Aktiv vor Ort

Kommentar

HLZ 12/2018

Kein Zweifel: Viele Kolleginnen und Kollegen sind an hessischen Schulen für die GEW „aktiv vor Ort“. Sie rackern sich ab und sind als GEW-Vertrauensleute, als „Gesicht der GEW“ an der Basis für eine Ehrenamtsgewerkschaft unverzichtbar. Sie machen das ohne jeden Ausgleich, ohne Entgelt und zumeist über viele Jahre und Jahrzehnte hinweg. Die GEW ist ihnen zu größtem Dank verpflichtet.

Aber genauso muss man konstatieren, dass die Zahl der aktiven GEW-Vertrauensleute abnimmt und noch stärker die der aktiven Schulgruppen. Für Vertrauensleute, die in den Ruhestand gehen, wird es immer schwerer, eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger zu finden. Dafür gibt es sicher viele Gründe, vor allen anderen die enorm angestiegene Arbeitsbelastung. Unverplante Zeiträume waren schon immer knapp, aber in Zeiten der Ganztagsschule und vieler Zusatzaufgaben werden sie so selten wie das Wasserloch in der Wüste. Geändert hat sich auch der Zeitgeist. Das neoliberale Mantra, dass an alle gedacht sei, wenn jeder und jede an sich selber denkt, verfehlt seine Wirkung nicht. Solidarisches Handeln für gemeinsame Ziele ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Und wir begegnen einer neuen Ängstlichkeit, Probleme und missliche Zustände zu benennen und aktiv anzugehen. Einschränkungen des PoWi-Unterrichts und die Verschulung des Studiums können dazu führen, dass eine neue Lehrkraft im Vorbereitungsdienst in der Schule nie etwas über Gewerkschaften gelernt und an der Hochschule nie etwas von der GEW gehört hat.
Die GEW-Richtlinien für Vertrauensleute stammen aus dem Jahr 1984. Die dort beschriebenen bürokratischen Strukturen, wonach Vertrauensleute „Sprecherinnen und Sprecher der GEW-Gruppen“ sind und diese „gegenüber den Vorgesetzten“ vertreten, haben mit der Realität in den meisten Bildungseinrichtungen kaum mehr etwas zu tun. Und gerade jüngere Kolleginnen und Kollegen kann man mit solchen Zuschreibungen kaum für diesen „Posten“ begeistern. 

Dabei zeigen verschiedene Befragungen, dass es diesem „Zeitgeist“ zum Trotz durchaus GEW-Mitglieder gibt, die sich selbst als „aktivierbar“ bezeichnen und bereit wären, auch aktive Gewerkschaftsarbeit zu leisten (HLZ S.17). In der GEW Hessen hat sich eine Arbeitsgruppe „Basisarbeit“ mit der Frage beschäftigt, wie man dies fördern kann. In regionalen Aktionswochen wollen wir Ende 2018 Kolleginnen und Kollegen motivieren, „aktiv vor Ort“ zu werden und nach und nach die Aufgaben einer Vertrauensperson zu übernehmen. Dabei setzen wir in der Zusammenarbeit mit den Kreisvorständen auf die direkte Ansprache „von Angesicht zu Angesicht“. Weitere Angebote für den überregionalen Austausch und die Vernetzung und Unterstützung der Aktiven vor Ort sollen 2019 folgen.

Auf eine Tasse Kaffee, liebe Kollegin, lieber Kollege! Das ist unser Angebot, denn auch in den Zeiten von Internet, Smartphones und Messengerdiensten können wir uns nicht darauf verlassen, dass der Datenfluss von den Schulen in die GEW-Vorstände und die Übermittlung von gewerkschaftlichen Informationen allein digital zu bewerkstelligen sind. Wir brauchen Menschen, die vor Ort aktiv werden, den Austausch suchen, Probleme benennen und auch für die Verbreitung so altmodischer Informationsmittel wie Plakate, Infobroschüren und Flugblätter sorgen. Gesellschaftliche Zustände lassen sich nicht durch das Anklicken eines Like-Buttons verändern. Verbesserungen lassen sich nur gemeinsam erstreiten, vorzugsweise analog. Dazu brauchen wir Kolleginnen und Kollegen, die die GEW erlebbar machen, die Vertrauen genießen und denen es Freude macht, aktiv vor Ort zu sein. Den Strauß der Ideen, aber auch die Stolpersteine präsentieren wir in dieser HLZ. 

Tony Schwarz

Tony Schwarz ist stellvertretender Landesvorsitzender der GEW und koordiniert die Arbeitsgruppe „Basisarbeit“ und die Kampagne „Aktiv vor Ort“. Wer sich über die Angebote der GEW für ehrenamtliches Engagement informieren oder Anregungen und Ideen einbringen möchte, kann sich an die GEW-Kreisverbände oder per E-Mail an Tony Schwarz persönlich wenden.

 tschwarz@gew-hessen.de