Eine Reise durch die Ukraine

Christoph Degen empfiehlt „Graue Bienen“ von Andrej Kurkow

HLZ 7-8/2020

Unwirklich, aber wahr ist die Situation in dem Roman, den ich kürzlich gelesen habe. „Graue Bienen“ von Andrej Kurkow spielt zunächst im ukrainischen Kriegsgebiet Donbass, der sogenannten „Grauen Zone“, in der ukrainische Kämpfer und prorussische Separatisten Tag für Tag aufeinander schießen. Es geht nicht um einen fiktiven Krieg oder um einen Krieg in der Vergangenheit, sondern um die Gegenwart in Europa. Das musste ich mir beim Lesen immer wieder vergegenwärtigen, denn für mich, 1980 geboren, sind kriegerische Auseinandersetzungen in Europa weitgehend fremd. Seit Anfang April 2014 herrscht in der Ukraine ein Krieg, von dem man hier nur wenig mitbekommt, dem mittlerweile denn noch mehr als 13.000 Menschen zum Opfer gefallen sind. Den Roman habe ich von der Frankfurter Buchmesse 2019. Kurkow beschreibt die Charaktere in „Graue Bienen“ sehr liebevoll und schildert das Nebeneinander von Gefahr und Geborgenheit, wenn Krieg zum Alltag gehört. Beim Lesen bin ich immer wieder dazu übergegangen, mir eine Zeit um 1945 vorzustellen, da wir es in unserem Leben in Europa eigentlich nicht gewohnt sind, solche Verhältnisse vorzufinden.

Dort, im kleinen Ort Malaja Starogradowka lebt der Imker Sergejitsch. Außer ihm wohnt nur noch ein weiter Mann im sonst menschenleeren Ort, der wie eine Geisterstadt vorkommt. Der Autor nimmt sich in seinem Roman Zeit, um eine Welt zu gestalten, die von ihren Bewohnern Tag für Tag viel abverlangt. Es gibt keinen Strom und somit kein Licht, man kann sich nicht einfach etwas aus dem Kühlschrank holen oder sein Hady aufladen. Die beiden noch bewohnten Häuser werden mit Kerzen aus der ausgebombten Kirche erhellt, geheizt wird mit Kohlen. Geld spielt kaum eine Rolle, Sergejitschs wichtigstes Zahlungsmittel ist der Honig seiner Bienen, der glücklicherweise ein gefragtes Tauschmittel ist.

Es sind seine Bienen, die Sergejitsch dazu bringen, seinen Heimatort zu verlassen. Denn es geht ihm um ihr Wohlergehen. Während der Mensch die Welt um sie herum zerstört, herrscht bei den Bienen noch immer eine gewisse Ordnung. Weil der Lärm der Explosionen die Bienen verstört und orientierungslos macht, beschließt Sergejitsch, seine Heimat zu verlassen, um ein ruhigeres Plätzchen für seine Tiere zu finden, an dem sie sorglos Nektar sammeln können. Eines Frühlings bricht er also mit seinen Bienenstöcken auf. Der Leser wird Zeuge einer nicht ganz unproblematischen Reise, die ihn bei seiner Suche nach Ruhe zunächst in die Ukraine und dann auf die von Russland annektierte Insel Krim führt. So lernt man Zeitzeugen des aktuellen Konflikts von verschiedenen Seiten kennen. Der Protagonist erlebt Willkür von Staat und Militär, Gewalt und Propaganda, aber immer wieder auch Solidarität, Hilfe und Zuneigung, manchmal auch ganz überraschend. Später im Buch lernt man mehr über die verschiedenen Bevölkerungsgruppen auf der Halbinsel, insbesondere die Krimtataren und damit verbundene Konflikte, die auch religiöser Natur sind.

Christoph Degen

Christoph Degen (*1980) ist Landtagsabgeordneter und bildungspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion sowie Generalsekretär der SPD Hessen. Bis 2013 war er Förderschullehrer in Bruchköbel (Main-Kinzig-Kreis). Der GEW gehört er seit 18 Jahren an.


Andrej Kurkow: Graue Bienen. Diogenes Verlag Zürich 2019. 445 Seiten, 24 Euro