Kollegien am Limit

Eine Auswertung der Überlastungsanzeigen von hessischen Schulen

HLZ 5/2019: 70 Jahre Grundgesetz

In den zurückliegenden Jahren haben in ganz Hessen zahlreiche Lehrkräfte – in der Regel ganze Schulkollegien – Überlastungsanzeigen beim Hessischen Kultusministerium (HKM) eingereicht. Die gesetzliche Grundlage hierfür ist das Arbeitsschutzgesetz. Danach sind Beschäftigte verpflichtet, dem Arbeitgeber eine unmittelbare erhebliche Gefahr zu melden, welche die Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten gefährdet. Eine solche Überlastungs- oder Gefährdungsanzeige kann auch von mehreren Personen gemeinsam auf den Weg gebracht werden. Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind in diesem Zusammenhang auch berechtigt, dem Arbeitgeber Vorschläge zu allen Fragen der Sicherheit und des Gesundheitsschutzes zu machen. Die Überlastungsanzeigen im hessischen Schulbereich sind genau wie Resolutionen und offene Briefe an das HKM in der Presse landesweit immer wieder als Thema aufgegriffen worden.
Die Überlastungsanzeigen waren zudem Gegenstand mehrerer Landtagsanfragen und von Debatten im Landtagsplenum (HLZ 7-8/2018, S. 20-21).  

Der GEW liegen 75 Überlastungsanzeigen, aber auch zahlreiche weitere Erklärungen, Resolutionen usw. zur Arbeitssituation der Lehrkräfte aus den vergangenen fünf Jahren vor (1). Bei den Überlastungsanzeigen handelt es sich um sehr detaillierte, mehrseitige Schilderungen der an der jeweiligen Schule bestehenden Belastungssituation. Zudem werden häufig Verbesserungsvorschläge unterbreitet.
„Aber nun ist es soweit, dass wir sowie alle anderen schulischen Mitarbeiter, wie Sekretärinnen, Schulsozialarbeiter und Hausmeister an unsere Grenzen stoßen: Alle zum Wohl unserer Schülerinnen und Schüler getroffenen Maßnahmen belasten letztlich uns alle, denn sie bedeuten immer mehr und mehr Arbeit.“

So wird in einer Überlastungsanzeige aus dem Regierungsbezirk Darmstadt die Situation zusammengefasst – und dieser Satz würde als resümierender Schluss unter jede Überlastungsanzeige passen. (2)
In den Überlastungsanzeigen werden zahlreiche Punkte angeführt, die die Arbeitsbelastung massiv erhöht bzw. die Arbeitsbedingungen verschlechtert haben. Zu den nur hin und wieder angeführten Punkten zählt unter anderem die Unterbesetzung bzw. die verzögerte Besetzung von Funktionsstellen, die Erteilung von fachfremdem Unterricht, befristete Beschäftigung, die Verweigerung der Übernahme von Fortbildungskosten, überlastete Reinigungskräfte, Belastungen durch Ganztagsunterricht, die mangelhafte Ausstattung im Bereich der Digitalisierung oder die Übernahme von Hausmeistertätigkeiten.

Neben diesen gibt es andere Punkte in den Überlastungsanzeigen, die sehr häufig angeführt worden sind – dabei hängen diese Punkte zum Teil miteinander zusammen. So wird regelmäßig beklagt, dass die Schülerschaft deutlich heterogener geworden ist und dies mit einer höheren Zeit der Unterrichtsvorbereitung einhergeht. Eine zusätzliche Herausforderung ist dabei die gestiegene Zahl der nach Deutschland geflohenen Kinder. Hier muss die Sprachentwicklung besonders gefördert werden, und im schlimmsten Falle liegen Traumatisierungen vor. Oft wird auch darauf verwiesen, dass sich Lehrerinnen und Lehrer mit einer steigenden Zahl von Problemen der Schülerinnen und Schüler wie Magersucht, Alkohol, Drogen, Verhaltensauffälligkeiten usw. auseinandersetzen müssen. Hiermit zusammen hängt dann der oft beklagte Mangel an Fachkräften, ein Beispiel ist der Mangel an Psychologen für traumatisierte Kinder.

Als neu hinzu gekommener Belastungsfaktor wird vielfach die Inklusion angeführt – verwiesen wird etwa darauf, dass „eine erhöhte Notwendigkeit der Differenzierung und Passung des Unterrichts sowie zusätzlicher Gespräche mit Förderschullehrkräften, außerschulischen Organisationen und Therapeuten sowie Eltern“ erforderlich ist. Gerade mit Blick auf die Inklusion wird eine angemessene personelle Ausstattung eingefordert:
„Wir stehen voller Überzeugung zur Idee der Inklusion, doch die Fortführung der bisherigen hessischen Praxis wird die Inklusion scheitern lassen. (…) Wir leisten das Gleiche wie Förderschullehrer mit derselben Verantwortung, jedoch ohne entsprechendes Studium. Unsere Hauptkritik bezieht sich auf die fehlende Bereitstellung von Ressourcen.“

Weitere ebenfalls wiederholt beklagte Arbeitsbelastungen sind Klassen- und Kursgrößen sowie die Zunahme von Besprechungen, Elterngesprächen, Sitzungen und Konferenzen. Zudem müssen in steigender Zahl Praktikantinnen und Praktikanten, Studentinnen und Studenten sowie Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst ohne eine angemessene Entlastung betreut werden.
Ein weiterer Belastungsfaktor, der ebenfalls in regelmäßiger Häufigkeit in den Belastungsanzeigen auftaucht, sind Klagen über eine „ausufernde Bürokratisierung“, einen gestiegenen Dokumentations- und Verwaltungsaufwand sowie zu erfüllende administrative, organisatorische und außerschulische Aufgaben.

Sehr häufig wird in den Überlastungsanzeigen auf erhebliche bauliche Mängel aufmerksam gemacht, die Zustände werden zum Teil mit dem Urteil „unerträglich“ versehen. Bemängelt werden unter anderem gesperrte Sporthallen und dass aufgrund fehlender Barrierefreiheit „Exklusion statt Inklusion stattfindet“. Geklagt wird über Schimmel, Toiletten „in desolatem Zustand“ und stark renovierungsbedürftige und zu kleine Klassenräume, nicht benutzbare Turnhallen, über lange Zeiträume beschädigte Spielgeräte auf dem Pausenhof und den fehlenden räumlichen Rahmen zur Umsetzung einer vernünftigen Ganztagsbeschulung. Auch über veraltete Heizungen sowie einen fehlenden Schutz vor starker Sonneneinstrahlung und einer damit im Zusammenhang stehenden Überhitzung der Klassenräume im Sommer wird Beschwerde geführt. Teilweise beschweren sich die Lehrkräfte sogar über mangelhafte hygienische Zustände aufgrund einer Reduzierung der Reinigungsvorgänge.

Eine im Zusammenhang mit baulichen Problemen stehende gravierende Belastung, die besonders oft Erwähnung findet, ist die Belastung von Lehrkräften sowie Schülerinnen und Schülern durch Lärm. Flure und Klassenräume, so die vielfach vorgebrachte Klage, seien unzureichend oder gar nicht nach gesetzlich festgesetzten Lärmschutzstandards ausgestattet.
Aus den Überlastungen ergeben sich für die betroffenen Lehrkräfte häufig gesundheitliche Beeinträchtigungen. Sie reichen von einem deutlich gestiegenen Krankenstand unter den Lehrkräften über zahlreiche Fälle von Tinnitus, Burnout, Schlaflosigkeit und Migräne. Um die Belastungen abzubauen, wird eine Steigerung und angemessen qualifiziertes Personal gefordert, ferner eine Reduzierung der Pflichtstundenzahl – dies ist die am häufigsten gestellte Forderung – und kleinere Klassen. Vorgeschlagen wird zudem ein Abbau bürokratischer Vorgaben, und die Grundschullehrkräfte reklamieren eine Bezahlung nach der Besoldungsgruppe A13. Und angemahnt wird natürlich eine zügige Verbesserung der räumlichen Situation an den Schulen.

Viele Lehrkräfte sehen angesichts der beschriebenen Überlastungen nur den individuellen Ausweg, die Arbeitsbelastung durch einen Antrag auf Teilzeitarbeit zu reduzieren. Auch das wird in einigen Überlastungsanzeigen angesprochen:
„Überlastete Lehrkräfte reduzieren zunehmend ihre Stundenzahl und nehmen damit eine finanzielle Einbuße in Kauf, um die Ansprüche an qualitativ hochwertigen Unterricht zu erfüllen.“
In Anbetracht dieser Lage mutet es grotesk beziehungsweise zynisch an, wenn die Schulämter bei Lehrkräften in Teilzeit um eine Aufstockung der Stundenzahl werben und mit Hinweis auf den Lehrkräftemangel Teilzeitanträge zunehmend restriktiv behandeln.

Das HKM hat auf die Überlastungsanzeigen der Kollegien weder mit angemessenen Maßnahmen noch mit einem breit angelegten Dialogangebot reagiert, um auszuloten, wie die geschilderten Missstände zumindest in der langen Frist behoben werden können. Häufig gab es nicht einmal eine Empfangsbestätigung, mit der Antwort wurden die Schulämter betraut.
Trotzdem haben die Überlastungsanzeigen, die Berichte in vielen Lokal- und Regionalzeitungen und die Debatten im Landtag etwas in Bewegung gebracht und das öffentliche Bewusstsein verändert. Auch das UBUS-Programm mit der Einstellung von 700 sozialpädagogischen Fachkräften zur unterrichtsunterstützenden Begleitung hätte es ohne die Überlastungsanzeigen und die Berichte über den Unterrichtsalltag in Klassen mit vielfältigen individuellen und strukturellen Problemlagen nicht gegeben.

„Entlastung für Schulen und Lehrkräfte“ verspricht auch ein eigenes Kapitel im neuen Koalitionsvertrag von CDU und GRÜNEN (Im Wortlaut: HLZ 3/2019, S.20), auch das sicher eine Reaktion auf die öffentliche Debatte. Substanzielle Maßnahmen, die zu einer Entlastung der Lehrkräfte führen könnten, sucht man allerdings vergeblich. Die Aufstockung der Schulsekretariate aus Landesmitteln ist zwar dringend überfällig, dürfte aber bei den Lehrkräften nicht ankommen. Auch die Aussagen zur „Entbürokratisierung durch Straffung und Abschaffung von Berichts- und Dokumentationspflichten“ und zur Senkung des Arbeitsaufwands bei den bundesweiten Vergleichsarbeiten sind mehr als vage.  

Kai Eicker-Wolf und Harald Freiling

Repräsentative Studie: Arbeitsbelastung an Schulen in Niedersachsen

Belastung durch

Arbeitsbedingungen (n = 2.108)

Belastung durch schulspezifische

Anforderungen (n = 2.108)

Belastungsfaktor

MW*

Belastungsfaktor

MW*

Zeitdruck

3,5

Keine Erholung in Schulpausen

3,4

Arbeit am Wochenende

3,3

Verwaltungsaufgaben

3,3

Zwang zu Abstrichen bei der Qualität

3,2

Respektloses Verhalten von Vorgesetzten

3,2

Lärm

3,2

Schwierige Schülerinnen/Schüler

3,1

Keine rechtzeitige Information

3,2

Erziehungsarbeit wird erwartet

3,1

Kein Einfluss auf Arbeitsmenge

3,1

Dokumentationsaufgaben

3,0

Widersprüchliche Anforderungen

3,1

Große Klassen

3,0

Schlechtes Meinungsklima

3,1

Respektloses Verhalten von Eltern

3,0

Konflikte mit SuS oder  Eltern

3,1

Inklusionsaufgaben

3,0

Unbezahlte Arbeit

3,0

Respektloses Verhalten von Kolleginnen und Kollegen

2,9

Schlechte Planung des Vorgesetzten

3,0

Ganztägige Bildung

2,9

Arbeit abends (18:00 - 23:00 Uhr)

3,0

Unterstützungsbedarf der SuS

2,9

Fehlende Identifikation mit der Arbeit

2,9

Größere Stoffmengen

2,9

Mangelnde Wertschätzung von Vorgesetzten

2,9

Stimme

2,9

Nachtarbeit (23:00 - 6:00 Uhr)

2,9

Änderungen in Lehrplänen

2,9

Keine Möglichkeit, eigene Ideen einzubringen

2,8

Klassenleitung

2,8

*Mittelwert der Beanspruchsnachfrage: nicht belastet =1, eher wenig belastet = 2, eher stark belastet = 3, stark belastet = 4

Quelle: Frank Mußmann, Thomas Hardwig, Martin Riethmüller:  Niedersächsische Arbeitsbelastungsstudie 2016. Lehrkräfte an öffentlichen Schulen Göttingen 2017; Download: www.gew-nds.de/index.php/gew/aktionen-initiativen/protest-gegen-mehrarbeit


(1) Dieser Auswertung liegt eine Auswahl von insgesamt 120 Überlastungsanzeigen und schriftlichen Äußerungen in den Disziplinarverfahren wegen der Beteiligung am Beamtenstreik 2015 zugrunde.
(2) Alle in Anführungszeichen gesetzten Passagen sind wörtlich aus Überlastungsanzeigen übernommen.