„Eine Schule ist keine Fabrik“

Arbeits- und Gesundheitsschutz für schulisches Personal | HLZ Mai 2026

HLZ: Mögt ihr euch und eure Tätigkeit im Arbeits- und Gesundheitsschutz kurz vorstellen?

Dorothee Schäfer: Ich bin an der Mittelpunktschule in Trebur und im Gesamtpersonalrat für Groß-Gerau und den Main-Taunus-Kreis tätig. Ich vertrete den Gesamtpersonalrat im Arbeitsschutzausschuss. Wir haben zwei Termine im Jahr, in der Regel in Präsenz. Zwei weitere Kann-Termine finden nur statt, wenn etwas Dringendes vorliegt. Mit dabei sind die Schulträger, wir haben in unserem Schulamtsbezirk insgesamt vier. Außerdem ist der Medical Airport Service dabei, der bei uns die betriebsärztliche und sicherheitstechnische Aufsicht hat. Ein Vertreter der Unfallkasse kommt noch dazu. Oft gibt es Zank über Zuständigkeiten unter den Schulträgern, manchmal auch mit dem Medical Airport Service. Aber man gibt sich in der Regel Mühe, der Umgangston ist sehr konstruktiv. Einiges verliert sich auch in den Mühlen der Bürokratie …

Peter Engelhardt: Doro und ich sind zusammen im Gesamtpersonal und im Arbeitsschutzausschuss. Ich bin Grundschullehrer im Main-Taunus-Kreis. Mit dem Hitzeschutz zum Beispiel beschäftigen wir uns jetzt schon länger. Es geht dabei immer wieder um bauliche Maßnahmen. Im Sommer wird es wegen der Hitze immer prekärer in den Klassenräumen. Gerade auch wegen des Ganztags müssen wir hier endlich weiterkommen.

HLZ: Wie sieht es auf der Landesebene aus?

Bernd Vogeler: Ich bin inzwischen in Pension, war lange im Arbeitsschutzausschuss und habe dort nach Anlaufschwierigkeiten des Ausschusses Erfolge erreicht. Er kann einen großen Hebel darstellen. Beim GEW-Bildungswerk lea biete ich regelmäßig ein Beratungsseminar zum Arbeits- und Gesundheitsschutz an. Zudem bin ich Mitglied in der AG Arbeitsschutz im Hessischen Ministerium für Arbeit, Integration, Jugend und Soziales. Meine Botschaft ist: Ihr habt nur eine Gesundheit, passt auf sie auf! Ein Schwerpunkt ist dabei die Teildienstfähigkeit, die nicht allen bekannt ist.

Peter Zeichner: Ich bin nun in der zweiten Amtsperiode im Vorsitz des Hauptpersonalrats Schule. Daher vertrete ich uns im Landesarbeitsschutzausschuss. Die Zusammensetzung ist analog zu den Arbeitsschutzausschüssen. Vertreten ist das Kultusministerium, die Unfallkasse und der Medical Airport Service als betriebsärztlicher und Arbeitssicherheitsdienst für ganz Hessen. Auch ein Schulleiter und die Hauptschwerbehindertenvertretung sind dabei. Leider fehlen die kommunalen Spitzenverbände, dabei müssten viele Anliegen von ihrer Seite koordiniert werden. Die Schulen müssten eigentlich in den kommunalen Hitzeschutzplänen mit auftauchen, aber die Praxis sieht ganz anders aus. Wir haben zwei Treffen im Halbjahr. In der Pandemie sind wir zu Videokonferenzsitzungen gewechselt – und dabei geblieben, was ich bedauere.

HLZ: Wie kann man die Zuständigkeiten zwischen den Ebenen abgrenzen?

Peter Zeichner: Der Landesarbeitsschutzausschuss soll die überregionalen Dinge behandeln. Zum Beispiel hatten wir bei der letzten Sitzung die Novellierung der Brandschutzrichtlinie auf der Tagesordnung, an der nicht viel verändert wurde. Oder die Richtlinien zur Sicherheit im Unterricht, die aber nicht vom Land kommen, sondern von der Bundesebene. In Hessen kann man dann nur noch ein paar Spezifika unterbringen. Ansonsten tauchen immer wieder mal lokale Probleme auf, die von überregionalem Interesse sein können. Wir hatten vor einiger Zeit Schadstoffalarme in Frankfurt oder den Fall einer Gesundheitsgefährdung, die von giftigen Pflanzen auf dem Schulgelände ausging. Eine aktuelle Beschwerde gibt es dazu, dass die Wahrnehmung der betriebsärztlichen Sprechstunden nicht anonym möglich ist. Aus Abrechnungsgründen geht das über den Schreibtisch der Schulleitung. Die regionalen Arbeitsschutzausschüsse dürften gerne noch mehr Themen an uns herantragen.

HLZ: Welche Erfolge habt ihr erlebt?

Peter Engelhardt: Die Sprechstunde der Arbeitsmedizinerin wird vermehrt genutzt, seitdem sie bekannter in den Kollegien gemacht wurde. Diese Beratung ist sehr hilfreich, weil sie als Medizinerin ja einen anderen Blick auf die Lehrerinnen und Lehrer hat als die Schulleitung. Das hilft bei Konfliktsituationen! Was wir öfter erlebt haben, war, dass Schulträger, nachdem ihnen Mängel über Schulleitungen mitgeteilt worden waren, angeblich keine Kenntnis von diesen hatten. Wir sind das einzige Gremium, in dem auch die Schulträger sitzen, so dass wir der Sache direkt nachgehen können. Manchmal wird auch festgestellt, dass der eine Schulträger ein Problem optimal geklärt hat, nur bei dem anderen funktioniert es nicht. Wenn sie dann vor allen Leuten im Ausschuss Rede und Antwort stehen müssen, hat es dann oft doch noch geklappt.

Peter Zeichner: Einen Teilerfolg hatten wir nach der Coronapandemie. Es ging um Empfehlungen für den Umgang mit Long Covid. Die Hauptschwerbehindertenvertreterin und ich waren dann beim Regierungspräsidium in Gießen, wo die zentrale Aufsicht über die hessischen Versorgungsämter untergebracht ist, und haben dieses Papier vorgestellt. Am Ende haben wir natürlich nicht alles erreicht, was wir uns gewünscht hatten. Hier geht es insbesondere darum, dass die Rekonvaleszenzzeiten viel länger sind als bei anderen Erkrankungen. Bei Wiedereingliederungsmaßnahmen soll eigentlich die komplette Gesundung innerhalb von einem halben Jahr erfolgen. Bei Long Covid benötigen die Kolleginnen und Kollegen Unterstützung oder eine Reduzierung ihrer Pflichtstunden über einen viel längeren Zeitraum. Inzwischen machen die Amtsärztinnen und -ärzte verstärkt von ihrem Recht Gebrauch und geben Wiedereingliederungsempfehlungen von längerer Dauer.

HLZ: Wir haben noch nicht über die psychosozialen Belastungen gesprochen. Kann man da überhaupt mit den Instrumenten des Arbeits- und Gesundheitsschutzes rankommen?

Peter Zeichner: Die Burnout-Thematik hat im Landesarbeitsschutzausschuss in der letzten Zeit keine Rolle gespielt. Der Medical Airport Service bietet vor allen Dingen Präventions- und Unterstützungsangebote zur Stärkung von Lehrkräften an, hin zu mehr „Resilienz“. Der MAS kann letztendlich nur das tun, wofür er vom Land bezahlt wird. Jetzt habe ich gerade in der Presseinformation zur Gründung des neuen Hessischen Kompetenzzentrums Gesunde Schule gelesen, dass es auch hier vor allem um Präventionsangebote gehen soll. Darüber hinaus gibt es allerdings auch ein psychologisches Krisenberatungsangebot.

Dorothee Schäfer: Die offenen Sprechstunden finde ich hierfür schon sehr sinnvoll. Davon bräuchte es wahrscheinlich noch mehr und sie müssten wahrscheinlich auch noch bekannter gemacht werden. Die Burnout-Thematik läuft bei uns eigentlich eher über die Schwerbehindertenvertretung.

Bernd Vogeler: Ich zucke immer zusammen, wenn ich das Wort Burnout höre. Wir haben ja mal einen Kultusminister gehabt, der gesagt hat: Es sind nur die ausgebrannt, die nie gebrannt haben. So kommt man natürlich nicht weiter. Bei dem neuen Kompetenzzentrum bin ich ein bisschen überrascht, dass es an die Universität Frankfurt angebunden ist. Es scheint völlig losgelöst von der betriebsärztlichen Arbeit des Medical Airport Service zu sein.

Peter Zeichner: Nach den Informationen, die wir im Hauptpersonalrat bekommen haben, ist das Kompetenzzentrum vernetzt mit dem Medical Airport Service, der Unfallkasse Hessen, der Kassenärztlichen Vereinigung, der Landesfachberatung Schule und Gesundheit am HMKB, den Staatlichen Schulämtern mit dem Schulpsychologischen Dienst und der Koordinierungsstelle Psychische Gesundheit beim HMKB. Die Koordinierungsstelle hat aber vor allem die Förderung der psychischen Gesundheit für Schülerinnen und Schüler auf dem Plan. Wenn man sich allerdings die geplanten Arbeitsschwerpunkte für das Kompetenzzentrum anschaut, soll es sehr wohl um die Gesundheit der Beschäftigten gehen.

HLZ: Was wäre für gesündere Arbeitsbedingungen nötig? Was könnten die Arbeitsschutzausschüsse, der Landesarbeitsschutzausschuss und die GEW dafür tun?

Peter Zeichner: Ich würde mir eine noch bessere Vernetzung zwischen den Ebenen wünschen. Der Landesarbeitsschutzausschuss könnte noch mehr Themen aufgreifen, die vor Ort in Arbeitsschutzausschüssen auftauchen und von überregionalem Interesse sind. Gemeinsam können wir mehr Druck erzeugen, damit sich am Ende etwas bewegt.

Bernd Vogeler: Es gibt keinerlei Krankheitsdaten beim Ministerium. Wenn mir die Gesundheit meiner Beschäftigten am Herzen liegt, dann muss ich auch Daten haben über den Krankheits- und Gesundheitsstand.

Peter Engelhardt: Ich verstehe nicht, dass sich zum Beispiel die anonyme Abrechnung durch den Medical Airport Service immer noch so schwierig gestaltet. Das wurde uns längst zugesichert. Ein anderes Thema ist der Ganztag: Die Räumlichkeiten sind überhaupt nicht auf den Ganztag vorbereitet. Amerikanische Schulen wurden von Anfang an mit Klimaanlagen geplant.

Dorothee Schäfer: Was es eigentlich bräuchte, wären Hitzeregularien, die auf die Schule zugeschnitten sind. Die bestehenden Richtlinien richten sich an Arbeitsstätten, Fabriken oder Büros. Eine Schule ist etwas anderes – je nachdem, ob man mit kleinen Kindern oder mit älteren zu tun hat.