Ungleiches Hessen

Regionale Disparitäten und ungleiche Bildungschancen

HLZ 06/2021: Soziale Ungleichheit

Die zunehmende soziale Spaltung der Gesellschaft spiegelt sich auch in regionaler Hinsicht, denn die Gemeinden und Regionen driften wirtschaftlich und sozial immer weiter auseinander. Während sich primär in den Universitätsstädten wissensintensive Industrieund Dienstleistungsunternehmen ansiedeln, qualifizierte Fachkräfte in diese oder in die attraktiven Umlandgemeinden zuziehen, werden andere, vor allem ländliche Regionen mehr oder weniger abgehängt. Auch in den an sich prosperierenden Städten konzentrieren sich die sozialen Problemlagen. Andererseits gibt es auch Gemeinden und Städte, denen der Strukturwandel in einem schwierigen Umfeld gut gelingt. Die Herausforderungen, die sich den Bildungseinrichtungen vor Ort stellen, sind in vielerlei Hinsicht durch ihr Umfeld bestimmt. Das gilt gerade auch für das Bundesland Hessen, das sich durch ausgesprochen starke regionale Gegensätze auszeichnet – von der boomenden Rhein-Main-Region hin zu sehr ländlichen Kreisen in Mittel- und Nordhessen. Viele der größeren Städte, wo in alten Industrien zahlreiche Arbeitsplätze weggebrochen sind, sind massiv vom Strukturwandel betroffen.

Dieser Thematik widmet sich die aktuelle Studie „Ungleiches Hessen“, die bereits in ihrem Untertitel die Frage aufwirft, wie gleichwertige Lebensverhältnisse erreicht werden können. Sie wurde im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung von einem Team um Professor Stefan Fina am Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung in Dortmund erstellt. Dabei werden Regionen im Rahmen einer Cluster-Analyse anhand von einer Vielzahl an Indikatoren typologisiert. Hier soll nicht versucht werden, diese umfangreiche Arbeit in allen Facetten wiederzugeben, deren Ansatz auch kritisch gesehen werden kann. So droht hinter einer solchen Typologisierung der Blick für divergierende Entwicklungstrends im Detail verloren zu gehen, auch ließen sich alternative Clusterbildungen diskutieren. Gleichwohl ermöglicht die Fülle der regionalen Daten den mit dem Bundesland vertrauten Leserinnen und Lesern vielfache Aha-Erlebnisse.

Dynamische Städte - ländlicher Raum                           

In die Analyse fließen Indikatoren zu fünf Themenbereichen ein:

  • Das Feld Arbeitsmarkt und Beschäftigung umfasst unter anderem die regionale Arbeitslosigkeit und den Anteil der hochqualifizierten Beschäftigungsverhältnisse.
  • Die Lebens- und Bildungschancen werden unter anderem an den Ausmaßen der Kinderarmut sowie an der Erreichbar- keit von Bildungseinrichtungen festgemacht.
  • Beim dritten Feld geht es um Wohlstand und Gesundheit, beispielsweise bemessen an der Höhe der durchschnittlichen Entgelte und des Mietniveaus.
  • Das vierte Feld Staatliches Handeln und Partizipation fokussiert die kommunalen Steuereinnahmen und auch die Wahlbeteiligung bei der letzten Bundestagswahl.
  • Fünftens geht es um Wanderungen, also um das Verhältnis von Zu- und Abwanderungsbewegungen.

Daraus werden dann vier unterschiedliche Raumtypen konstruiert. Die Gebietskörperschaften, die dem gleichen Raumtyp zugeordnet werden, weisen bei einer Vielzahl der Einzelindikatoren ähnliche Ausprägungen auf.

  • Die dynamischen Städte und Umlandgemeinden mit Exklusionsgefahr finden sich vornehmlich in der Rhein-Main-Region und in Südhessen, auf sie entfallen 1,7 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner.
  • Um diese herum liegt HessenssolideMitte, in der 2,2 Millionen Menschen leben. Auch diese zeichnen sich durch wirtschaftliche Stärke und hohe Verdienstmöglichkeiten aus, die dynamischen Städte sind gut erreichbar.
  • Deutlich heterogener ist die Lage in den Städten und Gemeinden mit deutlichen sozioökonomischen Herausforderungen, auf die 1,4 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner entfallen. Hier sind die Verdienstmöglichkeiten schlechter, die Arbeitslosigkeit höher. Dieses Cluster umfasst viele ländliche Regionen im ganzen Bundesland, aber auch die Städte Kassel und Offenbach.

Die wenigsten Menschen, rund 0,9 Millionen, leben im flächenmäßig am stärksten vertretenen Raumtypus, den ländlichen Gemeinden mit langfristigen strukturellen Herausforderungen. Zu einem schwachen Arbeitsmarkt kommt die schlechte Erreichbarkeit des Einzelhandels und der Einrichtungen im Gesundheits- und Bildungssektor.

Kinderarmut wird an der Anzahl der Kinder unter 15 Jahren festgemacht, die sich im SGB II-Leistungsbezug befinden. Die höchsten Quoten verzeichnen die Städte Kassel, Gießen, Wetzlar und Offenbach, in denen jedes vierte Kind als arm gilt. Auch in den als dynamisch charakterisierten südhessischen Städten ist die Armutsquote von Kindern hoch: Sie beträgt 17 Prozent in Frankfurt, 22 Prozent in Wiesbaden und 20 Prozent in Darmstadt, so dass der Zusatz „mit Exklusionsgefahr“ durchaus berechtigt ist. In den ländlichen Gemeinden spielt Kinderarmut eine deutlich geringere Rolle, hier bewegt sich die Quote zumeist im einstelligen Bereich. Für Kitas und Schulen in den Städten bedeutet das hohe Maß an Kinderarmut eine besondere Herausforderung. Da sie sich in bestimmten Stadtvierteln konzentriert, gilt das insbesondere für die in diesen angesiedelten Bildungseinrichtungen.

Auch die Kinderarmut ist ungleich verteilt        

Wie gut sich Kommunen ihren Aufgaben stellen können, hängt maßgeblich von dem vor Ort gegebenen Steueraufkommen ab. Wenn die Steuereinnahmen gerade so ausreichen, um die gesetzlichen Pflichtaufgaben zu erfüllen, schrumpft der Handlungsspielraum für eine gestaltende Kommunalpolitik auf ein Minimum. Wenn durch den Strukturwandel Steuereinnahmen wegbrechen und sich die Möglichkeiten für Investitionen immer weiter reduzieren, droht eine sich selbst verstärkende Abwärtsspirale: Die sinkende Attraktivität als Unternehmensstandort führt zur Abwanderung mobiler Familien, wodurch das Steueraufkommen letztendlich noch weiter sinkt. Angesichts der kommunalen Zuständigkeit für den Schulbau, für die Schulsozialarbeit und für die außerschulische Bildung in Musikschulen oder Volkshochschulen ist das Bildungssystem davon ganz unmittelbar betroffen.

Die kommunale Steuerkraft wird im Landesdurchschnitt mit 841 Euro pro Einwohnerin bzw. Einwohner im Jahr beziffert. Die Spannweite ist allerdings extrem und reicht bis knapp 6.000 Euro in Eschborn. Auch die Stadt Frankfurt und weitere Umlandgemeinden weisen deutlich erhöhte Werte auf. Ursächlich hierfür ist die Ansiedlung von umsatzstarken Großunternehmen. Im Zeitverlauf ist das Steueraufkommen zudem dort besonders gewachsen, wo es ohnehin schon hoch war, während es andernorts stagniert. Eine GEW-Untersuchung der Schulbauinvestitionen in Hessen hat aufgezeigt, dass diese ausgesprochen stark zwischen den Schulträgern variieren (www.gew-hessen.de > Themen > Finanzpolitische Arbeitspapiere 4). Dabei überrascht es nur wenig, dass die mit Abstand höchsten Schulbauinvestitionen für den Hochtaunuskreis und den Main-Taunus-Kreis zu konstatieren sind, wo die kommunale Steuerkraft am höchsten ausfällt.

Im Zusammenhang mit dem Distanzunterricht während der Corona-Pandemie hat auch die Versorgung mit schnellem Internet massiv an Brisanz gewonnen: Ohne Breitbandanschluss sind Videokonferenzen nicht durchführbar. Nur in den größeren Städten, in weiten Teilen Südhessen und in einigen mittelhessischen Regionen verfügt eine Mehrheit der Haushalte über einen – immer noch vergleichsweise langsamen – Breitbandanschluss von mindestens 50 Megabit pro Sekunde. In Nordhessen ist diese Bandbreite außerhalb der Stadt Kassel praktisch nicht verfügbar.

Im Zusammenhang mit Bildungsthemen betrachtet die Studie auch den Anteil der Schülerinnen und Schüler, die die Schule ohne Hauptschulabschluss verlassen und für die sich der Übergang in Ausbildung oder auf den Arbeitsmarkt ausgesprochen schwierig gestaltet. Überdurchschnittlich hohe Quoten finden sich erwartungsgemäß primär in den größeren Städten Kassel (7,0 Prozent), Offenbach (6,8 Prozent) und Wiesbaden (6,5 Prozent). Deutlich überdurchschnittliche Werte weisen allerdings auch zwei ländlich geprägte Landkreise auf, der Odenwaldkreis und der Vogelsbergkreis. Diese wenigen Befunde machen hinreichend deutlich, dass Bildungseinrichtungen in den verschiedenen Regionen Hessens mit unterschiedlichen Ausgangslagen und mit stark divergierenden Anforderungen konfrontiert sind. Darauf müssen sie passgenaue Antworten finden. Das Bildungssystem alleine kann allerdings nicht die Schäden reparieren, die entstehen, wenn Gemeinden und Regionen mit den Folgen des Strukturwandels alleine gelassen werden. Nicht zuletzt die von der GEW aufgezeigten Unterschiede beim Schulbau machen deutlich, dass die finanziellen Handlungsspielräume der finanzschwächeren Schulträger dringend gestärkt werden müssen. Angesichts neuer Aufgaben für die Schulträger beispielsweise im Bereich der IT-Ausstattung müssen zusätzliche Ressourcen bereitgestellt werden. Die Entwicklung der „dynamischen Städte“ muss so gestaltet werden, dass „Exklusionsgefahren“ abgebaut werden.

Roman George


Stefan Fina und Bastian Heider (2021): Ungleiches Hessen. Wie können gleichwertige Lebensverhältnisse erreicht werden. Herausgeber: Friedrich-Ebert-Siftung, Landesbüro Hessen Wiesbaden. Download: https://ungleiches-hessen.de