Aus der Provinz

Ulrich Märtin hat jetzt mehr Zeit zum Lesen

Im Sommer 2019 hat Andreas Maier (Jahrgang 1967) unter dem Titel „Die Familie“ den siebten Teil seines auf elf Bände angelegten autobiografischen Romanprojekts „Ortsumgehung“ herausgebracht. Thema seiner bisherigen Bücher ist sein Aufwachsen in den siebziger und achtziger Jahren in der hessischen Provinz rund um Friedberg und in der Wetterau.

Auf urkomische Weise schreibt er oft absurd anmutende Geschichten, die von seinen Eltern, seinen beiden Geschwistern und weiteren Verwandten und ihren oft skurrilen Verhaltensweisen handeln. Der Vater ist Bürgermeisterkandidat für die CDU und als Anwalt für Henninger Bräu tätig, die Mutter Direktorin des geerbten Steinmetzbetriebs. Der Bruder fällt als erster aus der Rolle und wird Stammgast in einem linken Jugendzentrum:

„Ob die bessere Welt plötzlich vom Himmel fallen solle, fragte mein Vater. Das seien doch alles Wolkenkuckucksheime. Das gäben ihm doch nur seine linken Lehrer ein! Diese Lehrer, die ihm solche Ideen einpflanzten, ließen sich ihr Leben genauso von diesem Staat bezahlen wie alle anderen.“

Einen grundlegenden Bruch erfährt die Geschichte im Schlusskapitel, das mit dem Satz schließt: „Meine Familie ist eine Familie, die immer Grabsteine gemacht hat. Auch ihren eigenen.“ In der Familiengeschichte ist über die Jahrzehnte die Nazizeit hartnäckig verdrängt und verleugnet worden. Die Mutter erklärt auf Fragen nur mantraartig: „Wir haben den Juden doch sogar Brand gegeben.“ Nachforschungen zerstören diese Legende und ergeben, dass das Familienvermögen zu einem großen Teil aus der Arisierung des Firmengrundstücks resultiert. Der Vorbesitzer des Grundstücks, der jüdische Geschäftsmann Theodor David Seligmann, wurde 1937 enteignet und starb noch im gleichen Jahr, die Spuren seiner Ehefrau verlieren sich: „Wir sind die Kinder der Schweigekinder“.

Ulrich Märtin

Ulrich Märtin hofft nach 35 Jahren hauptberuflicher Tätigkeit für die GEW Hessen (HLZ S. 20), dass ihm sein neues Rentnerdasein genügend Zeit verschafft, vielbändige Romane zu lesen und an das vor Zeiten an der Goethe-Universität abgeschlossene Germanistikstudium anzuknüpfen. Andreas Maiers Roman „Die Universität“ spielt übrigens auch an der Goethe-Uni, wenn auch einige Jahre später ...


Andreas Maier: Die Familie. Suhrkamp Verlag Berlin 2019. 166 Seiten, 20 Euro