Soziale Ungleichheit

Auch in der Pandemie sitzen nicht alle im selben Boot

HLZ 06/2021: Soziale Ungleichheit

„Das Virus macht keine Unterschiede.“ Diese und andere Parolen sollen den Zusammenhalt befördern und suggerieren, dass „alle im selben Boot sitzen“. Aber die Behauptung ist wie so oft, wenn dieses Bild bemüht wird, falsch. Denn Corona macht Unterschiede, trifft Arme häufiger als Reiche, Menschen in prekären Lebensverhältnissen mehr als in gut situierten Verhältnissen, soziale Brennpunkte mehr als wohlhabende Wohngebiete. Das höhere Risiko betrifft nicht nur die Häufigkeiten einer Infektion, sondern auch den Krankheitsverlauf und die Gefahr, an Sars-CoV-2 zu sterben.

Die Gründe liegen auf der Hand: enge Wohnverhältnisse im sozialen Brennpunkt oder in Gemeinschaftsunterkünften, schlechtere Zugänge zum Gesundheitssystem, Arbeitsplätze im Niedriglohnbereich ohne ausreichenden Arbeitsschutz und ohne Chance auf Home-Office, Abhängigkeit vom öffentlichen Personennahverkehr u.v.m.

Nivellierende Aspekte wie der Ischgl-Tourismus der Schönen und Reichen waren schnell verflogen. Seit August 2020 nahm der Anteil von Menschen mit hohem Einkommen, die an Corona erkrankten, rapide ab.

Und schließlich sind Frauen stärker betroffen als Männer, da sie in Bereichen mit einem besonderen Infektionsrisiko bis zu 100 Prozent der Beschäftigten ausmachen: in Pflege, Betreuung und Erziehung, im Bereich der körpernahen Dienstleistungen oder im Einzelhandel.

Die Pandemie trifft also nicht alle gleich. Das gilt aber nicht nur für das Infektionsrisiko und das höhere Risiko, an Sars-CoV-2 zu versterben, sondern auch für die sozialen und gesellschaftlichen Folgen der Pandemie, für die Einkommensentwicklung, für die Gefahr von Überschuldung und Arbeitslosigkeit oder für die Bildungschancen.

All das ist leicht zu erahnen, aber inzwischen auch vielfach begründet und belegt:

  • Nach dem aktuellen Entwurf des neuen Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung haben 30 Prozent der Befragten mit besonders niedrigen Einkommen seit Beginn der Pandemie Probleme, ihre laufenden Ausgaben zu decken und zusätzlich auch noch Schutzmasken, Corona-Selbsttests und Desinfektionsmittel zu finanzieren. Bei einem Fachgespräch der Friedrich-Ebert-Stiftung Hessen erneuerte Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VdK, ihre Forderung nach einem Corona-Zuschlag von 100 Euro zur Grundsicherung. Dafür sollten Menschen und Betriebe mit großem Vermögen mit einer einmaligen Vermögensabgabe herangezogen werden.

Die soziale Schere wird auch durch eine Studie des Robert-Koch-Instituts (RKI) bestätigt (1). In den sozial benachteiligten Regionen Deutschlands ist die Corona-Sterblichkeit um 50 bis 70 Prozent höher als in privilegierten Regionen. So lag der Inzidenzwert zu Beginn der zweiten Welle Anfang November bei ärmeren Menschen im Alter von 60 bis 79 Jahren bei rund 80, bis Januar stieg er auf 190. Bei den bessergestellten Senioren im gleichen Alter fiel der Wert in der gleichen Zeit von rund 110 auf rund 100, also auf knapp die Hälfte der Inzidenz der Ärmeren.

  • Zu ähnlichen Ergebnisse kommt der Datenreport 2021 des Statistischen Bundesamts. Danach berichteten während der ersten Welle von März bis Juli 2020 17 Prozent der an- und ungelernten Arbeiterinnen und Arbeiter und 14 Prozent der einfachen Angestellten von finanziellen Schwierigkeiten:

„Bei Bezieherinnen und Beziehern von Niedrigeinkommen war es fast jede/-r Fünfte. Bei den Facharbeiter-, Meister- und qualifizierten Angestelltenberufen fielen die Anteile mit rund 9 % deutlich niedriger aus. Am häufigsten waren Alleinerziehende (25 %) und Selbstständige (20 %) von finanziellen Problemen im Zuge der Pandemie betroffen. Auch Menschen, die nach Deutschland zugewandert sind, berichteten mit 15 % fast doppelt so häufig von finanziellen Schwierigkeiten wie Menschen ohne Migrationshintergrund.“ (2)

  • Ein ähnliches Bild zeichnet eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung, für die im April und Juni 2020 mehr als 6.000 Erwerbspersonen befragt wurden (siehe Abbildung):

„Insgesamt gaben rund 32 Prozent der Befragten an, Einkommen durch die Pandemie eingebüßt zu haben. Erwerbstätige mit Migrationshintergrund waren stärker betroffen: Selbst wenn man Faktoren wie das Bildungsniveau oder die Branche herausrechnet, kam es bei ihnen öfter zu Einkommensverlusten. Eltern mussten im Vergleich zu Kinderlosen häufiger Einbußen verkraften. In der unteren Einkommensgruppe mit maximal 900 Euro netto monatlich waren fast 48 Prozent betroffen, während es in der obersten Gruppe mit mehr als 4.500 Euro netto knapp 27 Prozent waren. Auch Befragte in Leiharbeit oder Minijobs berichteten häufiger von einem Minus.“ (3)

Stark betroffen sind aber auch Selbstständige, Kleingewerbetreibende oder Künstlerinnen und Künstler, die keinen Anspruch auf Kurzarbeitergeld haben und lange vergeblich auf staatliche Ausgleichszahlungen warten. Das Kurzarbeitergeld konnte einige Härten ausgleichen und Menschen vorerst in Arbeit halten.

Harald Freiling

  1. https://www.aerzteblatt.de/archiv/218459
  2. Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts vom 10.3.2021: https://bit.ly/2PzG3Ea
  3. Böckler-Impuls 17/2020: https://www.boeckler.de/data/im- puls_2020_17_S1.pdf