Die Macht der Lehrkräfte

Carmen Ludwig meint, man könne von den USA lernen

HLZ 7-8/2020

In den letzten Jahren fanden in den USA immer wieder erfolgreiche Streiks an Schulen statt, an denen sich zehntausende Lehrkräfte beteiligten, selbst in Bundesstaaten ohne Streikrecht. Zwei Bücher erläutern die Hintergründe: Das englischsprachige Buch „Red State Revolt“ von Eric Blanc berichtet von den Streiks der Lehrkräfte 2018 in den gewerkschaftsfeindlichen, republikanisch dominierten Bundesstaaten West Virginia, Oklahoma und Arizona. Jane McAlevy untersucht in ihrem ebenfalls 2019 auf Deutsch erschienen Buch „Keine halben Sachen“ die Lehrerstreiks in Chicago 2012. Die Streiks in den USA greifen zunehmend auch gesellschaftliche Anliegen wie die Unterfinanzierung und Privatisierung des Bildungssystems auf. So erreichten die Lehrkräfte mit den Streiks 2018 nicht nur Gehaltssteigerungen bis zu zehn Prozent, sondern wie in Arizona eine Erhöhung der Bildungsausgaben um mehrere hundert Millionen Dollar.
Dabei ist die Arbeitssituation der Lehrkräfte in den USA desaströs. Die Arbeitsbelastung an den Schulen ist hoch, weil die Klassengrößen steigen, standardisierte Tests zunehmen und Lehrkräfte fehlen. Stattdessen wird auf unausgebildetes Personal im Unterricht zurückgegriffen. Jede fünfte Lehrkraft hat mindestens einen Zweitjob, um über die Runden zu kommen. Die Abwertung der frauendominierten Profession war eine wichtige Motivation für die Streiks: „Wir machen es für die Kinder“ wurde zu einem gängigen Slogan der Streikenden.
Der Druck auf die großen Bildungsgewerkschaften, die American Federation of Teachers und die National Education Association, kam aus selbst organisierten Social-Media-Gruppen. Für den Erfolg der Streiks war es wichtig, deren Rückhalt zu gewinnen und gemeinsame Aktivitäten voranzutreiben. Gleichzeitig trugen die Basisaktivitäten zur Belebung der Gewerkschaften bei. McAlevey plädiert dafür, dass Gewerkschaften statt einer Stellvertreterpolitik eine kämpferische, an den Mitgliedern ausgerichtete Haltung einnehmen. Der Lehrerstreik 2012 brachte Chicago zum Erliegen und zeigt die Bedeutung einer aktiven Unterstützung durch Eltern, Schülerinnen, Schüler und zivilgesellschaftliche Akteure.
Ich bin seit vielen Jahren tarifpolitisch in der GEW Hessen engagiert und seit kurzem als Referentin für Internationales beim GEW-Hauptvorstand tätig. Deshalb fasziniert es mich, wie man aus den weltweiten Erfahrungen für die eigenen Kämpfe lernen kann. Beide Bücher machen Mut, weil sie zeigen, dass Lehrkräfte selbst unter schwierigen Bedingungen solidarisch zusammenstehen und erfolgreich kämpfen können. Trotz der Unterschiedlichkeit der Bildungssysteme in den USA und Deutschland, die sicher nur begrenzt Vergleiche zulassen, sind die Bücher wichtige Ideengeber, wie sich diese Macht kreativ entwickeln lässt.

Carmen Ludwig

Carmen Ludwig promovierte über die Gewerkschaften in Südafrika. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Politikwissenschaft der Uni Gießen und seit kurzem Referentin für Internationales beim GEW-Hauptvorstand. Für die GEW Hessen war sie in unterschiedlichen Funktionen tätig, zuletzt als Geschäftsführerin von lea.


Eric Blanc: Red State Revolt. The Teachers‘ Strikes and Working-Class Politics. Verso London 2019. 336 Seiten. 9,99 Euro

Jane McAlevey: Keine halben Sachen. Machtaufbau durch Organizing. VSA Hamburg 2019 (Download: www.rosalux.de/publikation/id/39839/keine-halben-sachen)