Landtagswahl nachgefragt: 3. Berufliche Bildung

3.1. Fast die Hälfte der Lehrkräfte an Beruflichen Schulen verfügt nicht über das Lehramt an Beruflichen Schulen. Wie will ihre Partei dem begegnen?

Eine Attraktivitätsoffensive für den Lehrerberuf soll für mehr Wertschätzung in der Öffentlichkeit sorgen. Die Zusammenarbeit mit allen gesellschaftlichen Verbänden und Organisationen, der Wirtschaft und den Hochschulen ist in diesem Sinne auszubauen.

Wir setzen uns für einen Ausbau von Beförderungsmöglichkeiten in allen Schulformen ein. Funktionsstellen für besondere Aufgaben dienen der Erweiterung und somit der Entlastung der Schulleitung. An den Berufsschulen konnten dank massiver Investitionen in den Bildungsetat trotz der freien Studien- und Berufswahl und des Wettbewerbes mit dem freien Arbeitsmarkt nahezu alle Lehrerstellen besetzt werden. Ungeachtet dieser soliden Ausgangslage wird die CDU Hessen auch künftig verlässlich darauf achten, dass im Falle steigender Schülerzahlen und neuer Bedarfslagen die Ausbildungskapazitäten entsprechend angepasst werden. Auch wenn sich der Bedarf im Zuge des demographischen Wandels reduzieren wird, ist die Versorgung der beruflichen Schulen mit einer ausreichenden Anzahl qualifizierter Lehrkräfte aller beruflichen Fachrichtungen zweifelsohne eine dauerhafte und mit besonderer Intensität zu verfolgende Aufgabe. Insbesondere in den beiden Fächern Metall- und Elektrotechnik ist in allen Bundesländern ein gleichermaßen hoher Bedarf an ausreichend qualifizierten Bewerbern zu verzeichnen. Wir werden dem Bedarf an Fachlehrern für arbeitstechnische Fächer daher durch speziell ausgerichtete Sondermaßnahmen und Quereinstiegsprogramme begegnen, die sich an den konkreten Erfordernissen der jeweiligen beruflichen Fachrichtungen ausrichten. So gilt es insbesondere weitere Aufstiegsmöglichkeiten für die bislang in der Besoldungsgruppe A 11 eingestuften Fachlehrer für arbeitstechnische Fächer zu schaffen. Darüber hinaus soll das im vergangenen Jahr aufgelegte Programm zum Quereinstieg in das Lehramt an beruflichen Schulen in Metall- und Elektrotechnik bei Bedarf fortgeführt und weiter ausgebaut werden. Berufserfahrene Fachkräfte aus der Wirtschaft, die über einen entsprechenden Hochschulabschluss verfügen, erwerben dabei nach dreijähriger Weiterbildung und bestandener Prüfung das Lehramt an beruflichen Schulen und werden in das Beamtenverhältnis übernommen.

Wir wollen allen Lehrkräften, die als QuereinsteigerInnen derzeit an unseren Schulen unterrichten, Angebote zur Weiterqualifizierung anbieten. Falls die entsprechenden Voraussetzungen vorliegen, werden wir ihnen durch diese Weiterqualifizierungen den Erwerb einer Lehrbefähigung oder eines Lehramts ermöglichen. Unter den Lehrkräften für arbeitstechnische Fächer werden wir für eine Weiterqualifizierung mit entsprechender Besoldung werben. Außerdem wollen wir künftig eine mittelfristige Gesamtbedarfsplanung erstellen, die unter Berücksichtigung demografischer Faktoren, der von uns geplanten Reformen in Unterricht und Schulorganisation sowie unter Einbezug einer seriösen Finanzkalkulation Mangelfächer, Personal-, Ausbildungs- und Qualifikationsbedarf definiert und die erforderlichen Maßnahmen plant. Um mehr Studierende für Mangelfächer, wie etwa Metall- und Elektrotechnik an den beruflichen Schulen, zu gewinnen, werden wir die Einführung eines eigenen Hessenstipendiums für Mangelfächer initiieren. Die Ausbildung von Berufsschullehrkräften an den Hochschulen werden wir durch zusätzliche Lehrstühle und innovative Lehrkonzepte stärken.

Die duale Berufsausbildung ist eine der Stärken Deutschlands und Hessens. Es ist kein Zufall, dass in unserem Land die Jugendarbeitslosigkeit im europäischen Vergleich niedrig und die Qualität unserer Berufsausbildung hoch ist. Hierzu leisten unsere beruflichen Schulen einen wesentlichen Beitrag. Wir GRÜNEN werden uns dafür einsetzen, dass der Anteil voll qualifizierter Berufschullehrer und Berufsschullehrerinnen wieder steigt. Außerdem müssen weiterhin notwendige Angebote zum Quereinstieg in die Tätigkeit an beruflichen Schulen eine fundierte pädagogische Weiterbildung vermitteln.

Qualifizierungsmaßnahmen sollen berufsbegleitend möglich sein. Das heißt, Quereinsteiger brauchen dafür Zeit und müssen während ihrer Qualifizierung bezahlt werden.

Gerade für einzelne Fächer im Bereich der beruflichen Bildung zeichnet sich zurzeit ein eklatanter Mangel an Lehrkräften ab, der wohl auch in den Folgejahren zunehmen wird. Daher müssen auch Fort- und Weiterbildungen für Seiteneinsteiger angeboten werden und langfristig Möglichkeiten zur Weiterqualifizierung und zu besseren Aufstiegschancen eröffnet werden. Fachliche, aber auch pädagogische Qualitätsanforderungen gilt es zu wahren und die Angebote diesbezüglich zu überprüfen und ggf. anzupassen.

3.2. Halten Sie die bisherigen Vorgaben und Rahmenpläne zum Übergang von der Schule in den Beruf für ausreichend? Welche Schwerpunkte wollen Sie in diesem Bereich setzen?

Die CDU-geführte Landesregierung hat 2015 erstmals alle Schulen inkl. der Gymnasien zur Erstellung eines fächerübergreifenden Curriculums zur Berufs- und Studienorientierung verpflichtet. Auch die Kooperation mit außerschulischen Partnern, das Ableisten von Betriebspraktika und der Einsatz des Berufswahlpasses wurden als verbindliche Anforderungen definiert. Auf dieser Grundlage gilt es die Berufsorientierung zu stärken und die sich durch hohe Praxisanteile auszeichnenden Mittelstufenschulen auszubauen, da sie Haupt- und Realschülern durch die starke Praxis- und Berufsorientierung gute Zukunftsperspektiven eröffnen. Den in Hessen im Schuljahr 2017/18 eingeführten Schulversuch der „Berufsfachschule zum Übergang in Ausbildung (BüA)“ wollen wir als Erfolgsmodell ausbauen. Das Konzept der BÜA wird zunächst im Rahmen eines vierjährigen Schulversuches an zwölf Standorten mit insgesamt 26 beruflichen Schulen bzw. Schulverbünden durchgeführt. Das Ziel dieser Reform des Übergangssystems ist eine bestmögliche Qualifikation für den Übergang in eine duale Berufsausbildung durch die Zusammenführung der Bildungsgänge zur Berufsvorbereitung, der einjährigen höheren Berufsfachschule und der zweijährigen Berufsfachschule zum mittleren Abschluss. Die Umsetzung des Schulversuches wird von der TU Darmstadt wissenschaftlich begleitet und von der Hessischen Lehrkräfteakademie begleitend evaluiert. Auf der Grundlage dieser Befunde gilt es die Eckpunkte des Konzeptes in Zusammenarbeit mit den beteiligten Schulen und den Kooperationspartnern aus der Wirtschaft auszuwerten und in einem praxisbegleitenden Verfahren bedarfsorientiert anzupassen und weiter auszubauen. Als einen weiteren Bestandteil der Berufsschulen wollen wir die ebenfalls eingerichteten Bildungsgänge zur Berufsvorbereitung stärken und setzen uns für eine Ausweitung des „Gütesiegels Berufs- und Studienorientierung Hessen“ (BSO) ein. Auch schon innerhalb der Sekundarstufe I wollen wir die Berufsorientierung und den Ausbau entsprechender Praxisanteile fördern, um so den Jugendlichen vielseitige und bedarfsgerechte Perspektiven zu ermöglichen.  Außerdem werden wir die Berufsorientierung vor allem in gymnasialen Bildungsgängen stärken und verbessern. Das Programm „JOBLINGE“, mit dem junge Menschen in der Praxis für den Arbeitsmarkt qualifiziert werden, werden wir fortsetzen.

Wir wollen alle Schülerinnen und Schüler in die Lage versetzen, ihre Berufswahlentscheidung gut überlegt zu treffen, damit der spätere Übergang in Ausbildung, Studium und Beruf erleichtert wird und Abbrüche vermieden werden. Die derzeitigen Vorgaben und Rahmenpläne halten wir für unzureichend. Um den Übergang von der Schule in den Beruf zu erleichtern, wollen wir die Lehrerschaft unterstützen, sich intensiver mit Ausbildungsbetrieben und Hochschulen auszutauschen und die Berufsorientierung an den Schulen stärken. Arbeitslehre muss auch im gymnasialen Bildungsgang wieder stattfinden. Wir wollen ein Konzept für regelmäßige Praxistage, die Lehrkräfte einen kurzen und intensiven Einblick in die Arbeitswelt und Ausbildungsberufe ermöglichen, entwickeln.

Mit der neuen Berufsfachschule für den Übergang in Ausbildung (BÜA) haben wir begonnen, das Übergangssystem zwischen Schule und Beruf neu zu strukturieren. Unsere Ziele dabei sind klar: Wir wollen unproduktive Warteschleifen vermeiden und jedem jungen Menschen eine Berufsausbildung ermöglichen. Auf Grundlage der ersten Erfahrungen mit BÜA werden wir Nachsteuerungen vornehmen, um dieses Ziel zu erreichen. Außerdem werden wir das Ausbildungsbudget fortführen und die sozialpädagogische Begleitung besonders derjenigen weiter verbessern, die bisher keinen Schul- oder Berufsabschluss erreicht haben.

Die Förderung Jugendlicher mit besonderen Schwierigkeiten sehen wir nicht ausreichend gewährleistet. Außerdem müssen alle Jugendlichen die Möglichkeit haben, auch die Stufe 2 zu absolvieren. Das größte Problem ist, dass im Anschluss keine verlässliche Ausbildungsperspektive besteht.

Wir stehen einer Anpassung und Weiterentwicklung offen gegenüber und setzen diesbezüglich auf die Zusammenarbeit mit den beteiligten Institutionen. Es muss sichergestellt werden, dass die Anforderungen auch an die Arbeitswelt 4.0 berücksichtigt und die notwendigen Kompetenzen vermittelt werden.