Mantel des Schweigens

Alfred Harnischfeger empfiehlt „Wolfszeit“ von Harald Jähner

HLZ 7-8/2020

Auf die Frage, welches Buch ich zum Lesen empfehle, fiel mir spontan „Wolfszeit“ von Harald Jähner ein. In seiner „Mentalitätsgeschichte“ der Nachkriegszeit, die mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2019 ausgezeichnet wurde, beschreibt der Autor auf wunderbar einfühlbare Weise, wie aus dem Chaos des Jahres 1945 nach und nach wieder eine Gesellschaft wurde, die den Menschen Halt und Orientierung gab.

In vielen kleinen Episoden konnte ich meine eigene Kindheit (Jahrgang 1944) wiederentdecken, das Leben auf dem Dorf im Kinzigtal und später in der Nähe von Fulda. Es war ein Leben in Armut, obwohl wir das so nicht empfunden haben. Nachdem wir jahrelang mit einer aus Stoffresten umwickelten Pille Fußball gespielt hatten, bekam ich zu meinem 10. Geburtstag einen echten Lederball. Ansonsten waren wir noch Messdiener und gingen zur Schule. Das Buch ist für mich eine Reise des Erinnerns und des erneuten Staunens darüber, dass wir auf unsere Fragen, wie das alles passieren konnte, keine Antwort bekamen. Dagegen stand der Wunsch der Mehrheit der Bevölkerung, den Mantel des Schweigens und des schnellen Vergessens über die Vergangenheit zu legen. Eindrucksvoll beschreibt der Autor, dass die deutsche Nachkriegsbevölkerung sich in der Mehrzahl als Opfer des Hitlerfaschismus empfand, nicht als Täter oder Mitläufer.

Der Krieg kam in den Erinnerungen der ehemaligen Soldaten gar nicht vor oder als Anekdote von der hartgefrorenen Blutwurst aus der Heimat. Die zwölf Jahre von 1933 bis 1945 spielten im Bewusstsein der Menschen anscheinend keine Rolle. Es war ein kollektives Verschweigen, wenn man  von einigen öffentlichen Feiern oder Bekenntnissen absieht.
Der Autor zeigt eindringlich einen trotzigen, auf das Materielle ausgerichteten Überlebenswillen und die Verweigerung, sich mit der eigenen Schuld auseinanderzusetzen.

Die Alliierten hatten das Sagen und die Menschen waren fast ausschließlich mit dem Wiederaufbau beschäftigt. Dass Deutschland den Krieg angefangen hatte, der am Ende fast 60 Millionen Menschen das Leben kostete, darüber wurde nicht gesprochen. Dafür umso mehr über den Gewinn der Fußballweltmeisterschaft 1954, denn jetzt waren wir wieder wer.
Heute wissen wir, dass „die Erinnerung an die Verbrechen der Nazis zum substanziellen Kern der deutschen Kultur gehört“. Besonders bedrückend fand ich, dass und wie Relativierungen der Naziverbrechen unwidersprochen hingenommen wurden. Heute steht nicht mehr die Frage des Dafür- oder Dagegenseins im Mittelpunkt, es ist vielmehr die Sorge, dass sich bei den Nachgeborenen über die Erinnerungskultur eine Zufriedenheit breit macht, die uns nicht mehr herausfordert, Partei zu ergreifen: Partei gegen Fremdenfeindlichkeit und neuen Nationalismus, Partei für einen kritischen und gesellschaftsbewussten Patriotismus. Es ist, wie Bundespräsident Steinmeier am 75. Jahrestag zur Befreiung vom Faschismus sagte: „Es gibt kein Ende des Erinnerns.“

Alfred Harnischfeger

Alfred Harnischfeger (75) war von 1977 bis 1983 Landesvorsitzender der GEW Hessen und danach bis zu seiner Pensionierung Schulleiter der Integrierten Gesamtschule in Kelsterbach. Er lebt in Groß-Gerau.


Harald Jähner: Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945 – 1955. Rowohlt Verlag Berlin 2019. 480 Seiten, 26 Euro