Rosa Luxemburg "Massenstreik, Partei und Gewerkschaft"

Wiederentdeckt von Anne Engelhardt

HLZ 7-8/2020

Es beeindruckt mich immer wieder in was für bewegten Zeiten Rosa Luxemburg lebte. Häufig versuchte sie nicht nur vom Schreibtisch die politischen Entwicklungen, wie den Massenstreik im noch zaristischen Russland 1905, zu verfolgen, sondern sich vor Ort einzubringen. Das liest sich in jeder Zeile von „Massenstreik, Partei und Gewerkschaft“: Luxemburg schreibt davon, wie Arbeitsmigrant*innen aufgrund ihrer Streikbeteiligung und der Wirtschaftskrise abgeschoben wurden und dass dies zu weiteren Arbeitsniederlegungen in weiteren Orten und neuen Sektoren (Hafen, Eisenbahn, Landarbeiter*innen etc.) führte. Sehr lebendig skizziert sie, wie Kämpfe in einzelnen Sektoren sich gegenseitig inspirieren, wie sie zu politischen Kämpfen (Wahlrecht, Streikrecht, Koalitionsrecht etc.) anschwellen und dann wiederum neue ökonomische Forderungen (Achtstundentag, Lohnerhöhungen) auf die Tagesordnung werfen. Politische und ökonomische Kämpfe und Kampfformen, wie Demonstrationen und Streiks, schließen sich dabei nicht aus, sondern befruchten einander. Luxemburg diskutiert auch die Rolle von Gewerkschaften und inwiefern diese keineswegs neutraler, sondern auch politisch positionierter Teil solcher Bewegungen sein müssen. Das ist insbesondere dann der Fall, wenn die Sozialdemokratie keine entsprechende Rolle mehr spielt, um gegen den kapitalistischen Wahnsinn aktiv zu sein.

Auch heute überschlagen sich weltweit die Ereignisse: Hier wird die Corona-Pandemie wird genutzt, um für ‚systemrelevante‘ Kolleg*innen den 12 Stundentag einzuführen, den Mindestlohn einzufrieren und in vielen Betrieben mit Stellenabbau zu drohen. Daneben sehen wir weltweit und auch hierzulande politische Kämpfe z. B. gegen rassistische Staatsgewalt und die Klimakatastrophe. Luxemburgs Text macht deutlich, dass sich diese Kämpfe nicht ausschließen, dass sich Gewerkschaften und soziale Bewegungen solidarisieren und inspirieren.

Dabei lassen sich Massenstreiks oder -bewegungen nicht ‚produzieren‘. Es braucht jedoch bei einer Zuspitzung sozialer Widersprüche manchmal nur einen Funken, um die gesellschaftlichen Verhältnisse zum Explodieren zu bringen. Massenproteste wie sie momentan in den USA angesichts der Ermordung von George Floyd stattfinden, suchen ein politisches Ventil angesichts jahrelanger Armut, fehlendem Wohnraum, der Auswirkung von Corona auf Schwarze etc. Viele US-Gewerkschaften solidarisieren sich, Busfahrer*innen unterstützen die #BlackLivesMatter Bewegung, indem sie sich weigern, gefangen genommene Protestierende für die Polizei abzutransportieren.

Laut Luxemburg haben solche Bewegungen das Potential demokratische Strukturen wie linke Parteien und Gewerkschaften zu entwickeln, die Kolleg*innen und Aktive schulen können, um bei weiteren Anläufen gegen Klimakrise, Entlassungen, Rassismus und Krieg Erfolge zu erzielen.

Anne Engelhardt


Rosa Luxemburg: Massenstreik, Partei und Gewerkschaften. Manifest Verlag 2020. 125 Seiten. 8,90 Euro