In der UN-Kinderrechtskonvention heißt es: „Die Vertragsstaaten erkennen das Recht des Kindes auf das erreichbare Höchstmaß an Gesundheit an“. Dieses Recht wird aber auch in Deutschland unzureichend und ungleich eingelöst und bleibt stark vom sozialen Status der Eltern abhängig. Bereits im frühen Kindesalter entstehen gesundheitliche Unterschiede mit Auswirkungen auf das gesamte Leben.
Auch in Kassel – mit über 207.000 Einwohner:innen die drittgrößte Kommune in Hessen – weisen aktuelle Daten darauf hin, dass gesundheitliche Chancen von Kindern eng mit sozialen Lebenslagen verknüpft sind. Kassel weist seit Jahren eine überdurchschnittlich hohe Kinderarmutsquote auf. 25 Prozent der unter 15-Jährigen leben in Haushalten, die Leistungen nach SGB II beziehen. Damit liegt der Wert über dem hessischen Durchschnitt von 13 Prozent (1). Für Kinder bedeutet das schlechtere Chancen auf ein gesundes Leben, wenn es nicht gelingt, gemeinsam über die administrativen Ebenen hinweg mit ausreichenden Ressourcen und klugen Konzepten gegenzusteuern.
Zur Bewertung des Gesundheitszustandes von Vorschulkindern sowie zur frühzeitigen Identifizierung von Handlungsbedarfen in der Prävention und Gesundheitsförderung bietet die Einschulungsuntersuchung (ESU) eine wichtige Datengrundlage. Als standardisiertes Instrument ermöglicht sie eine regelmäßige Bestandsaufnahme individueller Gesundheitsindikatoren. Der 2025 vom Gesundheitsamt Region Kassel veröffentlichte Kindergesundheitsbericht mit den ESU-Daten der Schuljahre 2018/19 bis 2023/24 gibt einen Einblick in die Entwicklung des Gesundheitszustandes Kasseler Kinder. Die Ergebnisse des Berichts sowie die aktuellsten ESU-Daten für das Schuljahr 2024/25 zeigen, dass der Bedarf für frühe Präventionsmaßnahmen hoch und unterschiedlich verteilt ist. Die kleinräumige Analyse ausgewählter Gesundheitsindikatoren macht deutlich, dass Kinder aus armen Stadtteilen deutlich häufiger Auffälligkeiten zeigen als Kinder aus privilegierteren Bezirken. Dies muss von Land und Kommune als politischer Auftrag verstanden werden, denn alle Kinder haben das Recht, gesund aufzuwachsen und gut in ihre Schulzeit zu starten.
Unsere Befunde
In der Stadt Kassel werden bei der ESU jährlich etwa 2.000 Kinder untersucht. Ein Blick auf die zentralen Indikatoren der Kindergesundheit zeigt für das Schuljahr 2024/25, dass sich die meisten Werte leider verschlechtert haben.
Übergewicht und Adipositas: Der Anteil übergewichtiger oder adipöser Kinder ist 2024 wieder auf 13 Prozent angestiegen. Kleinräumige Analysen zeigen dabei deutliche Unterschiede innerhalb der Stadt. Zwar dürfen in Hessen in der ESU keine Merkmale erhoben werden, die Aussagen über die sozioökonomische Lage der Familie zulassen, dennoch erlaubt die räumliche Zuordnung Rückschlüsse darauf. Während im stark von Armut betroffenen Stadtteil Wesertor 21 Prozent der Kinder übergewichtig oder sogar adipös waren, lag der Anteil in Bad Wilhelmshöhe, einem Stadtteil, in dem viele wohlhabende Familien wohnen, bei 6 Prozent. Bundesweite Studien bestätigen, dass Kinder aus Familien mit niedrigem sozioökonomischen Status häufiger übergewichtig oder adipös sind. Der Zusammenhang von Gesundheit und Armut zieht sich durch alle dargestellten Indikatoren.
Sprachkompetenz: Mit 28 Prozent erreichte der Anteil der Kasseler Kinder mit Förderbedarf in der Unterrichtssprache Deutsch in 2024 einen neuen Höchstwert. Vor allem Kinder aus Nord-Holland (59 Prozent), einem Stadtteil mit hohem Anteil armer Familien, zeigen Defizite in der Sprachkompetenz. Zwar handelt es sich bei den ESU-Ergebnissen nicht um diagnostizierte Sprachstörungen, dennoch zeigen auch Krankenkassendaten, dass der Anteil diagnostizierter Sprach- und Sprechstörungen bei 6- bis 18-Jährigen seit 2008 um 77 Prozent (2023) gestiegen ist.
Sehen und Hören: In der Stadt Kassel ist von 2018 bis 2024 der Anteil der Vorschulkinder mit Auffälligkeiten im Sehtest von 26 auf 39 Prozent und im Hörtest von 7 auf 23 Prozent angestiegen. Zwar handelt es sich bei den Screening-Ergebnissen nicht um gesicherte Diagnosen, dennoch weisen sie auf einen erhöhten Abklärungsbedarf hin. Dabei können zahlreiche Faktoren diese Ergebnisse beeinflussen. Untersuchende berichten neben sprachlichen Barrieren auch von einem nachlassenden Konzentrationsvermögen der Kinder. Internationale Trends zeigen ähnliche Entwicklungen. Laut WHO nehmen Kurzsichtigkeit und Hörstörungen bei Kindern und Jugendlichen aufgrund äußerer Lebensumstände weltweit seit Jahren zu.
Motorische Fähigkeiten: Auch im Bereich der Motorik zeigen sich negative Entwicklungen. Der Anteil der Kinder mit grobmotorischen Auffälligkeiten ist in 2024 auf 8 Prozent angestiegen. Vor allem Kinder aus dem ärmeren Stadtteil Forstfeld zeigen auffällige Ergebnisse (14 Prozent). Der Anteil der Kinder mit feinmotorischen Auffälligkeiten hat mit 20 Prozent ebenfalls weiter zugenommen. Im Stadtteil Nord-Holland haben 32 Prozent Schwierigkeiten bei der Feinmotorik. Studien des RKI weisen darauf hin, dass Kinder mehr Zeit mit digitalen Medien und weniger mit aktivem Spielen verbringen. Diese Entwicklung verstärkte sich während der COVID-19-Pandemie und wirkt sich auf Körpergewicht und Motorik aus.
Chancen gesund aufzuwachsen
Auf Grundlage der ESU-Daten gibt der Kasseler Index für Kindergesundheit (KIKiG) Aufschluss über die Verteilung gesundheitlicher Belastungen von Vorschulkindern, indem er zentrale Gesundheitsindikatoren (Masern-Impfrate, Körpergewicht, Sinnesscreening, körperliche Untersuchung, Motorik, Sprachkompetenz) mehrerer Schuljahre zu einem Index bündelt. Hierbei bedeutet ein niedriger Indexwert eine schlechte Kindergesundheit.
Die Ergebnisse des aktuellen KIKiG zeigen einen klaren sozialen Gradienten: Stadtteile mit hoher Armutsbelastung weisen niedrigere Werte auf, während besser gestellte Stadtteile höhere Werte erreichen. Die Stadtteile Nord-Holland, Wesertor, Oberzwehren und Rothenditmold weisen die meisten Förderbedarfe auf (siehe Abbildung). Gleichzeitig sind hier die Kinderarmutsquoten am höchsten. In 2024 war in Nord-Holland jedes zweite Kind von Armut betroffen. Der Anteil der SGB II-Bedarfsgemeinschaften mit Kindern lag hier bei 49 Prozent, während er in Nordshausen bei 7 Prozent lag. Damit verdeutlicht der KIKiG die extrem ungleiche Verteilung von Chancen für ein gesundes Aufwachsen und stellt eine wichtige Grundlage zur Entwicklung passgenauer Fördermaßnahmen dar.
Die Daten sind eindeutig und der Handlungsauftrag an Politik in Bund, Land und Kommune klar. Wenn wir das Recht aller Kinder auf gesundes Aufwachsen einlösen wollen, müssen wir Prävention deutlich verstärken und Ressourcen gezielt dort einsetzen, wo Armut die Potentiale von Kindern hemmt. In Kassel setzen wir auf einen Dreiklang aus Sprach- und Bewegungsförderung, gesunder Ernährung und Elternarbeit. Unsere Vision, die wir gemeinsam mit der Universität Kassel und engagierten Vereinen vorantreiben, ist, dass sich jedes Kind in Kassel täglich eine Stunde mehr bewegt. Dabei bedienen wir uns einer Vielzahl an Bewegungsprojekten (2).
Das hessische Kindersprachscreening KiSS wird zukünftig nicht nur in städtischen Kitas, sondern auch in denen der freien Träger verpflichtend, und wir erwarten von Bund und Land, dass die Finanzierung des Programms „Sprach-Kitas“ auch nach 2026 gesichert ist. Beim Schul- und Kitaessen wurden die Standards der Ernährungsqualität verschärft. An einigen sozial besonders belasteten Kitastandorten konnten wir Kita-Sozialarbeit etablieren, die Eltern unterstützt und Chancengerechtigkeit verbessern soll.
Die empirischen Grundlagen und die Konzepte, um allen Kindern die Chance auf gesundes Aufwachsen zu ermöglichen, sind vorhanden. Was fehlt, ist, dass Bund und Länder ihren Teil der finanziellen Last schultern und für Kinder aus Haushalten in Armut einstehen. Kürzungen beim Sozialindex an Schulen, die Unterfinanzierung des Ganztages, das drohende Aus der Sprach-Kitas, wegfallende Mittel aus dem Pakt für den Öffentlichen Gesundheitsdienst, aus denen in Kassel unter anderem der Kinder- und Jugendpsychiatrische Dienst finanziert wird, gefährden die Gesundheit vieler Kinder.
(1) Landeskoordinierungsstelle „Präventionsketten Hessen“ (2026): Kinderarmut in Hessen. Online unter: www.praeventionsketten-
hessen.de/gelingendes-aufwachsen/kinderarmut
(2) Weitere Informationen zu einigen Projekten unter: www.kassel.de/buerger/sport_und_freizeit/fit-wie-herkules.php; www.ganztag-hessen.de/sport-verbindet-wie-sport-vernetzt-den-ganztag-kassel-revolutioniert
Mareike Brietzke arbeitet in der Abteilung Gesundheitsförderung und Prävention des Gesundheitsamtes Region Kassel. Sie ist dort zuständig für die Gesundheitsberichterstattung und beschreibt auf der Grundlage der Gesundheitsdaten der Menschen in der Region die gesundheitliche Situation der dort lebenden Bürger:innen. Nicole Maisch leitet als Bürgermeisterin das Dezernat für Jugend, Gesundheit, Bildung und Chancengleichheit der Stadt Kassel.