Bundesweit höchste Stundenzahl

GEW-Stellungnahme zur Arbeitsbelastung der Lehrkräfte

Umfangreiche wissenschaftliche Studien unter anderem von Professor Schaarschmidt (Potsdam), Dr. Johnen (Calw) und Professor Berndt (Bremen) belegten schon Ende der 90er beziehungsweise Anfang des ersten Jahrzehnts, dass die Belastung durch den Beruf bei Lehrerinnen und Lehrern überdurchschnittlich hoch ist. Schaarschmidt bringt es 2001 (!) auf den Punkt: „Gegenwärtig zeichnet sich (...) eine deutliche Zuspitzung der Belastungssituation ab. Viele Lehrerinnen und Lehrer beklagen eine stetige Zunahme ihrer Aufgaben bei gleichzeitiger Verschlechterung der Bedingungen, wobei Verhaltensprobleme der Schüler und nachlassende Unterstützung durch die Eltern eine besondere Rolle spielen.“ (1)

Schon damals wurden so die Hauptbelastungsfaktoren identifiziert: der adäquate Umgang mit herausfordernden Schülerinnen und Schülern, zum Teil mit Verhaltensauffälligkeiten, die Klassenstärke, die hohe Zahl an Unterrichtsstunden sowie die überbordenden Aufgaben im Schulverwaltungsbereich. Schon damals war der Krankenstand sehr hoch; nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes erreichten 2009 nur rund 40 Prozent der Lehrkräfte überhaupt die Regelaltersgrenze von seinerzeit noch 65 Jahren (DAK-Studie von 2011).

Seit 1998 haben sich die Verhältnisse jedoch keineswegs gebessert, im Gegenteil: Der Leidensdruck unter den vermeintlich so gut bezahlten und um „die vielen Ferien“ beneideten Lehrerinnen und Lehrern ist seitdem kontinuierlich gestiegen, denn durch die Veränderung der schulischen und gesamtgesellschaftlichen Rahmenbedingungen kamen ständig neue Aufgaben auf die Lehrkräfte zu, ohne dass diese dafür entlastet worden wären oder ein echter Wille bei den Verantwortlichen erkennbar gewesen wäre, an den bekannten Missständen etwas zu ändern.

Im Rückwärtsgang

Tatsächlich wurden 2004 im schulischen Bereich die Maßnahmen der „Aktion sichere Zukunft“ umgesetzt und die Pflichtstunden für Lehrerinnen und Lehrer auf das bundesweit höchste Maß erhöht. In dieses Umfeld gehört auch die durch extreme Kürzungsmaßnahmen eingeleitete Zerschlagung der Strukturen im Umfeld von Einrichtungen, die die schulische Arbeit unterstützen und entlasten (Beratungsinstitutionen, Jugend- und Frauenhäuser etc.).

Im Zuge des Einzugs der Outputorientierung zusammen mit betriebswirtschaftlichen Steuerungselementen in die Bildung kam es zu einer verfehlten Entwicklung hin zur verstärkten „Autonomie“ der Schulen. Diese „Selbstständigen Schulen“ sollen in Wettbewerb treten, was die Forderung nach einer Vergleichbarkeit der Lernleistungen mit sich brachte. In der Folge hat – neben einheitlichen Abschlussprüfungen – die Zahl der zusätzlichen Vergleichstests stark zugenommen. Neben dem zeitlichen Aufwand für Durchführung, Auswertung und EDV-mäßige Erfassung solcher Tests beeinträchtigt dieser Zielkonflikt die Arbeitszufriedenheit der Lehrerinnen und Lehrer und stellt so einen weiteren Belastungsfaktor dar.

Das mit einem enormen finanziellen und bürokratischen Aufwand nach einer Pilotphase 2005 flächendeckend eingeführte und mittlerweile praktisch wieder in der Versenkung verschwundene Instrument der „Schulinspektion“ brachte größtenteils nicht einmal in Ansätzen Verbesserungen, sondern setzte im Gegenteil die Kollegien meist unter Druck und bedeutete einen enormen zusätzlichen Arbeitsaufwand insbesondere für die Schulleitungen. Hier wurde viel Geld verbrannt, das anderswo dringend gebraucht wurde.

Dies gilt im besonderen Maße auch für das auf nahezu alleiniges Betreiben der FDP installierte sogenannte Landesschulamt, das zum 1. Januar 2013 seine Arbeit aufgenommen hatte und bezeichnenderweise zum 1. April 2015 wieder aufgelöst und in der Hessischen Landeslehrkräfteakademie neu strukturiert wurde. Die damals propagierte Idee, durch den Abbau von Stellen in der Bildungsverwaltung Einsparungen generieren zu können, die dann der Versorgung der Schulen mit Lehrkräften zugutekommen sollten, illustriert deutlich, dass die politisch Verantwortlichen vom tatsächlichen Ausmaß der Belastungssituation im Bildungssystem und von den nötigen Gegenmaßnahmen keinerlei Vorstellung haben.

Im Jahr 2011 wurde unter Kultusministerin Henzler (FDP) der erfolgreiche „Gemeinsame Unterricht“ von Kindern mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf mit seinen bestehenden guten Standards über Bord geworfen. Seitdem fehlen diese Standards in Bezug auf eine kleinere Klassengröße sowie Doppelbesetzungen im Unterricht. Die Umsetzung des Menschenrechts auf inklusive Beschulung von Kindern mit und ohne Behinderung ist jedoch eine Aufgabe, deren Umsetzung noch viele Jahre in Anspruch nehmen wird und neben erheblichen personellen Ressourcen auch einer gewissenhaften Planung und Steuerung bedarf.

Deprofessionalisierung

Beginnend 2006 mit der „Unterrichsgarantie plus“ hat ein starker Trend zur Deprofessionalisierung des Berufsstandes eingesetzt. Auch wenn das Konzept mittlerweile durch das der „Verlässlichen Schule“ ersetzt wurde und in diesem Zusammenhang „nur“ noch von „Betreuung“ die Rede ist, bleibt festzustellen, dass inzwischen bereits über 10 Prozent der Lehrkräfte im Unterricht nicht über eine entsprechende Ausbildung verfügen. In Anbetracht des aktuellen hohen Lehrkräftemangels steht zu befürchten, dass der Anteil nicht ausgebildeter Lehrkräfte noch zunehmen wird. Dies hat zwangsläufig zur Folge, dass an vielen Schulen Lehrerinnen und Lehrer oft zwei Klassenleitungen übernehmen müssen und zusätzlich noch Vertretungskräfte ohne entsprechendes Lehramt sowie Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger anleiten und unterstützen müssen. Gerade im Bereich der Vertretungskräfte greifen prekäre Arbeitsverhältnisse mit befristeten Verträgen und unter Aussparung der Sommerferien immer weiter um sich.

Auch die zurzeit existierenden Formen ganztägiger Angebote binden in der Durchführung viel Zeit und Energie, für die kein Ausgleich gewährt wird. Erschwerend kommt hinzu, dass Maßnahmen wie der sogenannte „Pakt für den Nachmittag“ überhaupt keine echte gebundene Ganztagsschule darstellen und somit von zweifelhaftem pädagogischem Wert sind bei gleichzeitiger Mehrbelastung des Kollegiums durch Ausweitung der Arbeitszeiten und Erhöhung der Aufgabendichte. Die beschriebene allgemeine Ausweitung von Aufgaben und Verpflichtungen führt zwangsläufig zu einer Zunahme von Konferenzen, Dienstversammlungen bis hin zu solchen Auswüchsen wie unrechtmäßige „Präsenzzeiten“.

Dringender Handlungsbedarf

Vor diesem Hintergrund nimmt es nicht Wunder, dass die Zahl der von ganzen Kollegien wie auch von Einzelpersonen gestellten Überlastungsanzeigen seit Jahren ständig wächst und erhebliche Ausmaße angenommen hat. Alle in jüngerer Zeit vorgelegten Studien zur Arbeitszeit von Lehrkräften belegen unzweideutig, dass die an die Lehrkräfte gestellten Aufgaben gar nicht im Rahmen der vorgesehenen Arbeitszeit geleistet werden können. Weitgehend entgrenzte Arbeitszeiten auch in den Abendzeiten, an den Wochenenden sowie in den Schulferien sind längst die Regel. Längerfristige begleitende Weiterbildungsmaßnahmen sind vor diesem Hintergrund selbst bei hoher Eigenmotivation kaum umsetzbar und leistbar, zumal es hierzu so gut wie keine Angebote von staatlicher Seite mehr gibt. Die Forderung des FDP-Abgeordneten Greilich im Landtag, „dafür zu sorgen, dass (…) Fortbildungen entsprechend der gesetzlichen Vorgabe überwiegend in der unterrichtsfreien Zeit stattfinden“ sollen, zeigt, dass bei einem großen Teil der politisch Verantwortlichen die Notlage, in der sich die Lehrerinnen und Lehrer mittlerweile befindet, überhaupt nicht verstanden wird.

Angesichts der geschilderten Missstände besteht aus Sicht der GEW Hessen dringender Handlungsbedarf. Unabdingbare Maßnahmen, um gesundheitsförderlichen und modernen pädagogischen Ansprüchen genügende Arbeitsbedingungen herzustellen, sind aus unserer Sicht: Die Arbeitszeit muss reduziert werden, in einem ersten Schritt mindestens durch die Übertragung der 40-Stunden-Woche des Tarifvertrags auch auf Beamtinnen und Beamten, d.h. sofortige Reduzierung der Pflichtstundenzahl um eine halbe Stunde. Angesichts der beschriebenen Aufgabenfülle ist langfristig eine Zahl von 20 Pflichtstunden pro Woche für alle Schulformen anzustreben.

  • zusätzliche Entlastungsstunden für Kooperationsarbeit und Mentorentätigkeit vor allem auch für die Grundschulllehrkräfte, die die höchste Stundenzahl zu erbringen haben
  • kleinere Lerngruppen (perspektivisch: höchstens 20 Schülerinnen und Schüler pro Lerngruppe)
  • deutliche Erhöhung der Stellenzuweisung insbesondere für echte Ganztagsschulen sowie für besonders belastete Schulen
  • schnelle Erhöhung der Ausbildungskapazitäten an Universitäten und Studienseminaren
  • mehr finanzielle Anerkennung gerade auch für die hoch wichtige Grundschulphase durch eine A13-Besoldung für alle Lehrkräfte
  • Inklusiv arbeitende Schulen brauchen mindestens eine sozialpädagogische Fachkraft sowie eine Förderschullehrkraft pro drei Klassen.
  • Reduzierung der Belastung durch bürokratisch-administrative Aufgaben
  • Etablierung eines echten Unterstützungssystems für Lehrkräfte mit hochwertigen Fort- und Weiterbildungsangeboten
  • Erhöhung der Attraktivität des Berufsbildes zur Gewinnung von Nachwuchskräften

(1) Uwe Schaarschmid: Psychische Belastung im Lehrerberuf. Potsdam 2001, S.1.

In den letzten Wochen und Monaten war die Arbeitsbelastung der hessischen Lehrerinnen und Lehrer mehr als einmal Gegenstand ausführlicher Debatten im hessischen Landtag. Ausgangspunkt waren in der Regel Anfragen der Oppositionsparteien SPD, Die Linke und FDP, die sich zumeist auf die Überlastungsanzeigen von Kollegien und Personalräten bezogen. Besonders häufig meldete sich dabei auch der schulpolitische Sprecher der FDP-Fraktion Wolfgang Greilich zu Wort, dessen Partei allerdings in den 19 Regierungsjahren der CDU seit 1999 immerhin 9 Jahre lang mitregierte und mit Dorothea Henzler und Nicola Beer auch zwei Kultusministerinnen stellte. Am 14. Juni lud die FDP-Fraktion zu einer öffentlichen Anhörung in den Landtag ein, „nachdem die Landesregierung einmal mehr die Augen vor der Lebens- und Arbeitswirklichkeit an hessischen Schulen verschließt“. Der GEW-Landesvorstand nahm in einem ausführlichen Schreiben zu unterschiedlichen Facetten der Überlastung von Lehrerinnen und Lehrern Stellung. Den vollständigen Wortlaut findet man auf der Homepage der GEW Hessen.