Bestandsaufnahme Lehrerfortbildung

Ein Stiefkind der Bildungspolitik, nicht nur in Hessen

HLZ 3/2020: Welche Ausbildung brauchen Lehrkräfte?

 

Gut Ding braucht gut Weil… Im Jahre 2009 hatte die damalige Landesregierung eine Arbeitsgruppe „Lehrerbildungsreform in Hessen“ eingesetzt. Die von ihr vorgeschlagenen Reformschritte sollten zwei Jahre später umgesetzt werden. Dies ist bis heute nicht geschehen. Exakt so lange ist auch der Berliner Flughafen im Zeitverzug, der Flugbetrieb soll aber nun im Oktober dieses Jahres starten. So schnell wird es ein neues Lehrerbildungsgesetz für Hessen nicht schaffen. Die SPD-Fraktion hat nun vor einem halben Jahr einen Gesetzentwurf vorgelegt, der zumindest die Diskussion darüber wieder eröffnet hat. Die GEW Hessen hat diesen Entwurf zu Recht überwiegend positiv kommentiert (HLZ 11/2019).

Black Box: Die dritte Phase

In diesem Beitrag ist das Augenmerk besonders auf die dritte Phase gelegt, die organisierte und kontinuierliche Professionalisierung der Lehrkräfte im Berufsverlauf, die „der Schlüssel für die Verbesserung des Unterrichts und der Schulentwicklung insgesamt“ ist (Jürgen Oelkers). Ich erinnere mich gut an die Zeit, als wir Nicht-Hessen mit Bewunderung auf die uns vorbildlich erscheinende Lehrerfortbildung im System HILF bzw. HeLP (1) blickten und zur Reinhardswaldschule pilgerten, um uns etwas davon abzugucken. Viel scheint davon nicht mehr übrig: keine systematische Bedarfserfassung, ein ausgedünntes staatliches Angebot in den Regionen, fast nur noch sogenannte Priothemen, keine fachdidaktischen Angebote mehr und deutlich zu geringe schulische Fortbildungsbudgets. Von einem agilen Unterstützungssystem auf der Höhe der Zeit und im Einklang etwa mit den Empfehlungen des hessischen Bildungsforschers Frank Lipowsky kann nicht die Rede sein. Auch wenn das Beispiel Hessen auf diesem Feld besonders defizitär erscheint und es andererseits in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen neue ambitionierte Ansätze bzw. Vorhaben gibt, so muss im Blick auf die Lehrkräftefortbildung in Deutschland insgesamt – zugespitzt formuliert – festgestellt werden: Sie ist weitgehend intransparent, unterentwickelt und unterfinanziert. Wie kommt es zu diesem Befund?

Im Rahmen eines von der Bosch Stiftung geförderten Projekts des Deutschen Vereins zur Förderung der Lehrer*innenfortbildung (DVLfB) wurden zentrale Felder der Lehrerfortbildung einer intensiven Bestandsaufnahme unterzogen (2). Aufgefallen ist uns dabei durchgehend, wie schwierig es auf diesem Feld ist, zu gesicherten und vergleichbaren Informationen zu gelangen. Überhaupt ist im föderalen Bildungssystem, das eigentlich – nach dem Motto „Voneinander lernen“ –auf Transparenz, Vergleichbarkeit und Kooperation angelegt sein müsste, häufig das Gegenteil zu beobachten: Schulen werden auf Vergleichbarkeit getrimmt (PISA-Rankings, IQB-Ländervergleiche, zentrale Abituraufgaben) und sind in einigen Ländern sogar verpflichtet, die Ergebnisse der Schulinspektion auf ihrer Homepage zu veröffentlichen. Bildungspolitik dagegen agiert großenteils nach dem Black-Box-Prinzip, stellt wichtige Fragen nicht, schottet sich ab oder lässt Ergebnisse in der Schublade. Drei ehemalige Bildungsstaatssekretäre haben diese Defizite an Transparenz und Effizienz in einem offenen Brief kritisiert und mehr Kooperation angemahnt (Die ZEIT Nr. 3/2018).

Nicht im Fokus der Bildungsadministration

Die Auswertung aller einschlägigen Gesetze, Erlasse und Verwaltungsvorschriften der 16 Bundesländer, der Bildungs- und Geschäftsberichte, der parlamentarischen Anfragen und der Länderhaushalte sowie aller jüngeren wissenschaftlichen Studien und der Austausch zwischen den Akteuren der Lehrkräftefortbildung auf fünf zentralen Fachtagungen haben zu folgenden Ergebnissen geführt, die im Abschlussbericht der Arbeitsgruppe ausführlich belegt und erläutert werden:

Die Auftragslage ist klar. In den Schulgesetzen aller Bundesländer wird die Bedeutung der Lehrerfortbildung (LFB) hervorgehoben und ist die Verpflichtung dazu für alle Lehrkräfte verankert. Um allerdings beurteilen zu können, wie ernst es Bildungspolitik und -administration mit der LFB meinen, fehlt es allenthalben - mit wenigen Ausnahmen - an Information und Transparenz. Es gibt keine regelmäßige, öffentliche und auf vereinbarten Kriterien beruhende Berichterstattung über Angebote, Nachfrage, Teilnehmerinnen und Teilnehmer, Formate, Kosten und Effekte der LFB. Vergleiche sind daher nur schwer möglich. Eine „empirische Wende“ hat bisher im System der LFB nicht stattgefunden.

Es gibt keine systematische Erfassung des Fortbildungsbedarfs. Das hat zur Folge, dass der formulierte Bedarf häufig nicht mit den besuchten Angeboten korrespondiert, für stark nachgefragte Themen die Angebote nicht ausreichen oder viele Kurse ausfallen. In Baden-Württemberg kommen 30 % der Veranstaltungen nicht zustande, wie jüngst eine Studie im Auftrag der GEW ergeben hat.

Die Qualität der Lehrerfortbildung steht nicht im Fokus der Bildungsadministration. Es fehlt sowohl eine Inputsteuerung durch gemeinsame Qualitätsstandards als auch eine Outputsteuerung durch Monitoring, Evaluation und Berichterstattung. Es gibt nur wenige Wirkungsanalysen mit Blick auf den Transfer in den Unterricht und auf Nachhaltigkeit. Die gängigen Fortbildungsformate entsprechen nicht den Kriterien nachhaltiger Qualifizierung mit einer Verbindung von Input-, Erprobungs- und Reflexionsphasen und der Zielgruppe Fach- bzw. Jahrgangsteam oder Kollegium. Nach wie vor dominieren kurze Einzelveranstaltungen, die sich an einzelne Lehrkräfte richten. Beim großen, mit 500 Millionen Euro ausgestatteten Programm „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ von Kultusministerkonferenz (KMK) und Bundesbildungsministerium (BMBF) können nur Hochschulen Förderanträge stellen, die 3. Phase spielt nur eine marginale Rolle.

Die Lehrerfortbildung in Deutschland ist unterfinanziert. Es gibt große Dunkelfelder in der Berichterstattung, oft fehlende bzw. nicht vergleichbare, z.T. auch falsche Angaben in den Haushaltsplänen der Länder (Daschner/Hanisch, S.113). Laut Bildungsfinanzbericht gab es zwischen 2002 und 2015 eine Absenkung der Ausgaben für LFB um 10 % bei gleichzeitiger Steigerung der Ausgaben für Schulen insgesamt um 36 %. Zwischen den Bundesländern gibt es große Unterschiede bei den Pro-Kopf-Ausgaben. In der Schweiz, in Südtirol und den Niederlanden wird deutlich mehr pro Lehrerstelle investiert. Der Anteil der Personalqualifizierung an den Personalkosten liegt im Schulbereich bei 0,2 %, in den Unternehmen bei 1,6 %.

Forderungen an Kultusministerien und KMK

Auf Basis dieser Befundlage traten DVLfB, GEW und VBE mit gemeinsamen Forderungen an die Öffentlichkeit (3):

  • Herstellung von Transparenz und Vergleichbarkeit durch regelhafte Berichterstattung nach definierten Kriterien
  • länderübergreifende Kooperation bei der Entwicklung nachhaltiger Formate und aussagekräftiger Evaluationsverfahren
  • systematische Erfassung des Fortbildungsbedarfs durch gezielte Befragung der Lehrerschaft und Nutzung vorhandener Daten wie der schulischen Fortbildungspläne sowie der Ergebnisse von Schulinspektionen
  • Maßnahmen zur Qualitätsentwicklung
  • gemeinsame Standards, wie sie in dem neuen Musterorientierungsrahmen des DVLfB vorgeschlagen werden
  • gemeinsame Kriterien für Monitoring, Evaluation und Berichterstattung
  • Umsteuerung bei den Formaten: Entwicklung und Einsatz wirksamer Angebote mit Input-, Erprobungs- und Reflexionsphasen
  • länderübergreifender Austausch zu good practice und Kooperation bei der Vergabe von Forschungsaufträgen
  • Professionalisierung des Fortbildungspersonals durch spezifische Qualifizierung, Einsatz mit mindestens einer Drittelstelle und Zertifizierung der freien Anbieter
  • definierte Zeitgefäße für die Lehrerfortbildung (100 % + x Versorgung im Lehrerstellenplan) zur Ermöglichung wirksamer Formate und zur Vermeidung von Unterrichtsausfall
  • Ressourcenabbau stoppen, Angleichung an die Entwicklung der Ausgaben für das staatliche Schulwesen, Offenlegung der tatsächlich für LFB eingesetzten Mittel, Einigung auf Kostenkriterien
  • stärkere Beteiligung der 3. Phase an der Qualitätsoffensive Lehrerbildung

Mit dieser Sicht aus der Vogelperspektive auf den Zustand der dritten Phase in Deutschland lässt sich selbstverständlich noch nicht ein Regelwerk für das Bundesland Hessen generieren. Aber diese Ergebnisse können den Blick der GEW auf die Situation der Lehrerfortbildung in ihrem Land schärfen, um daraus spezifische Fragen und Forderungen abzuleiten.

Regionale und schulbezogene Angebote

Wer mit Lehrerfortbildung Schulentwicklung unterstützen, Handlungskompetenz stärken und Wirkungen bis auf die Schülerebene erzielen will, muss den Kolleginnen und Kollegen Zeit dafür verschaffen, die Qualifizierungsplanung auf einer soliden Bedarfsanalyse aufstellen, anspruchsvolle und wirkungsorientierte Formate anbieten und ein eigenes Fortbildungspersonal mit hoher Expertise und in umfänglicher Quantität vorhalten. Freie Anbieter können das staatliche Angebot ergänzen, aber nicht ersetzen. Genauso wenig sind zentrale Veranstaltungen für Multiplikatoren und Multiplikatorinnen oder zu vorgegebenen Schwerpunktthemen Ersatz für regionale und schulbezogene Angebote. Die dafür nötigen Ressourcen stehen der staatlichen Lehrkräftefortbildung derzeit nicht zur Verfügung.  

Einiges davon greift der Gesetzentwurf der SPD-Fraktion im Hessischen Landtag von 2019 auf. Er proklamiert neben der Pflicht auch ein Recht auf Fortbildung und fordert die Einrichtung von drei regionalen Kompetenzzentren. Das führt zwangsläufig auch zur Frage nach den Ressourcen, die einem Land die Professionalisierung seiner Lehrerschaft wert ist. Der hessische Landeshaushalt bietet dazu keine klaren und nachvollziehbaren Aussagen. In den oben zitierten Angaben des Statistischen Bundesamtes findet sich für die Funktion 155 (Lehrerfortbildung) beim Lande Hessen seit Jahren eine Null - nicht, weil Hessen dafür nichts ausgibt, sondern weil das Kultusministerium in Wiesbaden dazu schlicht keine Daten an das Statistische Bundesamt liefert. Das würde ein Ministeriumsbote mit dem Bus - vom Luisenplatz zum Gustav-Stresemann-Ring - in 17 Minuten schaffen.

Dr.h.c. Peter Daschner
Peter Daschner war Vorstandsmitglied der GEW Hamburg, danach Landesschulrat und Direktor des Landesinstituts für Lehrerbildung und Schulentwicklung in Hamburg und ist Mitglied im Vorstand des DVLfB.


(1) Das Hessische Institut für Lehrerfortbildung (HILF) wurde 1968 gegründet und übernahm die Aufgaben des Hessischen Lehrerfortbildungswerks. Das Hessische Landesinstitut für Pädagogik (HeLP) als Nachfolger des HILF wurde 2005 aufgelöst.
(2) vgl. Peter Daschner und Rolf Hanisch (2019): Lehrkräftefortbildung in Deutschland. Bestandsaufnahme und Orientierung. Basel und Weinheim, Beltz Juventa.
(3) Gemeinsame Presseerklärung vom 10.9.2018: bit.ly/2OEHzkr