich so für die GEW-Leute an der Schule engagiere… Eine verbindliche Zusage hatte ich auch, denn mein Kollege Stefan freute sich ebenfalls sehr auf den Abend. Die meisten anderen meinten, dass sie es noch nicht hundertprozentig sagen könnten, ob sie kommen, doch es sei recht wahrscheinlich. Voller Vorfreude reservierte ich einen Tisch in dem Gasthaus. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Der Reaktivierungsabend der Schulgruppe sollte der letzte Abend sein, den ich in dem Gasthaus verbrachte. Nein, ich benahm mich nicht daneben, ich bekam kein Hausverbot. Doch einen Tisch für 15 Personen in einem proppenvollen Gasthaus reserviert zu haben, an dem letztlich nur zwei Personen Platz nahmen, von denen ein Teilnehmer – Stefan – auch noch gleich sagte, dass er nicht so lang bleiben könne, da er seine Frau noch bei der Betreuung der zwei erkrankten Kinder unterstützen möchte, kann schon mal ein Grund für einen deutlich angesäuerten Blick des Gastwirts sein, wenn ständig Menschen hereinkommen und beim Anblick des Reservierungsschildes auf dem weitgehend freien Tisch kehrt machen und sich wohl nach einer anderen Lokalität umschauen. Das treibt mir bis heute die Schamesröte ins Gesicht, weshalb ich mich lieber nicht mehr blicken lasse.

Dies sind die Momente, in denen ich meine Kolleginnen und Kollegen auf den Mond schießen könnte. Selbiges könnte ich tun, wenn ich Unterschriften sammle, mit denen auf Probleme aufmerksam gemacht werden soll, über die sich das Lehrerzimmer kollektiv beschwert. Wenn es aber darum geht, mit einer Unterschrift persönlich auf einen Missstand aufmerksam zu machen, dann geht die Angst um, dass mit dieser Maßnahme die erhoffte Beförderung bis auf den Sanktnimmerleinstag verschoben werden könnte. Schließlich könnte im Keller des Kultusministeriums ein angestaubter Herr in ausgewaschenem blauem Hemd und beiger Cordweste sitzen, der jeden Mucks einer jeden Lehrkraft gnadenlos notiert und im richtigen Moment zum Schaden der betroffenen Person wieder hervorzaubert. Man muss in diesen Situationen bisweilen schon um Gnade winseln, um vor lauter Mitleid doch noch eine Unterschrift zu bekommen. Doch dann wieder zeigen sie sich wunderbar solidarisch, beteiligen sich trotz ministerieller Drohkulisse am Streik. Während man dann allerdings einigen Personen wieder erklären muss, dass es sich bei einer Demo der GEW am Wochenende nicht um eine Streikmaßnahme handelt, weil man an arbeitsfreien Tagen gar nicht streiken kann und jeder Mensch in diesem Land das Recht hat zu demonstrieren …

Wie man sieht, ist diese Funktion, zu der ich einst an meiner Schule kam, durchaus eine Tätigkeit mit Höhen und Tiefen, sie lässt einen jubeln, sie lässt einen verständnislos an den Kopf greifen.

Und warum mache ich das nun eigentlich? Ich glaube, weil es mir doch irgendwie Spaß macht.

Holger Giebel