Erst integriert – dann abgeschoben?

Neu gegründetes Bündnis fordert „Bildung statt Abschiebung“ | HLZ Juni 2026

„Wenn Mitschüler:innen plötzlich nicht mehr im Unterricht erscheinen, weil sie abgeschoben wurden, zerstört das Vertrauen – in Politik, in Behörden und in ein sicheres Lernen. Bildung darf niemals vom Aufenthaltsstatus abhängen.“

Mit diesen Worten brachte Sunena Akbar von der hessischen Landesschüler*innenvertretung Anfang Dezember 2025 die Problematik auf den Punkt. Anlass war die Gründung des Bündnisses „Bildung statt Abschiebung“. Zu den Initiator:innen zählen die GEW Hessen, der Hessische Flüchtlingsrat, die Landesschüler*innenvertretung, die Diakonie Hessen, der Paritätische Hessen sowie der Landesausländerbeirat (agah).

Seitdem haben sich rund 1000 Einzelpersonen und Organisationen dem Bündnis angeschlossen. Darunter sind inzwischen auch Kreistage, Parteien und deren Jugendorganisationen, Migrationsberatungsstellen sowie zahlreiche Engagierte vor Ort. Die Resonanz war durchweg positiv. Viele schienen bereits lange auf eine solche Vernetzungsplattform gewartet zu haben: für Austausch, fachlichen Input und konkrete Unterstützung im Umgang mit Abschiebungsfällen.

Verunsicherung in Schulen und Kitas

Besonders groß ist die Verunsicherung bei Lehrkräften und pädagogischen Fachkräften, wenn sie erfahren, dass Schüler:innen beziehungsweise deren Familien von Abschiebung bedroht sind. Fortbildungen zu diesem Thema fehlen weitgehend. Die GEW setzt sich bereits seit vielen Jahren gegen Abschiebungen aus Bildungseinrichtungen ein. Diese sind zwar bislang nicht vorgekommen, ein rechtliches Verbot gibt es aber nicht. Der Koalitionsvertrag von CDU und SPD in Hessen enthält zumindest die vage Absichtserklärung, dass Abschiebungen aus Kitas und Schulen vermieden werden sollen. Doch die veränderte migrationspolitische Debatte, die von restriktiven Positionen geprägt ist, führt auch an Kitas und Schulen zu einem veränderten Klima.

Selbst junge Menschen in Ausbildung, die bislang als vergleichsweise gut geschützt galten, sehen sich wachsender Unsicherheit ausgesetzt. Besonders widersprüchlich wirkt dies angesichts des akuten Fachkräftemangels, wenn es ausgerechnet Mangelberufe trifft, wie Auszubildende für die Pflege oder zur Erzieher:in. Fachleute weisen zudem darauf hin, dass häufig gut integrierte und daher auch gut erreichbare Personen von Abschiebungen betroffen sind. Die in politischen Debatten in den Mittelpunkt gestellten „Gefährder“ spielen dabei eine kleinere Rolle. Abschiebungen können kurzfristig erfolgen, ohne vorherige Ankündigung, ohne Möglichkeit zur Verabschiedung und zur Information von Freund:innen oder Kolleg:innen. Abgeschoben wird zumeist mitten aus dem Alltag: auf dem Weg zur Arbeit, zum Ehrenamt oder eben zur Schule. Für die Betroffenen bedeutet dies ein Leben in ständiger Ungewissheit.

Von Beratungsstellen wird die Praxis bezüglich der Erteilung von Duldungspapieren in Hessen als zunehmend restriktiv beschrieben. Diese schützen zwar mit wenigen Ausnahmen nicht vor einer Abschiebung. Doch ist ein „geduldeter“ Aufenthalt zwingend, um ein Bleiberecht auch nach abgelehntem Asylantrag erhalten zu können. Mit der veränderten Praxis werden auch die Zugänge zur Ausbildung und zum Arbeitsmarkt erschwert, da rechtliche Vor­aussetzungen für die Beschäftigung fehlen. Der steigende Druck auf die Betroffenen wirkt auf eine freiwillige Ausreise hin.

Abschiebungen betreffen nie nur Einzelne. Sie hinterlassen Lücken im sozialen Gefüge: Freund:innen in der Schule sind plötzlich verschwunden, Kita-Kinder verstehen nicht, warum Spielkamerad:innen oder vertraute Bezugspersonen nicht mehr da sind. Für pädagogische Fachkräfte entstehen Situationen, die kaum erklärbar sind und emotional stark belasten.

Aktueller Fall in Gießen

Die Absurdität und die Härte der aktuellen Migrationspolitik wird an dem Beispiel von Erol Acar deutlich. Der junge Mann ist vor drei Jahren zusammen mit seiner Mutter und zwei Brüdern aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Sie lebten als Angehörige der kurdischen Minderheit in der Nähe der syrischen Grenze und berichten von politischer Verfolgung. Zunächst kamen sie in die Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen.
Erol Acar lernte schnell die deutsche Sprache und begann schon im Asylverfahren eine Ausbildung als Pflegefachkraft an einem Gießener Krankenhaus. Als sein Asylantrag negativ beschieden wurde, bemühte er sich um eine Ausbildungsduldung. Doch ihm wird vorgeworfen, dass er nach der Einreise nach Deutschland seinen Pass nicht innerhalb der vorgesehenen Sechsmonatsfrist vorgelegt hat, weswegen er nun keinen legalen Aufenthaltsstatus erhalten könne.

Eine Petition an den Hessischen Landtag hatte keinen Erfolg. Bis klar war, dass sein Härtefallantrag in der hessischen Härtefallkommission angenommen wird, wurde Erol sehr kurzfristig in Kirchenasyl aufgenommen, um eine Abschiebung zu verhindern. Eine Gruppe von Unterstützer:innen hat Ende März im Rahmen einer öffentlichen Kundgebung eine Bleibeperspektive für ihn eingefordert. Dort sprach auch die 19-jährige Aysu, die in Linden bei Gießen lebt. Sie war ein Jahr zuvor aus einer Wohngruppe der Jugendhilfe heraus abgeschoben worden, in ihrem Fall nach Aserbaidschan. Ein Unterstützerkreis setzte sich danach für sie ein und ermöglichte ihr die Rückkehr mit Hilfe gesammelter Spenden, um die Abschiebekosten zu begleichen. Die bereits vor der Abschiebung geplante Ausbildung zur Altenpflegehelferin konnte sie inzwischen tatsächlich beginnen.

Erol ist zwar momentan sicher, da sein Härtefallbegehren angenommen wurde. Seine Zukunft in Deutschland bleibt aber vorerst ungewiss. Wann und wie die Entscheidung innerhalb des behördenunabhängigen Gremiums fallen wird, ist unklar. Und das letzte Wort hat der hessische Innenminister, selbst wenn die Kommission für eine Anerkennung als Härtefall votiert.

Große Resonanz auf Fachtagung

Wie groß der Gesprächs- und Handlungsbedarf ist, zeigte sich auch bei der ersten Fachtagung des Bündnisses: Innerhalb weniger Tage war die Veranstaltung ausgebucht. Anfang März kamen 120 Teilnehmende im Frankfurter DGB-Haus zusammen. Nach einem fachlichen Input des Migrationsanwalts Dr. Jonathan Leuschner arbeiteten die Teilnehmenden in vier Workshops zu unterschiedlichen Themenbereichen, von rechtlichen Handlungsspielräumen und -grenzen bis hin zu politischen Handlungsmöglichkeiten auf Kommunal- und Landesebene. Im Anschluss diskutierten Vertreter:innen der Parteien unter der Moderation von Andreas Lipsch von der Diakonie Hessen miteinander. Verena David (CDU), Josefine Kobe (SPD), Julia Frank (Bündnis 90/Die Grünen), Isabel Schnitzler (FDP) und Daniela Mehler-Würzbach (Die Linke) nahmen an der Podiumsdiskussion teil und stellten sich den Fragen der Anwesenden.

Zentraler Bestandteil der Tagung war die Verabschiedung einer „Erklärung für eine humane und bildungsorientierte Migrations- und Flüchtlingspolitik“, die den politischen Vertreter:innen mit nach Wiesbaden und in die Kommunen gegeben wurde. Die Erklärung formuliert vier zentrale Forderungen:
1. Ein Ende der integrationsfeindlichen Abschiebepraxis – insbesondere bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in schulischer oder beruflicher Ausbildung.
2. Die uneingeschränkte Umsetzung bestehender Bleiberechtsregelungen.
3. Die konsequente Umsetzung der im Koalitionsvertrag angekündigten Einzelfallberatungen für Migrant:innen in Hessen.
4. Keine Abschiebung von Kindern und Jugendlichen aus Kita, Schule oder Ausbildung.

Das Bündnis „Bildung statt Abschiebung“ wird seine Arbeit fortsetzen. Derzeit entsteht eine Handreichung für pädagogische Fachkräfte, die Orientierung geben soll: Wie können betroffene Kinder und Familien unterstützt werden? Welche Handlungsmöglichkeiten bestehen? Wo liegen rechtliche Grenzen? Klar ist: Pädagogische Fachkräfte dürfen Abschiebungen nicht eigenmächtig verhindern, sind aber ebenso wenig verpflichtet, diese aktiv zu unterstützen. Eine weitere Veranstaltung ist bereits in Planung, um den Austausch fortzuführen und weiteren Interessierten die Teilnahme zu ermöglichen.