Irrwitzig witzig

Gerd Turk meint:„Oreo“ ist mehr als nur ein Roadmovie

HLZ 7-8/2020

„Sie war zu jedem Scheiß bereit, sie würde auch da hingehen, wo sie nicht erwünscht war, aller Welt beweisen, dass sie auch da war. Oreo war ein ziemlich zähes Luder.“ So charakterisiert Fran Ross ihre Titelfigur zu Beginn des zweiten Teils ihres 1974 erschienenen und damals unbeachtet gebliebenen Romans, als diese sich auf den Weg von Pennsylvania nach New York macht, um den ihr unbekannten Vater zu finden. Oreo hieß eigentlich mal Christine und wurde von den Leuten in der Straße bei ihren Großeltern, wo sie aufwuchs, nach den Schokoladenkeksen Oreo genannt: außen schwarz-braun, innen weiß, denn ihre Mutter war eine Afroamerikanerin, ihr Vater ein jüdischer Weißer. Im ersten Teil lernen wir ihre (erstaunliche!) kindliche Entwicklung kennen, bevor sie sich als Teenager sagt: „Klar find ich den Motherfucker“. Eine weitere Coming-of-Age-Geschichte plus Roadmovie? Das wäre eine haltlose Untertreibung. „Oreo“, schreibt Paul Auster, ist „ein übermütiges Meisterwerk, ungelogen einer der wunderbarsten, komischsten und intelligentesten Romane“. Finde ich auch. Als Urlaubslektüre habe ich immer schon geschätzt a) relevante, dicke Sachbücher, zu denen man im Alltag nicht kommt (zum Beispiel Piketty!) und b) Romane, bei denen man in eine fremde Welt eintauchen kann, in Mikromilieus, die die Fachliteratur gar nicht so präzise, spannend und erhellend beschreiben kann.  

„Oreo“ beschreibt das soziale Milieu der afroamerikanischen und jüdischen Mittelschichten, die wenig gemeinsam und viel an gegenseitigen Vorurteilen und Animositäten haben, und die Szenen in Eisenbahnen, Bordellen und New Yorker Stadtteilen, wie Oreo sie erlebt. Das Vorherrschende ist hier allerdings nicht ein soziologischer Realismus, sondern die einzigartige, teils bizarre und phantasievolle Erzählung. Oreo ist eine Art Superwoman, hoch gebildet, ein Mathegenie und eine radikale Feministin, die mit ihrer eigenen Kampftechnik üblen Gestalten übel zusetzt und absurdeste Abenteuer übersteht. Ihr Weg zum Vater, den sie letztlich gar nicht braucht, wird durch eine grandios-witzige Adaption der Theseus-Sage angeleitet mit einer Erklärung für antikenferne Schnellleser am Ende: Theseus wird schwarz, jüdisch und eine starke junge Frau, die sich für Gerechtigkeit, im Zweifelsfall auch für das Tierwohl einsetzt.

Die fremde Welt, das sind nicht nur die sozialen Milieus, sondern vor allem der einzigartig eigenwillige Sound des Romans mit dem Jiddischen und dem Slang der Schwarzen, den Fran Ross nicht einfach wiedergibt, sondern schräg und witzig in neuen Wortschöpfungen weiterentwickelt. Für die vielen literarischen Anspielungen und ziemlich fremden Fremdwörter sollte man hier und da das Smartphone im Lesesessel greifbar haben.

Für die großartige deutsche Übersetzung hat Übersetzerin Pieke Biermann zu recht den diesjährigen Leipziger Buchpreis bekommen. Fran Ross, die 1985 mit 50 Jahren an Krebs verstarb, hat den Erfolg ihres Romans leider nicht mehr erlebt.

Gerd Turk

Gerd Turk war Lehrer für PoWi und Geschichte und bis zu seiner Pensionierung in der GEW in verschiedenen Funktionen aktiv, unter anderem im Vorsitz des Referats Tarif, Besoldung und Beamtenrecht und im Hauptpersonalrat der Lehrerinnen und Lehrer.


Fran Ross: Oreo. dtv München 2019. 288 Seiten, 22 Euro