Ein etwas anderer Familienfilm

Joshua Schultheis hofft auf die Wiedereröffnung der Kinos

HLZ 7-8/2020

Michi droht mal wieder mit Rauswurf, als sein Sohn Romeo, wie so häufig, bekifft nach Hause kommt. Der antwortet nur schnippisch: „Wie oft hast du mir das schon gesagt? Ich höre gar nicht mehr hin!“ - und in der Tat ist das Drohpotential des Vaters damit auch schon erschöpft. Anstatt ernst zu machen, flieht sich Michi in ein warmes Bad, wo er, bis zum Hals in Seifenschaum, den Sachbuch-Bestseller „Homo Deus“ liest. Darin geht es um den Weg der Menschheit vom gemeinen Affen zum Herrscher über die Welt und um ihr Streben nach Perfektion und Gottgleichheit. Stärker könnte der Kontrast zur profanen Erziehungswirklichkeit der Familie Kamber-Gruber nicht sein.

Die wird bestimmt durch die unverbesserlich-infantilen Zwillinge Anton und Romeo, die mit ihren 20 Jahren der Gottgleichheit denkbar fern sind: unselbstständig, diszi­plinlos, dabei anspruchsvoll, rücksichtslos und vulgär – die beiden sind unausstehlich. Obwohl ihre Eltern verbal permanent rote Linien ziehen, bleibt dies ohne Konsequenzen, denn sie können sich immer darauf verlassen, dass ihr Chaos im Zweifelsfall von anderen beseitigt wird. So bleibt das Interesse der Zwillinge, endlich erwachsen zu werden, eher gering. Unter dieser verfahrenen Situation leidet auch die Ehe der Eltern, und der Jüngste, Benji, droht dabei unterzugehen. Die Lage spitzt sich zu, als Michi eine zweimonatige Auszeit von Beruf und Familie plant, während seine Frau gerade versucht, in der Lokalpolitik durchzustarten. Kommentiert wird das Kleinfamilien-Drama von mehreren (echten) Expertinnen und Experten für Erziehungsfragen, die, hineingesetzt ins Wohn-, Bade- oder Schlafzimmer der Kamber-Grubers, die größeren sozialen Zusammenhänge des Familienkonflikts erläutern. So erklärt etwa der Kinderarzt und Sachbuchautor Remo Largo, auf dem Badewannenrand sitzend, dass die mangelnde Selbstständigkeit heutiger Jugendlicher nicht zuletzt damit etwas zu tun hat, dass sie - stärker als frühere Generationen - von den Erwartungen, Wünschen und Träumen der Eltern fremdbestimmt werden. Ursache sei der gesteigerte Leistungsdruck, der nicht nur die Kinder und Jugendlichen treffe, sondern auch Erwachsene und Alte.

Diese verfremdenden Eingriffe in die Filmwelt sorgen dafür, dass die Verzogenheit der Zwillinge weder allein den Eltern und ihrer inkonsequenten Erziehung angelastet wird noch den Jugendlichen selbst, die gern für alle Laster in der Gesellschaft verantwortlich gemacht werden. Der Film zwingt sein Publikum, nach den tieferen Ursachen zu suchen, und gibt ihm dafür durch die Auftritte der Expertinnen und Experten auch gleich eine wissenschaftliche Perspektive an die Hand. Der Film liefert auch keinen Schluss, an dem sich alle wieder versöhnt in den Armen liegen. Es soll nicht mehr verraten werden, nur so viel: Das Regime der Zwillinge gerät noch ordentlich ins Wanken.

Joshua Schultheis

Joshua Schultheis ist Mitglied der Redaktion der bbz, der Mitgliederzeitschrift der GEW Berlin, und Lehramtsstudent für Deutsch und Philosophie an der Humboldt-Universität. Bei Redaktionsschluss der HLZ war der Kinostart für den 16. Juli geplant.


Wir Eltern. Spielfilm. Schweiz 2019. Regie: Eric Bergkraut und Ruth Schweikert