Wie gut sind die Schulen auf das neue Schuljahr vorbereitet?

Schuljahr beginnt – Corona bleibt

HLZ 9-10/2020: Schuljahr beginnt - Corona bleibt

Seit Mitte März befindet sich der Bildungsbetrieb in Hessen nun schon unter Corona-Bedingungen. Für die Schulen war der Präsenzunterricht vom 16. März bis zum 26. April mit Ausnahme der Abiturprüfungen komplett ausgesetzt. Der Wechsel zum Distanzunterricht konnte von einem auf den anderen Tag nicht reibungslos funktionieren: Es fehlten klare Vorgaben seitens des Hessischen Kultusministeriums (HKM), die Umsetzung gestaltete sich für die verschiedenen Fächer und Schulstufen sehr unterschiedlich, vielen Schulen und vielen Schülerinnen und Schülern insbesondere aus sozial benachteiligen Familien fehlte die notwendige technische Ausstattung. Das Ansinnen von Schulleitungen, die Lehrkräfte in dieser Zeit mit formalen Konferenzen oder anderen außerunterrichtlichen Aufgaben in Konferenzen und Dienstversammlungen aus dem Homeoffice in die Schule zu zwingen, konnte weitgehend abgewehrt werden. Viele Lehrkräfte waren in der Notbetreuung für Schulkinder mit Eltern in „systemrelevanten“ Berufen auch an Wochenenden und in den Osterferien eingesetzt. 

Ab dem 27. April wurde der Unterricht zunächst in den Abschlussklassen wieder aufgenommen. Grundlage war ein Hygieneplan mit Abstandsgebot und einer maximalen Gruppengröße von 15 Personen. Die Stundentafel war reduziert, der Unterricht sollte insbesondere auch der Vor- und Nachbereitung des häuslichen Lernens dienen. Das Vorhaben des HKM, auch die 4. Klassen der Grundschulen als Abschlussklassen anzusehen, wurde vom Hessischen Verwaltungsgerichtshofs gekippt. Ab dem 18. Mai wurde der Unterricht für alle Klassen ab Jahrgangsstufe 4 mit mindestens sechs Stunden wieder aufgenommen. Ab dem 2. Juni folgten die Jahrgangsstufen 1 bis 3. 

Besondere Empörung rief die Entscheidung des HKM hervor, in den letzten beiden Wochen vor den Sommerferien alle Grundschülerinnen und -schüler in einem „Feldversuch“ wieder in den vollständigen Präsenzunterricht zu schicken und dafür das Abstandsgebot aufzuheben, das die Kinder der ersten bis dritten Klassen gerade einmal drei Wochen eingeübt hatten. Das Infektionsrisiko sollte nicht mehr durch Abstand, sondern durch „konstante Lerngruppen“ reduziert werden. 

Hauptpersonalrat im Corona-Modus

Der Umgang mit Lehrkräften und Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen, die nach den Kriterien des Robert-Koch-Instituts zu einer Risikogruppe gehören, die willkürlichen und immer extrem kurzfristigen Änderungen der Corona-Verordnungen und der Hygienepläne und die Arbeitsbelastungen der Beschäftigten waren in diesen Wochen zentrale Schwerpunkte in der Arbeit des Hauptpersonalrats der Lehrerinnen und Lehrer (HPRLL). Die Doppelbelastung durch Präsenz- und Distanzunterricht führte zu der – bisher vom HKM strikt abgelehnten – Forderung, den Aufwand für das Distanzlernen in vollem Umfang auf die Pflichtstundenzahl anzurechnen.

Der HPRLL arbeitet seit dem Frühjahr im Corona-Modus. Er muss sich seitdem mit einer unglaublichen Flut von Erlassen mit äußerst kurzen Gültigkeitszeiten herumschlagen, die oft an der Zentralabteilung des HKM vorbei bei den Schulämtern und Schulen landete, bevor der HPRLL überhaupt nur Kenntnis erhielt. Das HKM nutzte die Corona-Pandemie als Vorwand, lang diskutierte Vorhaben wie die Einführung dienstlicher Email-Adressen für Lehrkräfte zu beschleunigen, ohne irgendein Zeitfenster für die Bereitstellung von Dienst-Laptops zu eröffnen. Erlasse, die die Zwangsabordnungen von Gymnasiallehrkräften an Grundschulen ermöglichen und mit einer Änderung des Einstellungserlasses verbunden waren, wurden aufgrund ihrer Dringlichkeit vorläufig in Kraft gesetzt, bevor die Beteiligung des HPRLL abgeschlossen war. Eine Klage des HPRLL beim Verwaltungsgericht Wiesbaden wurde aus formalen Gründen abschlägig beschieden, obwohl das Gericht die inhaltlichen Bedenken des HPRLL in vollem Umfang teilte. Dass es nach den bisher vorliegenden Informationen nur wenige Zwangsabordnungen geben wird, ist auch der zurückhaltenden Bedarfsmeldung der Grundschulen geschuldet. Der ablehnende Beschluss der Einigungsstelle zur Einführung und verpflichtenden Nutzung dienstlicher Email-Adressen, ohne dass dienstliche Endgeräte in ausreichender Anzahl zur Verfügung gestellt werden, führt jetzt zu einer Übergangsfrist, während der die Nutzung nicht verpflichtend ist. Das HKM will sich jetzt ein Bild von der Ausstattung der Schulen mit dienstlichen Endgeräten für Lehrkräfte machen, um hoffentlich bald Abhilfe zu schaffen. 

Das letzte große Ärgernis vor den Sommerferien war für alle an der Organisation Beteiligten das erneut extrem kurzfristig vorgelegte Paket für Kompensationsangebote für Schülerinnen und Schüler zum Nachholen oder Vertiefen von Unterrichtsstoff während der Sommerferien. Alle Angebote wie das digital gestützte Programm Ferdi für die Grundschule, die Sommerferiencamps für alle Jahrgangsstufen oder die Ferienakademie für die Jahrgangsstufen 1 bis 8 waren sinnvoll, hätten aber viel mehr Zeit zur Vorbereitung benötigt. Mit der öffentlichen Ankündigung durch das HKM und dem zentralen Anmeldeverfahren wurden bei Schülerinnen, Schülern und Eltern große Erwartungen geweckt, so dass die angekündigte „Freiwilligkeit“ für Schulen und Schulleitungen einem enormen Druck wich. Leidtragende waren insbesondere die Schulleitungen, die seit dem Frühjahr durch die ständigen Regeländerungen und deren Kurzfristigkeit eine enorme zusätzliche Organisationsleistung zu erbringen hatten und am Rand des Burnout standen. Die Anwesenheitspflicht für Schulleitungen war insbesondere für kleine Schulen völlig inakzeptabel. Dies hat der HPRLL nachdrücklich vorgetragen, um eine Wiederholung in den Herbst- und Weihnachtsferien zu verhindern. Das gesetzliche Recht auf Erholungsurlaub muss von allen Beschäftigten an den hessischen Schulen in Anspruch genommen werden können. 

Diese Ausgabe der HLZ ging mit Beginn des Unterrichts nach den Sommerferien in Druck. Die GEW hatte bereits im Juni darauf hingewiesen, dass aus den „Probewochen“ der Grundschulen angesichts niedriger Infektionszahlen keine Schlussfolgerungen gezogen werden können und am Ende der Ferien mit der Rückkehr aus dem Sommerurlaub mit steigenden Fällen von SARS-CoV-2 zu rechnen ist. Leider haben wir recht behalten. Dennoch hatte sich die Kultusministerkonferenz (KMK) schon vor den Sommerferien darauf geeinigt, im neuen Schuljahr wieder weitgehend zum „Normalunterricht“ zurückkehren zu wollen und das Abstandsgebot in Unterrichtsräumen aufzugeben. Mit einem Schreiben an alle Schulen schloss sich Kultusminister Lorz auch offiziell dieser Haltung an. In den letzten Tagen der Sommerferien schwappte die Diskussion über eine Maskenpflicht auch im Unterricht nach Hessen. 

Konzeptgruppe Schuljahr 2020/21

Bis kurz vor den Sommerferien hatte auch das HKM stets betont, „dass der Unterricht auch nach den Ferien ein anderer sein werde als noch vor Ausbruch der Pandemie“ und die Mischung von Präsenz- und Distanzunterricht Grundlage des neuen Schuljahres sein werde. Dazu berief das HKM im Juni eine „Konzeptgruppe Schuljahresbeginn 2020/21“ mit rund 20 Mitgliedern ein, die aus 15 Schulleiterinnen und Schulleitern sowie Vertreterinnen und Vertretern der Lehrkräfteakademie, der Schulämter, des Landeselternbeirates, der Landesschülervertretung und des HPRLL besteht. Sie tagte bisher dreimal ganztägig, um das HKM bei der Planung für das neue Schuljahr zu beraten. Tatsächlich wurden die Mitglieder der Gruppe mit fertigen Konzepten des HKM konfrontiert. Die Kommentare der anwesenden „Schulpraktiker“ wurden dann je nach „Passung“ aufgegriffen oder nicht. Die von Staatssekretär Dr. Lösel noch in der zweiten Sitzung vorgetragene Position, man dürfe „nach den Sommerferien keinesfalls nur auf ein Szenario vorbereitet sein“, fand große Zustimmung. Die Variante A mit einem normalen Regelbetrieb wie vor der Corona-Pandemie wurde von allen Anwesenden als „sehr unrealistisch“ angesehen. Variante B mit der Bildung konstanter Lerngruppen unter Aufgabe des Abstandsgebotes, mit der in den Grundschulen ab dem 22. Juni experimentiert wurde, kollidiert insbesondere in den weiterführenden Schulen mit der Verkursung und dem Fachunterricht. Für die Variante C mit einer Kombination aus Präsenzunterricht in verkleinerten Lerngruppen und begleitendem Distanzunterricht forderte die Konzeptgruppe konsequente Vorgaben und eine bessere Ausstattung. Als Variante D wurde ein erneuter Shut-Down mit Notbetreuung und reinem Distanzunterricht beschrieben, der allerdings eher regional begrenzt sein würde, wenn Corona-Infektionen an einer Schule oder in einer Region gehäuft auftreten. 

HKM handelt wider besseres Wissen

In der letzten Sitzung der Konzeptgruppe wurde dann bekannt gegeben, dass Hessen gemeinsam mit Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen mit der ersten von vier Varianten an den Start gehen will, also genau der Variante, die von der überwältigenden Mehrheit des Beratungsgremiums als die unrealistischste angesehen wurde. In einem entsprechenden Schreiben dankte der Minister den Mitgliedern der Konzeptgruppe, die auch im neuen Schuljahr weiter tagen soll. Allerdings erschließt sich mir als Mitglied der Konzeptgruppe bis heute nicht, welche „Hinweise und Rückmeldungen von Praktikerinnen und Praktikern“ in die Planung des HKM aufgenommen wurden. 

All dies erweckt den Eindruck, dass das Kultusministerium dem öffentlichen Druck und der Sehnsucht nach Rückkehr zur schulischen Normalität wider besseres Wissen nachgegeben hat. Dafür kann man vielleicht Verständnis aufbringen, aber ist es auch ein guter Ratgeber für planvolles, verantwortungsbewusstes Handeln? 

Die Tage nach den Sommerferien werden Klarheit bringen, was aus den vollmundigen Ankündigungen des HKM geworden ist. Während der Ferien verkündete Ministeriumssprecher Bender, das Schulportal könne jetzt „jeder nutzen“ und „alle Schulen seien mit der Software für Videokonferenzen ausgestattet“. Die 50 Millionen Euro von Bund und Land für den Erwerb von Leihgeräten seien „an die Schul­träger weitergegeben“ worden, so dass auch die Kinder „virtuell am Unterricht teilnehmen können, die zu den Risikogruppen gehören“. 

Aber auch die Fachcurricula müssten dringend darauf hin abgeklopft werden, worauf im neuen Schuljahr verzichtet werden muss, denn selbst unter „normalen“ Unterrichtsbedingungen wäre schon das Nachholen der im letzten Halbjahr versäumten Unterrichtsthemen eine kaum zu stemmende Herausforderung. Unklar ist auch, wie die im Rahmen des Corona-Sondervermögens bereitgestellten 150 Millionen Euro für zusätzliche Schulassistenzen und Vertretungskräfte eingesetzt werden sollen, um die Doppelbelastung der Lehrkräfte durch Präsenz- und Distanzunterricht zu reduzieren. Auf jeden Fall werden wir im HPRLL weiter darauf drängen, dass es verbindliche Regelungen zur Anrechnung des Einsatzes von Lehrkräften im Distanzunterricht als Arbeitszeit gibt. 

Sind die hessischen Schulen also gut vorbereitet auf das neue Schuljahr? Was den Rahmen betrifft, den das HKM dafür bereitstellen kann, habe ich große Zweifel. 

Peter Zeichner


Peter Zeichner ist Vorsitzender des Hauptpersonalrats der Lehrerinnen und Lehrer (HPRLL) und vertritt diesen in der vom HKM eingesetzten Konzeptgruppe Schuljahr 2020/2021.