Rückkehr aus dem Exil

Der chilenische Autor Luis Sepúlveda starb im April 2002

HLZ 7-8/2020

Luis Sepúlveda starb am 16. April 2020. Aus diesem Anlass las ich den Roman „Der Schatten dessen, was wir waren“ noch einmal. Vor einem Jahr erst hatte ich den chilenischen Autor während meiner Chilereise entdeckt.

Drei alt gewordene Männer, ehemalige Freunde und politische Weggefährten, Anhänger Allendes, treffen sich nach 30 Jahren in Luchos Werkstatt in Santiago: Lucho hat nach dem Pinochet-Putsch Folter und Lager überlebt und eine Kugel im Kopf. Cacho ist aus dem europäischen Exil zurückgekehrt, glaubt aber, „dass man aus dem Exil nicht zurückkommt.“ (S. 33) Auch Lolo ist aus dem Exil zurück, mit 30 kg Übergewicht, „ein Kilo für jedes Jahr.“ (S. 57) Sie warten auf den „Experten“, einen alten Anarchisten, um die Geldbeute aus dem ersten Banküberfall der chilenischen Geschichte, den der Großvater des „Experten“ mit drei spanischen Anarchisten 1925 verübt hatte, aus dem sicheren Versteck zu holen. Während sie warten, sprechen sie über die Zeit des Exils und ihr Leben nach der Rückkehr. Nach „mehr als nur einer homerischen Heimkehr nach nirgendwo“ (S. 31) erkennen sie Santiago nicht wieder, die „feindselige Stadt (…) mit all den Narben dessen, was sie einst gewesen war.“ (S. 114) Aber immer noch werfen die drei Männer „die Schatten dessen, was sie einmal gewesen waren.“ (S. 126) Concha wird durch einen unglücklichen Zufall zur Mörderin. Aus Wut über ihren Mann Coco, einen Träumer, der nach der Rückkehr des Paares aus dem Berliner Exil nichts zustande bringt, wirft sie die Wohnungseinrichtung aus dem Fenster: Bücher von Galeano (Die offenen Adern Lateinamerikas) und Fromm (Die Kunst des Liebens), Platten von Quilapayún und den Dual-Plattenspieler, der einen Passanten erschlägt. Es ist der „Experte“, auf den die drei Männer nun vergeblich warten. Stattdessen taucht Coco auf, der bei dem Toten eine Telefonnummer gefunden hat, die eine Aktion ermöglicht, um das Geld aus dem Versteck zu holen.

Im Fall des getöteten „Experten“ ermittelt der sympathische, abgeklärte Inspektor Crespo. Er hat die Allende-Zeit und die Diktatur erlebt und gibt seiner jungen Kollegin Adelita eine Geschichtsstunde. Er wird eine erstaunliche Entscheidung treffen und verhindern, dass ein politischer Skandal noch einmal vertuscht wird. Mehr soll nicht verraten werden.

Das Buch hat nur 156 Seiten. Der Stil ist knapp, ironisch, lakonisch. In eine Kriminalgeschichte verpackt, mit wenigen Worten und verblüffendem Humor werden die Geschichte der Hoffnung auf Demokratie der Allende-Zeit, ihre gewaltsame Zerstörung mit dem Pinochet-Putsch und die Folgen der Diktatur lebendig, auch die Schwierigkeiten der aus dem Exil Zurückgekehrten, die sich in Chile nicht mehr zurechtfinden. Manches ist autobiografisch. Luis Sepúlveda wurde 1949 geboren und gehörte zu Allendes persönlicher Leibgarde. Nach dem Putsch am 11. September 1973 wurde er verhaftet, gefoltert und zu 28 Jahren Haft verurteilt. Das Urteil wurde nach internationalen Protesten in acht Jahre Exil umgewandelt. Sepúlveda lebte seither im Exil, unter anderem zehn Jahre in Hamburg, zuletzt im nordspanischen Gijón. Er wurde eines der ersten Opfer von COVID 19 in Nordspanien.

Ursel Bös

Ursel Bös war bis zu ihrer Pensionierung Lehrerin für GL, Deutsch und Französisch an der Gesamtschule in Kelsterbach. Das von ihr unter dem Titel „Die doppelten Jahre“ übersetzte und edierte Tagebuch der Schülerin Micheline Bood aus den Jahren 1940 bis 1944 in Paris stellten wir in der HLZ 1-2/2018 vor.  


Luis Sepulveda: Der Schatten dessen, was wir waren. Rotpunktverlag Zürich 2011. 156 Seiten, 18 Euro