Wie lernen Kinder schreiben?

Im Gespräch mit dem Vorsitzenden des Grundschulverbands in Hessen

HLZ 11/2021: GEW-Landesdelegiertenversammlung

Im Juni hat Kultusminister Lorz ein „Maßnahmenpaket zur Förderung der Bildungssprache Deutsch“ veröffentlicht. Roman George, Bildungsreferent der GEW Hessen, sprach darüber mit Mario Michel, dem Vorsitzenden des Grundschulverbands in Hessen.

George: Die angekündigten Maßnahmen betreffen insbesondere die Grundschulen. Unter anderem soll es in der vierten Jahrgangsstufe eine zusätzliche Deutschstunde geben. Das klingt doch gut, oder?

Michel: Es ist sicher grundsätzlich der richtige Weg, sich mit Deutsch auseinanderzusetzen und Deutsch wieder in den Fokus zu nehmen. In den Klassen 1 und 2 haben wir jetzt schon sechs Stunden Deutsch. Der dritte Jahrgang ist eigentlich der, der jetzt hinten runterfällt. Am liebsten hätte ich die sechste Deutschstunde für die dritte Klasse auch noch, das haben sie aber leider nicht gemacht. Es ist der richtige Weg, den Fokus auf Deutsch zu legen, aber einiges läuft gerade schief und wäre verbesserungswürdig.

George: Damit meinst du wohl auch die inzwischen durch einen Erlass für verbindlich erklärte „pädagogisch motivierte Fehlerkorrektur“ ab dem zweiten Halbjahr der ersten Klasse. Damit sollen die Lehrkräfte von nun an alle falsch geschriebenen Wörter anhand der richtigen Duden-Schreibweise korrigieren. Warum gibt es daran Kritik?

Michel: Kritik ist fast schon untertrieben. Es gibt eine Welle der Empörung unter den Mitgliedern des Grundschulverbandes, seit der Erlass kurz vor den Sommerferien bei uns ankam. Hier wird auf massive Weise in die Arbeit der Grundschullehrkräfte und ihre pädagogische Freiheit eingegriffen. Ich kenne keine Grundschullehrkraft, der es egal ist, wie die Kinder schreiben. Aber eine Fehlerkultur muss reifen und im Dialog mit den Kindern erarbeitet werden. Ihr kennt ja auch die Stellungnahme von Frau Prof. Reichardt (HLZ S.21), die die Folgen einer erzwungenen Korrektur aller Fehler für den Schriftspracherwerb deutlich aufgezeigt hat. Mit einer solchen Fixierung auf Defizite bekommen die Kinder immer nur gezeigt, was sie verkehrt machen.

George: Im selben Maßnahmenpaket wird auch die Methode „Schreiben nach Gehör“ oder „Lesen durch Schreiben“ für unzulässig erklärt. Dabei hat der Minister 2020 nach einer Befragung der Grundschulen festgestellt, dass die Methode in den hessischen Schulen gar nicht angewendet wird….

Michel: Ich glaube, dass am Ende der Name einer bestimmten Methode völlig irrelevant ist. Ob die so oder so heißt, ist letztendlich nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass die Kinder möglichst schnell Freude am Schreiben und am Lesen bekommen – und das in einer Zeit, wo Handschrift eine immer geringere Rolle spielt. Man kann Lesenlernen und Schreibenlernen nicht voneinander trennen. Das ist ein Prozess, der nur im Einklang funktioniert. Ich kann Kinder zunächst nur für das Schreiben motivieren, wenn sie die Wörter so schreiben, wie sie sie in diesem Moment hören. Diesen unabdingbaren Prozess durchläuft das eine Kind schneller, das andere langsamer. Und dann muss die Lehrkraft den entscheidenden Moment abpassen, wann das einzelne Kind für eine Fehlerkorrektur bereit ist, ohne dass es gehemmt wird, weiterzuschreiben. Dafür gibt es Techniken, die Kinder dazu anleiten, eigene Texte anhand von Rechtschreibregeln zu überprüfen. Niemand von uns will, dass Kinder am Ende der dritten und der vierten Klasse schreiben können, wie sie wollen…

George: Wie steht ihr als Grundschulverband zu der Vorgabe des HKM, dass ab dem Schuljahr 2022/23 eine verbundene Handschrift verbindlich festgelegt werden soll? Damit wäre die an vielen Grundschulen verwendete Grundschrift nicht mehr zulässig...

Michel: Nach einer Abfrage bei den Grundschulen in Hessen vermitteln 30 Prozent die Vereinfachte Ausgangsschrift, 30 Prozent die Schulausgangsschrift, 30 Prozent die Grundschrift und tatsächlich noch 10 Prozent die lateinische Ausgangsschrift. Die Grundschrift ist also sehr gut angenommen worden. Das Ministerium hat uns zu keinem Zeitpunkt in diese Entscheidung einbezogen, uns nicht einmal gefragt. Auch bei der Grundschrift gibt es die Möglichkeit, die Buchstaben zu verbinden, aber auch – wie das viele Erwachsene auch tun – an der einen oder anderen Stelle zu unterbrechen, zum Beispiel wenn sich die Schreibrichtung von dem einen zum anderen Buchstaben ändert. Allerdings steht Hessen mit der Einschränkung der Freiheit der Schulen nicht allein, deshalb wollen wir auch noch mal mit der Kultusministerkonferenz ins Gespräch kommen. Im Kerncurriculum Deutsch gibt es für die Grundschulen in Hessen nur die Festlegung, dass eine gut lesbare Handschrift erlernt werden soll. Deshalb bewegt sich der Erlass in einem rechtlichen Graubereich…

George: Um auf eine weitere Enttäuschung zu sprechen zu kommen: Offensichtlich hat das HKM die Absichtserklärung im schwarz-grünen Koalitionsvertrag, dass jede dritte Grundschulklasse auf unter 20 Schülerinnen und Schüler verkleinert werden soll, klammheimlich kassiert. Du kennst ja sicher auch die Antwort des HKM auf eine Anfrage der FDP, die wir auch in der HLZ kommentieren…

Michel: Ja, nach der Antwort des HKM wäre die Maßnahme mit einem Bedarf von 130 Stellen verbunden, die 10,5 Millionen Euro kosten würden…

George: Also geht es mal wieder nur um das Geld für Bildung?

Michel: Na ja, vielleicht würde man den Weg sogar gehen, wenn es dafür ausgebildete Lehrkräfte gäbe. Hier leiden wir unter der Misswirtschaft der letzten zehn bis 15 Jahre. Aber viel schlimmer finde ich die Aussage, die Forderung nach kleineren Klassen beruhe auf einer „subjektiven Wahrnehmung“. Was für ein Quatsch! Das einzig Positive an der Pandemie und dem so erzwungenen Wechselunterricht war die Arbeit in kleineren Lerngruppen mit der Möglichkeit, einzelne Kinder individuell zu fördern. Wer sagt, das sei nur eine „subjektive Wahrnehmung“, der wertet die Grundschullehrkräfte ab und den müsste man mal für drei Wochen in eine 25er-Klasse in einem sozialen Brennpunkt schicken…

George: Was meint ihr im Grundschulverband, wie der Schriftspracherwerb tatsächlich besser gefördert werden könnte?

Michel: Auf jeden Fall brauchen wir Veränderungen in der Ausbildung der Lehrkräfte an den Universitäten und im Referendariat und in der Fortbildung. Man muss besser auf die Heterogenität der Schülerinnen und Schüler vorbereitet werden, gerade was das Fach Deutsch betrifft. Wir brauchen mehr Fortbildung für Lehrkräfte, die keine Ausbildung für Deutsch hatten, damit sie nicht einfach nur Seite für Seite im Lehrwerk durchgehen. Und dann muss man endlich wieder auf die Grundschulen hören. Ich denke zum Beispiel an die Leseambulanz. Die hat unfassbar gut funktioniert, weil dafür kleine Gruppen gebildet wurden. Dann kam ein Brief aus dem Ministerium, das habe ja super geklappt, doch ab jetzt gebe es dafür keine Stunden mehr. So geht das immer wieder. Bei den Vorgaben zur Fehlerkorrektur oder zur Schrift, bei den Methoden zum Schriftsprachenerwerb oder den Bedingungen für das Förderprogramm Löwenstark – immer wieder werden die Erfahrungen, die wir in den Grundschulen machen und deutlich und mit Nachdruck vortragen, einfach ignoriert.  

Lieber Mario Michel, wird danken dir für das Gespräch.


HKM kassiert Zusage zur Verkleinerung von Grundschulklassen

CDU und Grüne hatten in ihrem Koalitionsvertrag 2018 angekündigt, sie wollten im Interesse einer besseren Förderung „erreichen, dass künftig jeder dritte Klassenzug an Grundschulen nicht mehr als 20 Schülerinnen und Schüler hat.“ Trotz der unklaren Formulierung begrüßte die GEW die Ankündigung als ersten Schritt zur notwendigen Senkung der Klassenteiler in allen Schulformen und Schulstufen.

Jetzt antwortete das HKM auf eine Kleine Anfrage des FDP-Landtags­abgeordneten Moritz Promny, der zur schwarz-grünen Halbzeit wissen wollte, was aus dieser Ankündigung geworden ist (DS 20/5815). Nach langen Vorbemerkungen über die Grundschulzeit als eine „ungestörte und mit Freude und Erfolg erfüllte Lernzeit“ kommt das HKM erst zum Schluss zur eigentlichen Frage. Dabei schiebt es alle Erfahrungen aus dem der Corona-Pandemie geschuldeten Wechselunterricht in halbierten Lerngruppen beiseite: „Eine bloße Veränderung der Schülerzahl“ führe „nicht automatisch zu einer intensiveren Förderung“. Und dann kommt es knüppeldick: Die Forderung nach kleineren Klassen basiere nämlich „häufig auf einer subjektiven Wahrnehmung“. Richtig, aber eben auf einer einheitlichen, erfahrungsgesättigten Wahrnehmung von Lehrkräften, Schülerinnen, Schülern und Eltern. Obwohl vielfach gerade gerückt folgt der abgedroschene Rückgriff auf die „OECD- und Pisa-Studien“ und auf die Hattie-Studie. Danach sei „die Anzahl der Schülerinnen und Schüler pro Lerngruppe nur ein Faktor unter vielen für den Lernerfolg.“ Auch da will niemand widersprechen, aber es ist und bleibt ein zentraler Faktor. Danach zeigt sich das HKM gnädig, denn es plane „gegenwärtig (!) nicht, die Schülerhöchstzahl von 25 Schülerinnen und Schülern pro Lerngruppe an hessischen Grundschulen zu erhöhen.“

Und schließlich lässt es die Katze aus dem Sack: Angesichts der Tatsache, dass die „durchschnittliche (!) Klassengröße an Grundschulen“ schon jetzt unter 20 Kindern liege, werde die Landesregierung zwar „fortlaufend mögliche Veränderungen des Klassenteilers“ prüfen. Letztlich heißt das im Klartext: Die Zusage im Koalitionsvertrag wird nicht umgesetzt, auch wegen des Mehrbedarfs von „132,57 zusätzlichen Lehrerstellen“.