Politische Kriminalromane

Manfred Pöller empfiehlt die Bücher von Philip Kerr

HLZ 7-8/2020

Wenn man sich mit dem heutigen Rechtsradikalismus beschäftigt, dann kommt man unweigerlich auch zu den Nachkriegsjahren zurück und zu der Frage, warum so viele bekannte und weniger bekannte NS-Täter straflos entkommen konnten. Viele Einzelfälle wurden wissenschaftlich fundiert recherchiert, andere findet man in spannenden Romanen, unter anderem in den Büchern des 2018 verstorbenen britischen Autors Philip Kerr.

Mit Staunen und Befremden, aber auch mit Lesevergnügen entdeckte ich seine schon fast vergessenen Krimis, die in den Nachkriegsjahren zwischen 1945 und 1952 spielen. Philip Kerr hat mit Bernie Günther eine Detektivfigur mit Widersprüchen entwickelt. Günther, der in der NS-Zeit in der Berliner Kripo sogar formal der SS beigetreten war, sucht in der Wiederaufbauzeit als Detektiv mit kuriosen Aufträgen nach untergetauchten Nazis oder ist der Vertuschung von Geldtransaktionen auf der Spur. Dabei kommt ihm sein Insiderwissen zu Gute. Philip Kerr versteht es meisterhaft, seine Hauptfigur in bitterböser, zynischer, manchmal komischer Art in zwielichtigen Milieus agieren zu lassen, wobei er auch einiges an Gewalt erleiden muss. Aber wie ein Stehaufmännchen erfindet er sich neu und kann seine hartnäckigen und bösartigen Verfolger entlarven.

In „Janusprojekt“, das im Jahre 1949 spielt, lässt er sich scheinbar auf eine Geldtransaktion ein, reist mit Eichmann und einem Bekannten sogar nach Israel, um bei seiner Rückkehr übel zusammengeschlagen zu werden. Zur Genesung trifft er auf einen Virologen und dessen Freunde und darf sich in der Nähe von Garmisch-Partenkirchen in einem privaten Sanatorium erholen. Bernie fragt sich immer wieder, wie tief er sich in die Machenschaften der Nazitäter hineinziehen lässt. Wie kann es sein, dass Ärzte, die Menschenexperimente im KZ durchgeführt haben, nun ihre Forschungsarbeit in Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Militär fortsetzen können und Impfstoffe an amerikanischen Gefangenen erproben dürfen? Auch bei der Frage nach persönlicher Rechtfertigung von furchtbarer Rache lässt der Autor seine Hauptfigur in Zweifeln zurück.

Wenn nur ein Teil der von Kerr im Roman ausgebreiteten Fakten über die Unterstützungssysteme für ehemalige Naziverbrecher in der Nachkriegszeit stimmt, und davon gehe ich nach der Lektüre von Kerrs Büchern aus, dann wirft das auch ein bestürzendes Licht auf die heutige Zeit. Wieviel wissen wir über die geheimen Verflechtungen von Rechtsradikalen und Neonazis im Verfassungsschutz oder im Polizeiapparat? Die Öffentlichkeit wird immer wieder erst dann informiert, wenn es einen neuerlichen Skandal gibt.

Ich kann am Ende der spannenden Lektüre die Bücher von Philip Kerr nur empfehlen, vor allem die Berlin-Trilogie. Es gibt neben den grausamen Szenen auch viel Raum für vergnügliche und ironische Episoden, menschliche Tragödien und Liebesgeschichten. Detektiv Bernie Günther ist nicht der strahlende Held, sondern lässt sich oft hinters Licht führen, wird von schönen Frauen reingelegt, aber er hinterfragt sich auch und das macht ihn sympathisch.

Manfred Pöller

Manfred Pöller war Lehrer und Leiter der Schreibwerkstatt an der Alexander-von-Humboldt-Schule Rüsselsheim und ist stellvertretender Vorsitzender des Vereins Lesen und Lesen lassen in Rüsselsheim, der unter anderem die jährlichen Jugendbuchwochen veranstaltet.


Philip Kerr: Das Janusprojekt (Bernie Günther ermittelt, Band 4). Rowohlt Hamburg 2009. 449 Seiten. 10,99 Euro