Im Dreierpack

Thomas Adamczak lobt zwei Romane und liebt Lyrik

HLZ 7-8/2020

Beim Nachdenken, welche Lektüre ich für die Sommerferien vorschlagen könnte, fiel mir zunächst der Roman „Baba Dunjas letzte Liebe“ von Alina Bronsky (2018) ein, in dem die Icherzählerin Dunja nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl zusammen mit gleichgesinnten alten Leuten zurück in das verstrahlte Sperrgebiet geht und dort in dem Dorf Tschernowo ein selbstbestimmtes Leben in Gemeinschaft mit anderen Dorfbewohnern führt. Das Leben in dörflicher Idylle wird gestört von einem Vater, der scheinbar absichtslos mit seiner kleinen Tochter im Dorf auftaucht und dort ein leerstehendes Haus bezieht. Dass die alten Leutchen sehr wohl um die Gefahr in dem verstrahlten Gebiet wissen, zeigt die Wende im Roman. Das Kind soll, gegen den Willen des Vaters, so schnell wie möglich diesen Ort wieder verlassen. Auf weitere Details aus einem bemerkenswerten Roman will ich verzichten, damit der Platz noch für einen zweiten Roman reicht.

In Christoph Heins „Verwirrnis“ (2019) wird das Schicksal eines homosexuellen und eines lesbischen Paares in der DDR bis kurz nach dem Mauerfall erzählt. Was es in den fünfziger Jahren hieß, nicht der heterosexuellen Norm zu entsprechen, zeigt die folgende Szene: Als Pius Ringeling, so heißt der Vater der Hauptfigur Friedeward tatsächlich, seinen adoleszenten Sohn bei einer eindeutigen Bettszene mit dessen Freund erwischt, verprügelt er den Siebzehnjährigen mit einer Riemenpeitsche, dem Siebenstriemer. Pius Ringeling ist Gymnasiallehrer, tiefgläubiger Katholik und konsequenter Vertreter der körperlichen Züchtigung in Schule und Familie. Den Untergang der DDR prophezeit er, weil er sich dem „pädagogischen Fiasko“ des Verbots körperlicher Züchtigung beugen muss. Nach erfolgter Züchtigung sollen  Pius‘ Kinder die Frage beantworten, wen die Strafe am meisten schmerze. Die befohlene Antwort:  „Dich, lieber Vater, dich.“
Als dritte Empfehlung möchte ich noch ein Buch vorstellen, das immer wieder mal auf- und durchatmen lässt und in diesen belastenden Zeiten zum Meditieren und Nachdenken einlädt: Der Sammelband „Grand Tour“ wurde von Federico Italiano und Jan Wagner herausgegeben und enthält Gedichte aus 45 europäischen Ländern. Die Herausgeber, selbst renommierte Lyriker, haben auf Reisen durch Europa Gedichte gesammelt, die einen großartigen Einblick geben in die Schaffenskraft zeitgenössischer europäischer Lyriker. Eine wunderbare Fundgrube lyrischer Besonderheiten. Sie sind skeptisch? Ein Beispiel? Bitteschön!

böses
so habe ich gelebt / so habe ich monatelang gelebt / ich dachte ich würde ruhig werden und / aufhören böses zu tun dann eines tages / schlief ich nachmittags ein und als ich erwachte / sah ich / dass nichts von alldem weg war / es kam zurück und packte mich am bauch / und sagte zu mir hej / komm hej / lass uns böses tun.
Milena Markovic (aus dem Serbischen von Peter Urban)

Thomas Adamczak ist pensionierter Lehrer und war Ausbilder am Studienseminar für das Lehramt an Gymnasien in Wiesbaden.


Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe. Kiepenheuer und Witsch Köln 2018. 192 Seiten, 10 Euro

Christoph Hein: Verwirrnis. Suhrkamp Verlag Berlin 2018. 303 Seiten, 22 Euro.

Grand Tour. Reisen durch die junge Lyrik Europas. Herausgegeben von Jan Wagner und Federico Italiano. Carl Hanser Verlag München 2019. 584 Seiten, 36 Euro