Die Geschichte der Arbeitsmigration ist ein permanenter Kampf um bessere Arbeitsbedingungen und faire Löhne – und zugleich ein Kampf um Anerkennung und gegen Diskriminierung. Die migrantischen und die gemeinsamen Kämpfe ab den späten 1960er Jahren waren Katalysatoren des sozialen Fortschritts. Sie waren eine notwendige Etappe des Kampfes gegen Zumutungen des Kapitalismus und die Überausbeutung. Sie waren auch – und sind es noch heute – ein Kampf gegen Rassismus, gegen die Verletzung der Menschenwürde sowie gegen die Reduktion der Menschen auf ihre ökonomische Brauch- und Verwertbarkeit.
Diese sozialen Kämpfe in Form spontaner Streiks, die ihren Höhepunkt im Sommer 1973 hatten, haben einen wichtigen Beitrag zur Humanisierung der Arbeitswelt geleistet. Auch die Aufwertung der unteren Lohngruppen, die Abschaffung der Frauen diskriminierenden Leichtlohngruppen, die Verlängerung des Tarifurlaubs und die Verkürzung der Wochenarbeitszeit wurden durch sie beschleunigt. Aktuell gewinnen die migrantischen Kämpfe erhöhte Aufmerksamkeit, so dass heute Aktive ebenso wie Zeitzeug:innen der vergangenen Kämpfe glauben, dass wir erst am Anfang einer gründlichen Aufarbeitung stehen. Das wachsende Interesse auch von Künstler:innen und die kreative Auseinandersetzung mit den damaligen Ereignissen bekräftigen diesen Eindruck.
Spontane Streiks
Auch wenn diese „wilden“ Streiks an den Gewerkschaftsvorständen vorbei und ohne Urabstimmung durchgeführt wurden – die Streikenden waren Gewerkschafter:innen und die Streiks richteten sich ausschließlich gegen die Arbeitgeber. Auch die Ziele wurden allein von den betroffenen Arbeitnehmer:innen bestimmt. Diese spontanen Streiks haben den Gewerkschaften nicht geschadet, sondern sie tarif-, organisations- und gesellschaftspolitisch enorm gestärkt. Die ab 1969 sprunghaft angestiegenen Mitgliederzahlen, die Politisierung und das geschärfte Selbstbewusstsein von Gewerkschaftsaktivist:innen sind hierfür die besten Beweise.
Beeindruckt von der Kampfbereitschaft der migrantischen Arbeiter:innen und aus Furcht vor weiteren Unruhen haben Gewerkschaften und Betriebsräte angefangen, die Belange der Arbeitsmigrant:innen stärker zu berücksichtigen und sie in betriebliche und gewerkschaftliche Gremien der Interessenvertretung einzubeziehen. Ohne Übertreibung kann die erfolgreiche Inklusion und Teilhabe der Arbeitsmigrant:innen als einer der größten organisationspolitischen Erfolge der IG Metall bezeichnet werden. Das kann man nicht nur an den rasant gestiegenen Mitgliederzahlen unter den Migrant:innen festmachen, sondern auch an ihrer Kampffreudigkeit, Kampfbereitschaft und Kampffähigkeit, wie schon damals festgestellt wurde.
Daran können wir erkennen, dass die Migrant:innen nicht passiv in die Gewerkschaften eingetreten sind. Vielmehr haben sie ihre Gewerkschaften, die auf eine lange, stolze Geschichte zurückblicken, geprägt und weiterentwickelt. Christiane Benner, die damals zweite und inzwischen erste Vorsitzende der IG Metall, schrieb 2022, dass die Migrant:innen mit ihrer Anwerbung nicht als „Gäste in unser Haus“ eingewandert sind, sondern dass sie das Haus Bundesrepublik Deutschland mitaufgebaut und nachhaltig mitverändert haben.
Prekarität heute
Aus aktuellem Anlass halte ich es für notwendig, die migrantischen Kämpfe immer wieder neu zu erzählen. Denn in Deutschland gibt es viele Branchen, die Ausbeutung als Geschäftsmodell betreiben. Es gibt Millionen Menschen in Deutschland, die unter prekären Bedingungen arbeiten, wohnen und leben. Viele von ihnen haben einen Migrationshintergrund, oft sind sie in feminisierten Branchen tätig. In vielen dieser Branchen gibt es keine Gewerkschaften, keine Tarifverträge, keine Betriebsräte – und somit keine Demokratie. Aber es gibt zuhauf kriminelle Praktiken, halbsklavische Verhältnisse und rassistische Zuschreibungen.
Aus diesem Grund ist die Erinnerung an die vergangenen Kämpfe der Migrant:innen vor allem auch eine Ermutigung der prekär Beschäftigten von heute,
- sich wie die erste Generation der Migrant:innen gewerkschaftlich zu organisieren,
- Solidaritätsvereine zu gründen,
- mit kreativen Aktionen die kriminellen Machenschaften des „neuen Kapitalismus“ zu bekämpfen und
- selbstbewusst und entschieden gegen Ausbeutung, Ausgrenzung und Rassismus aufzustehen.
Der Rassismus wurde – und wird noch immer – nicht thematisiert, wenn er aus der bürgerlichen Mitte kommt, sondern nur, wenn er von Rechtsextremisten ausgeht und mit seiner Radikalität und Brutalität Schaden für die Exportwirtschaft oder für das Ansehen Deutschlands zu verursachen droht. Die Auseinandersetzung mit den spontanen Streiks der Migrant:innen ist mehr als eine bloße Erinnerung an historische Ereignisse. Diese Streiks verkörpern den mutigen Kampf um Gerechtigkeit, Solidarität und Würde. Noch heute wirken ihre Impulse nach, indem sie unser Verständnis von Zusammenhalt und Widerstand in einer Gesellschaft prägen, die heute nicht weniger, sondern mehr spaltet. Deshalb sind sie zugleich eine Inspirationsquelle für die prekär Beschäftigten von heute und für künftige Generationen.
Die Erinnerung an migrantische und gemeinsame Kämpfe gegen Ausbeutung und Rassismus ist kein Kampf um Identität, sondern ein Kampf um die Realisierung zentraler demokratischer Normen: Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit für alle – auch und gerade in der Arbeitswelt. 70 Jahre nach dem ersten Anwerbeabkommen sind migrantische und gemeinsame soziale Kämpfe notwendiger denn je. Sie stärken zudem demokratische Einstellungen in der Arbeitswelt, indem sie faire Löhne, Tarifbindung, Mitbestimmung und Respekt fördern. Und sie helfen uns, ein neues gemeinsames „Wir“ zu entwickeln. Das ist eine Voraussetzung und Bewährungsprobe, um die postmigrantische Gesellschaft solidarisch zu gestalten. Deshalb sind soziale Kämpfe auch eine wirksame Antwort auf Rassismus und Nationalismus.
Zur Fachtagung am 19. März 2026
Nihat Öztürk kam 1973 im Rahmen eines Anwerbeabkommens aus der Türkei nach Deutschland. Er arbeitete zunächst als Gießereiarbeiter und Elektroschweißer, studierte anschließend Soziologie und war dann beim DGB und der IG Metall tätig.