Lesen im Corona-Sommer

Gert Hirchenhain ist ein passionierter Leser und Rezensent

HLZ 7-8/2020

Dror Mishani (45) lebt als Übersetzer und Literaturdozent in Tel Aviv und stammt als Misrachi aus einer Familie sephardischer Einwanderer, die lange in Israel diskriminiert worden sind. Er hat bisher drei Kriminalromane vorgelegt: „Vermisst“, „Die Möglichkeit eines Verbrechens“ und „Die schwere Hand“, deren Protagonist, der eigenwillige Ermittler Avraham Avraham, hinter den bürgerlichen Fassaden den Spuren des Bösen folgt.

In seinem neuesten Werk mit dem schlichten Titel „Drei“ wendet sich Mishani von seinem Dauerermittler ab. Dieses Buch ist ein leiser und darum sehr bewegender Roman. Drei Frauen, Orna, Emilia und Ella, begegnen dem Anwalt Gil, der mit allen drei Frauen eine Beziehung beginnt. Das gelingt nur, weil alle drei ihre Sehnsüchte nach Geborgenheit, männlichem Schutz und Anerkennung auf diesen Gil projizieren. Gil bleibt lange Zeit ein dubioser Typ, der mal angibt, geschieden zu sein, mal, getrennt zu leben; auf jeden Fall aber verfügt er über eine leere Wohnung in Tel Aviv. Geschickt unaufdringlich nähert er sich den Frauen, die alle mehr vom Leben erwarten als das, was sie im Moment repräsentieren. Die Lehrerin Orna, von ihrem Mann verlassen, will vor allem ihren neunjährigen Sohn Eran gut durchs Leben bringen und lernt Gil in einem Dating-Portal für Geschiedene kennen. Die lettische Altenpflegerin Emilia gerät in Kontakt zu Gil, um ihren Aufenthaltsstatus klären zu lassen, und Ella, die Frau eines Soldaten, Historikerin, Mutter dreier Töchter und oft allein, will mehr sein als eine Gebärmaschine. Gil zeigt den Frauen gegenüber schier unbegrenzte Hilfsbereitschaft und sie bringen ihm großes Vertrauen entgegen, ohne das der Betrug und die Verführung nicht funktionieren würden. Erst zu spät spüren alle drei Frauen, dass sie Opfer geworden sind. Was wie eine Beziehungsgeschichte beginnt, entpuppt sich als ungewöhnlicher, grausam-verstörender Krimi. Allerdings merkt der Leser das erst am Ende des ersten Teils des Romans. Mishani ist ein Meister in der Kunst, Verbrechen aus der Perspektive ihrer Opfer zu entwickeln. Diese Blickwechsel und präzisen Nahaufnahmen machen den Roman zu einem Meisterwerk. In einem Interview sagt Dror Mishani: „Für mich ist der Roman eine Kampfansage gegen die Normalisierung von Tod und Gewalt.“ Ein unglaublich subtiles Buch, scheinbar banal, spannend, überraschend.

Die Pest: Aus gegebenem Anlass wieder gelesen

Aus gegebenem Anlass habe ich auch mein altes Exemplar von „Die Pest“ wieder in die Hand genommen. Es hat zahlreiche Eselsohren, ist voller Unterstreichungen und auf einigen Seiten schon arg angegilbt. Ich las die Rowohlt Taschenbuchausgabe 1965 als Obersekundaner; dass sie damals Schullektüre war, ist eher nicht anzunehmen, aber Albert Camus galt als ein Vertreter der existenziellen Philosophie, die er u.a. in seinen Essays „Der Mythos von Sisyphos“ und „Der Mensch in der Revolte“ dargelegt hat. Das war für mich interessant.

Camus‘ „Die Pest“ erschien 1947 und wurde umgehend weltberühmt. Der Autor schildert den Ausbruch der Pest in der Stadt Oran an der Westküste Algeriens in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts. Eine zunehmende Zahl von toten Ratten kündigt an, dass in der Stadt eine Seuche ausgebrochen ist. Der Arzt Dr. Rieux erkennt die Gefahr und setzt gegen große Widerstände Quarantänemaßnahmen durch. Als der Ausnahmezustand erklärt wird, wird Oran zum Mikrokosmos einer geschlossenen Gesellschaft, die auf eine tödliche Bedrohung reagiert. Camus‘ Roman ist die Geschichte vom Kampf gegen die physische und moralische Zerstörung einer Gesellschaft während des Ausbruchs einer Seuche. Der Roman ist ein Plädoyer für die Solidarität angesichts existenzieller Herausforderungen. Wie wir die aktuelle Corona-Pandemie später deuten werden, wird sich zeigen. „Die Pest“ war unmittelbar nach Ausbruch der Corona-Pandemie vergriffen, mittlerweile ist das Buch nachgedruckt worden und im Handel wieder zu haben.

Epidemien sind seit dem Mittelalter auch ein Gegenstand der Literatur. Zu den besonders lesenswerten Titeln gehören Giovanni Boccaccio „Das Dekameron“ (um 1350), Thomas Mann „Der Tod in Venedig“ (1911), José Saramago „Die Stadt der Blinden“ und Philipp Roth „Nemesis“ (2010).

Gert Hirchenhain

Gert Hirchenhain (72) hat seit 1994 über 250 Buchtipps in der Melsunger Ausgabe der HNA veröffentlicht und 236 davon in einem kleinen Sammelband zusammengefasst (siehe Kasten). Der pensionierte Lehrer für Deutsch, Ethik und PoWi war lange Vorsitzender des GEW-Kreisverbands Melsungen-Fritzlar und wohnt in Fuldabrück-Dörnhagen.


Dror Mishani: Drei. Roman. Diogenes Verlag Zürich 2019. 330 Seiten, 24 Euro

Albert Camus: Die Pest. Roman. Rowohlt Verlag Hamburg, 90. Auflage 2020. 352 Seiten, 12 Euro