Empörung über Sparpläne

Personalräte gegen Kürzung des Vorbereitungsdienstes | HLZ Dezember 2025/Januar 2026

Das Hessische Ministerium für Kultus, Bildung und Chancen plant herbe Einschnitte in der zweiten Phase der Lehrkräftebildung. Dabei stützt es sich auf eine höchst fragwürdige Studie. Wir dokumentieren hier eine gekürzte Fassung der Stellungnahme, die der Personalrat des Studienseminars für Gymnasien in Frankfurt aus diesem Anlass am 24. Oktober veröffentlicht hat.

Die Landesregierung zieht in der Öffentlichkeit die Empfehlungen einer Studie über die Effizienz der Lehrkräfteausbildung in Hessen, die sie für eine hohe fünfstellige Summe bei der Unternehmensberatung PROGNOS in Auftrag gegeben hat, als Begründung für die geplanten Kürzungen heran.

Dilettantische Studie als Feigenblatt

Unlängst machten Personalvertretungen bereits auf erhebliche methodische Mängel in der Studie aufmerksam (u. a. die Gießener Allgemeine berichtete). Schlimmer noch: Die Zahlen, mit denen in der Studie operiert wird, stimmen hinten und vorne nicht. Die Berechnungen von PROGNOS sind an verschiedenen Stellen teils inhaltlich falsch, teils fußen sie auf einer zweifelhaften Interpretation der erhobenen Daten. Für einen großen Teil der Ergebnisse hätte es keiner Studie bedurft. (…)

Darin, dass 25 Prozent der im Rahmen der Studie befragten Absolvent*innen der Lehrkräfteakademie das Referendariat als eher zu lang bewerten, sehen die PROGNOS-Expert*innen eine zusätzliche Rechtfertigung einer Verkürzung des Vorbereitungsdiensts. 60 Prozent der Befragten erachten die Dauer des Referendariats allerdings als genau richtig oder zu kurz – eine befremdliche Schlussweise!

PROGNOS sieht Sparpotential bei der personellen Ausstattung der Studienseminare, denn dort seien systematisch zu viele Ausbilder*innen beschäftigt, die Studienseminare dementsprechend über die Maßen mit Personal ausgestattet. Auch dieses Studienergebnis – man ist geneigt anzunehmen, dass es sich dabei um die interessengesteuerte, aber keineswegs empirisch belegte Bestätigung eines vorab gefällten Urteils handelt – ist schlicht falsch.

Die Ausbilder*innen arbeiten 41 Stunden in der Woche. Die Ausbildung eines Referendars wird den Seminaren mit 4,9 Wochenstunden angerechnet, so dass – so rechnet PROGNOS – auf eine Ausbilder*in im Schnitt rund 8 Referendar*innen kommen müssten. Es seien aber, so haben die sogenannten Expert*innen von PROGNOS herausgefunden, nur 6! In Wahrheit verhält es sich so, dass die Ausbilder*innen selbst an den Schulen unterrichten, und zwar im Schnitt 6 Stunden pro Woche. Eine Unterrichtsstunde wird mit 1,7 Zeitstunden angerechnet, so dass von ihren 41 Stunden nur 30,8 für die Ausbildung der Referendar*innen zur Verfügung stehen. 30,8 : 4,9 = 6,3. Wenn auf eine Ausbildungskraft 6 Referendar*innen kommen, ist das daher ziemlich genau der Sollwert. (…)

Da die Unterrichtsbesuche – die im Zentrum der auf die Beratung der Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst zielenden Ausbildung stehen – von der Mehrheit der befragten Absolvent*innen weniger als Lerngelegenheiten, sondern eher als Prüfungssituationen wahrgenommen werden, die mit dem Unterrichtsalltag an Schulen kaum etwas zu tun haben, könne man, so PROGNOS, deren Anzahl reduzieren, zumal man in den übrigen Bundesländern auch mit weniger Unterrichtsbesuchen auskomme. Diese Aussage der Absolvent*innen ist bedenkenswert: Man sollte darüber nachdenken, statt dem Problem auszuweichen, indem man es durch eine Reduktion der Unterrichtsbesuche zu lösen vorgibt. Denn durch den Verzicht auf eine Lerngelegenheit kann man kaum einen Mangel an deren Qualität beheben.

Strukturelle Fehler seit Jahren bekannt

Dass eine modularisierte Ausbildung zu einem wenig förderlichen Prüfungsmarathon führen würde, das haben die Lehrerverbände bereits bei der Einführung von HLbG-UVO vor 20 Jahren (!), der Vorgängerverordnung zu HLBGDV, prognostiziert. Sie haben immer wieder gefordert, man möge – insbesondere in den Fachmodulen – eine bewertungsfreie Begleitung der LiV im Unterricht ermöglichen. Diese Einwände haben im abwechselnd CDU- und FDP-geführten Kultusministerium über 20 Jahre hinweg niemanden beeindruckt. Dass der bestehende Prüfungsmarathon in der Einschätzung der Absolvent*innen noch so glimpflich mit einem „mäßig wirksam“ davonkommt, spricht dafür, dass die Ausbilder*innen es trotz ungünstigster Strukturen schaffen, gute Arbeit zu leisten, indem sie den Prüfungsdruck so weit wie möglich reduzieren und den Beratungsaspekt stärken. (…)

Als vor gerade einmal zwei Jahren unter der Federführung des auch damals CDU-geführten Kultusministeriums das Hessische Lehrkräftebildungsgesetz novelliert wurde, haben Personalräte und Verbände das Ministerium darauf aufmerksam gemacht, dass im Gesetz und in der Verordnung zu viele bewertete Unterrichtsbesuche vorgesehen sind. Damals wollte man es nicht hören. (…)

Es ist skandalös,

  • dass die PROGNOS-Expert*innen offensichtlich entweder nur eingeschränkt kompetent und nicht in der Lage sind, ihren Auftrag sachgerecht zu erfüllen, oder absichtlich falsche oder irreführende Ergebnisse publizieren. Das Mindeste wäre, das Geld für diese Studie zurückzuverlangen oder Nachbesserungen zu fordern.
  • dass die Landesregierung den bevorstehenden Kahlschlag in der Lehrkräfteausbildung mit einer derart dilettantisch durchgeführten steuerfinanzierten Studie zu bemänteln sucht, ihn gar als Effizienzoffensive anzupreisen versucht.
  • dass das gleiche Ministerium, das über 20 Jahre hinweg kein nennenswertes Interesse an der Wirksamkeit der Lehrkräftebildung hatte, um in derselben Zeit einen riesigen, ineffizienten Verwaltungsapparat zu schaffen, für den es noch vor zwei Jahren an den Standorten Alsfeld und Gießen Verwaltungspaläste hat errichten lassen, sich heute als Hüter der Effizienz der Lehrkräfteakademie stilisiert.
  • dass in einem Land, dessen Kapital die gute Bildung der Kinder ist, die Regierung ausgerechnet an der Ausbildung der Lehrkräfte und damit an der Qualität des Unterrichts spart.

Lehrkräftebildung als Manövriermasse

Am Vorgehen des Kultusministeriums wird einmal mehr deutlich, dass die Lehrkräfteausbildung für die Landesregierung kaum mehr ist als eine Manövriermasse, um andere Ziele zu erreichen, die mit der Qualität der Lehrkräfteausbildung nichts zu tun haben. Mal wird sie genutzt, um zu sparen, mal werden ohne erkennbare Notwendigkeit die Verwaltungsstrukturen in kostspieliger Weise verändert.

2005 hat das hessische Kultusministerium mit der Abschaffung von HILF (Hessisches Institut für Lehrerfortbildung) bzw. HeLP (Hessisches Landesinstitut für Pädagogik) die Abschaffung einer kohärenten Lehrkräftefortbildung in öffentlicher Trägerschaft eingeleitet und seither systematisch betrieben. Man wollte sparen und man hat gespart, ohne Rücksicht auf die Folgen. Heute lesen wir in der PROGNOS-Studie, die Tagungszentren der Lehrkräfteakademie seien nicht ausgelastet. Woher soll die Auslastung kommen, wenn es die praxisnahen und fachbezogenen Fortbildungen und Workshops für Lehrkräfte, die an der Reinhardswaldschule und in der Tagungsstätte Weilburg angeboten wurden – ein Angebot, für das Hessen von den anderen Bundesländern beneidet wurde –, seit 20 Jahren nicht mehr gibt? (…)

Mit vollen Händen ausgegeben hat man das Geld dagegen für zahlreiche Umstrukturierungen und den Aufbau eines riesigen Verwaltungsapparats: Das bescheidene „Amt für Lehrerbildung“ ging 2013 unter einem FDP-geführten Kultusministerium im „Landesschulamt und Lehrkräfteakademie“ auf, für das ein Präsidium mit sehr guten Bezügen eingesetzt wurde, das allerdings nur zwei Jahre im Amt blieb. Damals standen Vorwürfe im Raum, es gehe bei der Umstrukturierung darum, Posten für Parteikollegen zu schaffen. Bereits 2015 wurde das Landesschulamt unter einem nun wieder CDU-geführten Kultusministerium abgewickelt. Für die Lehrkräfteausbildung wurde nun eine echte Lehrkräfteakademie gegründet, geführt von einem neu besetzten Präsidium. In den letzten Jahren konnte man mehrfach beobachten, wie Leitungspositionen an der Lehrkräfteakademie an Personen vergeben wurden, die im Bereich Lehrkräftebildung nur wenig Erfahrung hatten, denen allerdings Verbindungen zum damaligen Ministerium nachgesagt wurden. Die Qualität der Lehrkräfteausbildung hat all das sicher nicht verbessert.

Im Zuge der Novellierung des Lehrkräftebildungsgesetzes 2022 zerschlug das Ministerium die bestehenden Verwaltungsstrukturen der Lehrkräfteakademie und ordnete einen Umzug der Verwaltung an die Standorte Alsfeld und Gießen an. An beiden Standorten ließ das CDU-geführte Ministerium– trotz leerer Kassen – großzügige Verwaltungsgebäude für die Akademie errichten. Um die Qualität der Lehrkräfteausbildung ging es auch dabei nicht. Es ist bitter, zu sehen, wie eine Landesregierung, die sich „Bildungsland Hessen“ auf die Fahnen schreibt, die Strukturen der Lehrkräftebildung seit 25 Jahren für andere Zwecke missbraucht.