Dreißig Jahre nach der Wende

Andrea Gergen empfiehlt den neuen Roman von Ingo Schulze

HLZ 7-8/2020

Ingo Schulze zeichnet in seinem neuen Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ die Lebensgeschichte des Dresdener Antiquars Norbert Paulini nach, der dreißig Jahre nach der „Wende“ in Folge diverser biographischer Brüche rechtskonservative Ansichten entwickelt und diese öffentlich äußert. Paulini ist von Beginn seines Lebens an „auf Büchern gebettet“ - das Kind wird automatisch zum Leser. Dieser schon damals aus der Zeit gefallene Nerd eröffnet Mitte der 1970er Jahre in Dresden ein Antiquariat, das sich schon bald zum intellektuellen Salon kritischer DDR-Bürger*innen und Dissident*innen entwickelt. Büchernarren aus dem ganzen Land strömen zu Paulini, der sich demonstrativ unpolitisch nach einem Gedicht von Friedrich Nietzsche das Pseudonym „Prinz Vogelfrei“ gibt. Nach dem Mauerfall beginnt sein persönlicher Niedergang.

Seine antiquarischen Bücher verlieren an Bedeutung und ihren Wert. Er lässt sich scheiden, nachdem sich herausstellt, dass seine Frau seine Freunde und ihn für die Stasi ausspioniert hat. Alteigentümer aus dem Westen melden Wiedergutmachungsansprüche auf sein Haus an,  und die Jahrhundertflut der Elbe vernichtet weite Teile seines Buchbestands. Paulini zieht mit seinem Sohn Julian in die Sächsische Schweiz, wo er in die rechte Szene abdriftet. Hier bricht das Märchen des unbescholtenen Bürgers Paulini mitten im Satz ab und wird im zweiten Teil des Romans aus der Perspektive des Schriftstellers Schultze (nicht zu verwechseln mit dem Autor) kommentiert. Er hat im Westen Karriere gemacht und will mit einer Novelle Paulini ein Denkmal setzen. Im dritten Teil lockt uns Ingo Schulze in die Vorurteilsfalle, als Schultzes Lektorin Paulinis plötzlichen Unfalltod zu ergründen versucht. Am Ende lässt sich über seine rechtschaffenen (oder „rechts-schaffenden“) Mörder nur mutmaßen.

Das Faszinosum dieses Romans liegt für mich in seinen überraschenden inhaltlichen und stilistischen Wendungen in der Sprache, die die Leser*innen gewissermaßen durch die Handlung spült. Sie lässt jenseits der Schilderung der emotionalen und politischen Verstrickungen des Protagonisten eine Liebeserklärung an das gedruckte Buch, an die Stadt Dresden und an das Elbsandsteingebirge aufscheinen. Es sind Bilder einer umfangreichen antiquarischen Bibliothek und einer gleichzeitig beengten Lebenswelt, einer glanzvollen und dennoch morbiden Stadt und einer imposanten, aber letztlich tödlichen Berglandschaft, die vor dem inneren Auge der Leser*innen Gestalt annehmen. Am Ende hat man die Entwicklung eines Intellektuellen zum potenziellen Pegida-Anhänger zwar nicht kognitiv erfasst, aber auf emotionaler Ebene zumindest ansatzweise nachvollzogen. Und das hat bisher noch kein zeitgenössischer Roman bei mir geschafft.

Andrea Gergen

Andrea Gergen ist pädagogische Mitarbeiterin am Institut für Schulpädagogik der Philipps-Universität Marburg und leitet mit Christina Nickel das Referat Aus- und Fortbildung der GEW Hessen.


Ingo Schulze: Die rechtschaffenen Mörder. S. Fischer Verlag Frankfurt 2020. 320 Seiten, 21 Euro