Pharmacie Littéraire

Birgit Koch träumt vom Hausboot in der Provence

HLZ 7-8/2020

Vielleicht werden wir in diesem Sommer nicht nach Frankreich, nicht nach Paris und nicht in die Provence in den Urlaub fahren (wollen). Dann ist der Roman „Das Lavendelzimmer“ von Nina George das richtige Buch, das uns von Paris, dem kühlen Norden, mit dem Hausboot in den warmen Süden Südfrankreichs nach Avignon mitnimmt. Jean Perdu ist Buchhändler. Seinen Laden betreibt er auf einem Boot, der Pharmacie Littéraire. Er ist Meister darin zu erspüren, welches Buch für seine Kunden gerade das richtige ist, denn Literatur und das Lesen sind für ihn heilende Medizin.

Das traurige, einsame, gequälte Leben von Jean Perdu wird seinem Namen gerecht. Seine Geliebte Manon, die im Süden mit ihrem bodenständigen Ehemann Luc auf einem Weingut und in Paris mit Jean lebte, hat ihn vor 21 Jahren ohne ein Wort der Erklärung verlassen. Wochen später traf ein Brief von Manon ein, doch er hat ihn nicht geöffnet. Er war wütend, in seiner Eitelkeit verletzt, stolz, unendlich verzweifelt und traurig. Nach 7.216 Nächten öffnet er nun den Brief. Und dieser Brief verändert alles. Er entlässt ihn aus seiner Erstarrung. Er kappt die Leinen des Schiffes und fährt los in Richtung Süden zu Manon, von der er jedoch nach der Lektüre des Briefes annehmen muss, dass sie gestorben ist. In ihrem Brief, den er, ohne ihn zu lesen, so falsch gedeutet hat, bittet sie ihn, zu kommen und in ihren letzten Stunden bei ihr zu sein.

Jean Perdu reist nicht allein. Mit an Bord der „Lulu“ sind Max, ein Schriftsteller, Cuneo, der Schiffskoch, Samry, ebenfalls eine Schriftstellerin, und zwei Katzen. Die Gespräche der Protagonisten drehen sich um die Liebe, vor allem um die verloren geglaubte Liebe, die das Leben bis in die Gegenwart hinein prägt: „Wir tragen sie alle in uns, unsere Toten und zerschlagenen Lieben. Sie machen uns erst ganz.“ Natürlich spielt die Literatur eine wichtige Rolle. Berührt hat mich die Interpretation von Hermann Hesses Gedicht „Stufen“, eingewoben in den Roman wird immer wieder Manons Tagebuch. Die Reise auf dem Wasser endet in Avignon. Jean und Max finden in Südfrankreich ihre neue Heimat und beginnen ein neues Leben, Cuneo und Samry übernehmen die „Lulu“. Und was die Liebe von Manon und Jean betrifft: Lest den Roman!
Ein herrliches Sommerbuch: Wir fahren beim Lesen mit Jean Perdu durch die kleinen Kanäle, wir erleben die Landschaften und Düfte der Provence. Wir sind in Frankreich! Und es wird natürlich herrlich gekocht! Im Anhang erwarten uns Rezepte für landestypische Gerichte, die mit ihrem Duft und mit ihren Farben diese außergewöhnliche Reise begleiten.

Birgit Koch

Birgit Koch ist – im Tandem mit Maike Wiedwald – Landesvorsitzende der GEW Hessen.


Nina George: Das Lavendelzimmer. Knaur München 2017. 512 Seiten, 12 Euro