шановні колеги

Besuch unserer ukrainischen Schwestergewerkschaft TUESWU | HLZ Juni 2026

„шановні колеги“ – „Liebe Kolleg:innen“: So bringt unsere Übersetzerin Marta immer wieder die Gruppe zusammen. Nicht, weil jemand unaufmerksam wäre, sondern weil zwischen den Programmpunkten sofort neue Gespräche entstehen. Kaum ist ein Thema beendet, geht es im kleinen Kreis weiter.

Vom 12. bis 18. April war eine 13-köpfige Delegation unserer Schwestergewerkschaft TUESWU aus der Ukraine zu Gast bei den GEW-Landesverbänden Hessen und Rheinland-Pfalz. TUESWU steht für „Trade Union of Education and Science Workers“. Mehrere regionale Vorsitzende sowie die stellvertretende Vorsitzende Olha Chabaniuk gehörten der Delegation an. Der Besuch fand im Rahmen eines vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung geförderten Partnerschaftsprojekts statt und führte die Kolleg:innen zunächst nach Frankfurt, später weiter nach Mainz.
Die TUESWU, gegründet 1990 als Nachfolgerin der sowjetischen Bildungsgewerkschaft, ist der GEW in vielem ähnlich: Hier organisieren sich Lehrkräfte ebenso wie Mitarbeitende aus Hochschulen sowie der frühkindlichen Bildung – also aus allen Bereichen, die mit Bildung, Erziehung und Wissenschaft zu tun haben. Die TUESWU ist mit knapp einer Million Mitglieder fast viermal so groß wie die GEW, und das obwohl die Mitgliederzahl seit der Annexion der Krim durch Russland und vor allem seit dem Beginn des Angriffskriegs 2022 stetig sinkt. Noch 2016 hatte TUESWU knapp 1,7 Millionen Mitglieder und war damit die größte Gewerkschaft des Landes.

Gewerkschaftsarbeit bei Kriegsbedingungen

Neben manchen formalen Gemeinsamkeiten wurde am ersten Programmtag sofort deutlich, wie unterschiedlich die Ausgangsbedingungen sind. Während wir über Aktionen, Zuständigkeiten und Mitgliederentwicklung sprachen, standen für die ukrainischen Kolleg:innen ganz andere Fragen im Raum: Wie bleibt Gewerkschaftsarbeit möglich, wenn Schulen zerstört sind, Kolleg:innen sowie Schüler:innen fliehen mussten und Rechte eingeschränkt werden? Da ein Fenster unseres Sitzungsraums offenstand, hörten wir Fluglärm und die Kolleg:innen erschraken. Kurz darauf zeigten sie uns, wie die App aussieht, die gerade in diesem Augenblick zu Hause alle mit Luftalarm warnte.

Besonders eindrücklich waren die Berichte aus dem schulischen Alltag in der Ukraine: Lehrkräfte sind verpflichtet, bei jedem Luftalarm mit ihren Klassen in die Bunker zu rennen – eine emotionale Belastung, die kaum vorstellbar ist. Dazu kommen der kalte Winter bei Strom- und Heizungsausfällen, provisorische Klassenräume sowie Online-Unterricht, da die Schüler:innen über verschiedene Länder verstreut sind. 
TUESWU unterstützt dabei ganz konkret, etwa mit Generatoren oder mit pragmatischen Lösungen für bauliche Fragen. Gleichzeitig sind gewerkschaftliche Handlungsmöglichkeiten, wie nicht zuletzt das Streikrecht, durch das Kriegsrecht stark eingeschränkt.

Schule zwischen Alltag und Ausnahmezustand

Beim Besuch der IGS Herder in Frankfurt wurden wir herzlich vom Kollegium empfangen und durften während der sogenannten „Kompass-Zeit“ und dem „Lernbüro“ in der 5. und 6. Klasse hospitieren. Da gleichzeitig eine weitere Delegation der PDSZ (Teachers‘ Democratic Union of Hungary) aus Ungarn beim Hauptvorstand zu Besuch war, waren wir zusammen rund 30 Personen. Eine Gruppe Schüler:innen aus verschiedenen Klassenstufen hat sich die Zeit genommen, uns durch ihre Schule zu führen und alles zu erklären. Besonders berührend waren die Gespräche zwischen den ukrainischen Schüler:innen an der IGS Herder und der TUESWU-Delegation.

Eine weitere Station im hessischen Teil des Programms war ein Besuch des Campus Westend der Goethe-Universität, den wir mit einem Austausch mit der GEW-Betriebsgruppe verbanden. Auch eine Führung durch die Frankfurter Neue Altstadt fand statt.In Rheinland-Pfalz stand unter anderem ein weiterer Schulbesuch sowie die Teilnahme an einer Sitzung des geschäftsführenden Vorstands auf dem Programm. Eine Tour in den Rheingau sorgte für einen touristischen Ausgleich.
Perspektiven aus Ungarn

Der Austausch mit den ungarischen Kolleg:innen brachte eine weitere Perspektive ein: Kurz nach der Abwahl des rechtsextremen Langzeitherrschers Viktor Orbán war ihre Stimmung von vorsichtiger Hoffnung geprägt. Gleichzeitig wurde deutlich, wie hartnäckig gewerkschaftliche Kämpfe in einem autoritären Umfeld geführt werden müssen. Dass die ungarische Regierung die russischen Angriffe auf die Ukraine lange nicht klar benannt hat, wurde dabei auch emotional diskutiert. Die PDSZ ist eine kleine und unabhängige Bildungsgewerkschaft, die bereits in der Vergangenheit mit der GEW zusammengearbeitet hat. In den letzten Jahren hat sie mit ihrem kreativen Protest zur politischen Veränderung in Ungarn beigetragen.

Bei der gemeinsamen öffentlichen Veranstaltung im DGB-Haus am 15. April kamen diese Erfahrungen zusammen. Philipp Jacks, Geschäftsführer der DGB Region Frankfurt-Rhein-Main, begrüßte die Teilnehmenden. Die Moderation übernahm Thilo Hartmann, Vorsitzender der GEW Hessen. Nach Berichten von Olha Chabaniuk und Erzsébet Nagy, Vorstandsmitglied der PDSZ, kam das Podium erst miteinander und dann mit dem Publikum ins Gespräch.

Die Delegationsreise ist aus unserer Sicht rundum geglückt: Nachdem die Kolleg:innen begeistert mit uns auch Apfelwein getrunken und Handkäs und Grüne Soße gegessen haben, sind sie jederzeit wieder in Frankfurt willkommen. Dass all das möglich war, lag nicht zuletzt an den Übersetzer:innen, die während des Austauschs durchgehend simultan ins Deutsche oder Ukrainische übersetzt haben. Ein weiterer Dank geht an Carmen Ludwig und Mathis Wilk, die beim Hauptvorstand für Internationales zuständig sind und die das Projekt geplant und begleitet haben. Mit der GEW Rheinland-Pfalz konnten wir uns bei der Gestaltung des Programms gut ergänzen. Am Ende bleibt vor allem der Wunsch, den Austausch fortzusetzen, und die Hoffnung, die Kolleg:innen möglichst bald in der Ukraine besuchen zu können.