Endzeitvisionen

Auch Johannes Mellers Empfehlung spielt in Frankreich

HLZ 7-8/2020

Der deutsche Roman hat sich in den letzten Jahrzehnten entpolitisiert. Sozialkritische Inhalte findet man heute vorwiegend in TV-Produktionen oder in Kriminalromanen. 

In den achtziger Jahren besuchte ich die nördlichen Departments in Frankreich und war verstört über die Armut der Menschen in Zeiten des beginnenden Neoliberalismus. Damals konnte ich mir nicht vorstellen, dass sich die Verhältnisse in Deutschland mit einer zeitlichen Verzögerung gleichartig entwickeln würden. Als Jérôme Leroy 2011 „Le Bloc“ veröffentlichte, war die Erinnerung an die Unruhen von 2005 in der Banlieue von Paris noch frisch, aber das Szenario einer Regierungsbeteiligung der Rechtsextremen schien noch in weiter Ferne. 2011 wurde Marine Le Pen, eine französische Juristin, nach einem parteiinternen Putsch Vorsitzende des Front National (FN) und Nachfolgerin ihres Vaters Jean-Marie Le Pen. Der FN wurde in Rassemblement National unbenannt und der Wolf fraß Kreide. Marine Le Pen ließ die extreme Rechte hinter den Kulissen verschwinden, die Inhalte des rassistischen, xenophoben und homophoben Parteiprogramms blieben freilich im Wesentlichen die gleichen.

Im Roman „Der Block“, der in einer nahen Zukunft spielt, steht eine Regierungsbeteiligung der extremen Rechten in Frankreich kurz vor der Tür.  In den französischen Vorstädten kommt es zu einem blutigen Bürgerkrieg, die Zahl der Toten steigt unaufhörlich.  Die Partei der äußersten Rechten – im Roman der Patriotische Block genannt - steht kurz vor dem Einzug in die Regierung.  Die Handlung beginnt in der Nacht, in der Vertreter des Blocks mit der bürgerlichen Regierung über eine Regierungsbeteiligung verhandeln.

Der Stil ist einfach und manchmal geradezu unerträglich obszön. Erzählt wird aus zwei Perspektiven: Stanko, der extrem gewaltbereite Chef des Sicherheitsdienstes des Blocks, spricht in der ersten Person.  Antoine, der rechtsrevolutionäre Intellektuelle und Ehemann der Parteichefin Agnès Dorgelles, in der zweiten. Dabei erinnert sein Tonfall frappant an den verquasten Stil des „Nationalrevolutionärs“ Ernst Jünger. Während Agnès als Parteivorsitzende die Verhandlungen führt, wartet ihr Ehemann Antoine in der gemeinsamen luxuriösen Pariser Wohnung auf das Ergebnis und lässt die letzten Jahre der drei Protagonisten an sich vorüberziehen.  Auch Stanko, der in einem schmuddeligen Hotel unter „Museln, Kanaken und Negern“ untergetaucht ist, wartet – auf seine Mörder, die ihn im Parteiauftrag liquidieren sollen. Er ist das Opfer, das der Block für die Beteiligung an der Regierung bringen soll.

In diesen Stunden erinnert sich Antoine, der Bürgersohn und schöngeistige Provokateur, an seine linksliberalen Lehrer, an seine Begeisterung für die Filme der Nouvelle Vague und das Ausleben seiner Gewalttendenzen bei brutalen Demonstrationen der Parteijugend des Block, Stanko an seine Kindheit in einem verwahrlosten Elternhaus in einer französischen Krisenregion, den Missbrauch durch Pädophile und seine eigenen sadistischen Neigungen, die er in brutalen Männerbünden ausleben kann.  Mit Antoine verbindet ihn eine langjährige tiefe Freundschaft, die so weit geht, dass Stanko es Antoine nicht übelnimmt, dass dieser seiner Liquidierung zugestimmt hat. Der Bürgersohn bleibt Gewinner der neuen Linie, während Stanko letztendlich ein ewiges Opfer bleibt.

Die Handlung des Romans ist stringent und glaubwürdig, die Charaktere sind mehrdimensional und manchmal empfindet man sogar für die beiden Männer eine gewisse Empathie. Der gedankliche Hintergrund des rechten Milieus wird detailliert geschildert, ohne in moralisierende Attitüden abzugleiten. „Der Block“ ist eine unheimliche Vision dessen, was vielleicht und nicht nur in Frankreich kommen wird.

Johannes Meller

Professor Dr. med. Johannes Meller, Internist und Nuklearmediziner, leitete bis zu seiner Emeritierung die Klinik und Poliklinik für Nuklearmedizin an der Universitätsmedizin Göttingen.


Jérôme Leroy: Der Block. Aus dem Französischen von Cornelia Wend. Edition Nautilus Hamburg. Deutsche Erstausgabe 2017. 320 Seiten. 19,90 Euro