Lob der Nachhaltigkeit

Franziska Conrad sieht die Corona-Krise als Chance

HLZ 7-8/2020

Die aktuelle Corona-Krise bietet die einmalige Chance, die bisherigen Geschäftsmodelle zu überdenken und den wirtschaftlichen Neuanfang nachhaltiger und zukunftsfähiger zu gestalten. Die von Iris Pufé in ihrem Buch „Nachhaltigkeit“ vorgestellten Wirtschafts- und Gesellschaftsmodelle können eine Anregung dafür darstellen.
Das Thema „Nachhaltigkeit“ ist in der Schule angekommen. Seit 2017 gehört nicht nur die „Umweltbildung“ zu den „besonderen Bildungs- und Erziehungsaufgaben der Schulen“, sondern auch die „Bildung für nachhaltige Entwicklung“. Diese besonderen Bildungs- und Erziehungsaufgaben sollen fachübergreifend oder projektförmig unterrichtet werden. Zu ihrer Planung und Durchführung ist gründliches Wissen nötig. Eine wertvolle Grundlage zur Auseinandersetzung mit dem Konzept der Nachhaltigkeit und seinen Widersprüchen bietet das Buch von Iris Pufé. Die Autorin ist u.a. Beiratsmitglied bei der Deutschen Umweltstiftung und berät Unternehmen im Hinblick auf nachhaltiges Wirtschaften.
Im ersten Teil geht sie auf gegenwärtige „Push-Faktoren“ ein, die das planetare Ökosystem existentiell bedrohen. Dazu zählen Klimawandel, Desertifikation, Gletscherschmelze und Biodiversitätsverlust, aber auch die damit einhergehenden sozialen Probleme Flucht, Wassermangel und Hunger. „Pull-Faktoren“ bieten dagegen Anreize, sich nachhaltiger zu verhalten. Für Lehrkräfte, die Geschichte oder PoWi unterrichten, ist Pufés Überblick über die Entwicklung des Nachhaltigkeitskonzepts sehr hilfreich. Er reicht vom sächsischen Oberberghauptmann Carl von Carlowitz, der 1713 „eine beständige und nachhaltende Nutzung des Waldes“ forderte, bis zum Pariser Klimaabkommen von 2015.
Im zweiten Teil ihres Buches geht Pufé darauf ein, wie das Konzept der Nachhaltigkeit in nationaler und internationaler Politik, in Unternehmen, Recht und Wissenschaft umgesetzt wird, und analysiert die Rolle von Zivilgesellschaft und Nichtregierungsorganisationen. Die Analyse endet mit der Darstellung von zwei Entwürfen für eine alternative Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung: Niko Paech gilt als Begründer der Postwachstumsökonomie, die die lokale und regionale Selbstversorgung stärken soll und auf Bestandserhalt statt auf Neuherstellung in der Produktion setzt. Auch die Gemeinwohlökonomie, die auf das gleichnamige Buch von Christian Felber aus dem Jahre 2010 zurückgeht (HLZ S. 30 f.), begreift sich als Alternative zum kapitalistischen System, in der das Gemeinwohl nicht länger nur zufälliger Nebeneffekt individuellen Vorteilsstrebens, sondern Zweck des Wirtschaftens ist.

Dr. Franziska Conrad

Dr. Franziska Conrad ist pensionierte Lehrerin für Deutsch und Geschichte und leitete bis zu ihrer Pensionierung im Sommer 2019 das Studienseminar für das Lehramt an Gymnasien in Darmstadt. Im GEW-Landesvorstand leitete sie viele Jahre im Team mit Heike Lühmann das Referat Aus- und Fortbildung.


Iris Pufé: Nachhaltigkeit. UVK Verlagsgesellschaft Konstanz und München, 3. überarbeitete und erweiterte Auflage 2017. 322 Seiten. 29,99 Euro
Ergänzende Videos und Dokumente unter www.uvk-lucius.de/nachhaltigkeit