So bunt wie der Regenbogen…  

Der Rainbow Club an der Gesamtschule in Hungen

HLZ 7-8/2020

So bunt wie der Regenbogen ist die Gesellschaft, in der wir leben. Viele Schulen schreiben sich das gerne auf ihre Fahnen: „Wir leben Vielfalt.“ Das klingt gut! Klar ist aber auch, dass an Schulen, wo vielfältige Kulturen, Werte und Identitäten aufeinander treffen, auch viel für Akzeptanz, Toleranz und Respekt gearbeitet werden muss. Zudem sollten diejenigen, die gefährdet sind, diskriminiert und ausgegrenzt zu werden, Solidarität erfahren und gezielt gestärkt werden. 

Der Rainbow Club an der Gesamtschule Hungen hat sich die Unterstützung und Stärkung von LSBTIQ-Jugendlichen zum Ziel gemacht. Der folgende Erfahrungsbericht soll Lehrerinnen und Lehrer über diese AG informieren und zur Einrichtung ähnlicher  Angebote an ihrer eigenen Schule ermutigen. 

Was ist der Rainbow Club?

Der Rainbow Club ist eine Arbeitsgemeinschaft für alle Schüler*innen, die sich als lesbisch, schwul, bisexuell, trans*, inter* oder queer identifizieren (LSBTIQ). Wir treffen uns wöchentlich während einer Doppelstunde am Nachmittag. Die AG bietet den Jugendlichen einen Treffpunkt und geschützten Gesprächsraum. An unseren Treffen nehmen derzeit etwa zehn Schüler*innen aus einer Schülerschaft von etwa 900 Kindern und Jugendlichen teil. Sie sind Schüler*innen der Jahrgangsstufen 6, 9 und 10. Die Teilnahme an der AG ist nicht verbindlich, das heißt, es besteht keine Pflicht, das volle Halbjahr teilzunehmen. Eine Anmeldung per Anmeldebogen mit Unterschrift der Eltern ist nicht nötig. So sollen die Hürden für unsichere, aber interessierte Schüler*innen, auch für solche, die sich gegenüber ihren Eltern noch nicht geoutet haben, möglichst niedrig gehalten werden. 

Die Jugendlichen können selbst entscheiden, ob sie möchten, dass die Teilnahme an der AG Rainbow Club im Zeugnis erwähnt wird oder nicht. Nach konzeptioneller Abstimmung mit der Schulleitung wurde der Schulelternbeirat über das Angebot der AG informiert und von diesem befürwortet. 

Auf der Schulhomepage (www.gesahu.de), durch Aushänge und auch auf einer Sitzung der Schüler*innenvertretung wurde die neue AG vorgestellt. Die meisten Schüler*innen finden allerdings über mündliche Empfehlungen ihren Weg in die AG. Teilweise gehört dazu auch etwas Überredungskunst von Freundinnen und Freunden, die den Club bereits besuchen. Aber eines ist klar: Zwang oder Druck dürfen in keinem Fall ausgeübt werden. Es muss eine freie Entscheidung bleiben, die Treffen zu besuchen. 

Ein notwendiges Angebot

Viele LSBTIQ-Jugendliche beginnen in der Pubertät zu erkennen, dass sie „anders sind als die Anderen“. Und obwohl unsere Gesellschaft liberaler geworden sein mag, sind auch in den Schulen heteronormative Vorstellungen noch immer sehr prägend: Leider ist es noch nicht völlig „normal“, wenn in der Klasse Tom und Lukas ein Pärchen sind, und leider sind abwertende Bemerkungen wie „schwule Sache“ oder Beschimpfungen wie „Schwuchtel“ noch immer regelmäßig zu hören. 

Das macht es nachvollziehbar, warum die Selbstfindung und das innere Coming-Out schwierige Prozesse sind. Ein Umfeld, das „Anderssein“ nicht akzeptiert, kann in LSBTIQ-Heranwachsenden Unsicherheit auslösen und dazu führen, dass sie sich verstecken oder aufgrund des äußeren Drucks sogar selbst verleugnen. Nach einer Studie des Deutschen Jugendinstituts gaben mehr als zwei Drittel der befragten lesbischen, schwulen und bisexuellen Jugendlichen und jungen Erwachsenen an, vor ihrem ersten Coming-Out gegenüber einer anderen Person Befürchtungen bezüglich negativer Konsequenzen gehabt zu haben (1). Auch die erhöhte Suizidgefahr für LSBTIQ-Jugendliche zeigt, wie hoch die emotionale Belastung sein kann (2). 

Das folgende Zitat der 15-jährigen L. verdeutlicht, wie wichtig der Austausch im geschützten Raum des Rainbow Clubs und das Klima von Akzeptanz für die Schüler*innen sind: 

„Ich weiß, dass mich die Menschen in dieser Gruppe akzeptieren und mich nicht für meine Sexualität verurteilen und ich einfach ich selbst sein kann.(…) Ich finde es toll, dass ich meine wahren Gefühle teilen kann. Seit Jahren rede ich nicht mit meinen Eltern über die negativen Gefühle, die ich habe, weil sie mich nicht verstehen.“ 

Im Club gilt das Gebot der Vertraulichkeit: Was im Club besprochen wird, bleibt im Club! Die Schüler*innen zeigen ein hohes Einfühlungsvermögen und nehmen sich gegenseitig sehr ernst, wenn belastende Situationen mitgeteilt werden. Sie sprechen sich Mut zu und unterstützen sich gegenseitig, Lösungen zu suchen. Einige von ihnen haben sich bereits in ihren Familien oder bei Freunden geoutet, andere haben ihr Geheimnis nur in der AG erzählt. Gerade für die letztgenannten Schüler*innen ist es eine befreiende Erfahrung, sich in der AG nicht selbst verleugnen zu müssen. Zu wissen, dass sie an der Schule nicht alleine sind, stärkt die Jugendlichen und gibt ihnen neuen Mut. Noch einmal L. (15) über ihr erstes Treffen im Rainbow Club:

„Ich habe mich sehr wohl gefühlt und war extrem glücklich, bei dem Treffen gewesen zu sein. Ich bin wortwörtlich vor Glück in die Luft gesprungen.“ 

Die transidenten Schüler*innen brachten auch die schwierige Toilettensituation zur Sprache. Die Schulleitung, die ohnehin schon dahingehende Planungen hatte, setzte daraufhin die zeitnahe Schaffung von zwei geschlechtsneutralen Einzeltoiletten um. Diese sind nicht etwa besonders gekennzeichnet, sondern einfach für alle Schüler*innen jeden Geschlechts zugänglich. 

Und was passiert, wenn mal keine Probleme besprochen werden und nicht über Lösungen gegrübelt wird? Dann sitzen wir in froher Runde beisammen: Wir trinken Tee, essen Kekse und spielen Gesellschaftsspiele: Auch so kann die Stärkung von LSBTIQ-Kindern und Jugendlichen aussehen! Das meint auch die 18-jährige I.: 

„Das beste am Rainbow Club ist... gemeinsam zu lachen!“ 

Sicherlich gibt es in größeren Städten LSBTIQ-Jugendgruppen, die ähnlich wie die vorgestellte AG funktionieren. Der Vorteil eines Treffpunkts an der eigenen Schule liegt aber auf der Hand: Interessierten fällt es leichter, sich bei Lehrerinnen und Lehrern und Mitschülerinnen und Mitschülern nach dem Gesprächsangebot zu erkundigen und es am vertrauten Lernort wahrzunehmen.

Wie weiter im Rainbow Club?

Die AG hat zwar schon einiges erreicht, aber für die Zukunft gibt es noch einige offene Fragestellungen und Aufgaben:

Die Sichtbarkeit der AG sollte erhöht und das Klima der Akzeptanz für LSBTIQ an der Schule gesteigert werden. Dazu haben wir auch schon gute Ideen: die Gestaltung einer Homepage oder Infowand, die Durchführung einer Projektwoche zum Thema „Vielfalt“, ein Theaterstück zum Thema, die Zusammenstellung von LSBTIQ-Jugendliteratur für die Schulbibliothek, ein Kabarettprogramm „Homologie“ mit dem Bühnenkünstler Malte Anders (www.malte-anders.de), eine intensivere Zusammenarbeit mit „SCHLAU“ für Workshops zur sexuellen Vielfalt (www.schlau-hessen.de)

Sollte der Treffpunkt für die AG, der bisher nur den Teilnehmern und dem Kontaktlehrer bekannt ist, öffentlich gemacht werden? Damit würde für Interessierte die Hürde zum Besuch der AG kleiner, der „geschützte Raum“ aber teils aufgegeben werden.

LSBTIQ-Exklusivität oder Öffnung für alle? Sollte die AG in Zukunft für alle Interessierten geöffnet werden? Ein Vorteil wäre die Einbindung aller Interessierten, unabhängig von der Zugehörigkeit zur Community. Fraglich ist, ob sich dann die LSBTIQ-Jugendlichen noch so öffnen können, um sehr sensible Themen zu besprechen.

Arndt Marcus Seipp


Der Autor steht unter seiner Mailadresse für den Austausch und die Verbindung mit ähnlichen Angeboten an anderen Schulen zur Verfügung - vielleicht bald mit Ihrer Schule? arndt.marcus.seipp@gesahu.de

(1) C. Krell und K. Oldemeier (2015). Coming-out und dann…?! Zur Lebenssituation von lesbischen, schwulen, bisexuellen und trans* Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Deutsches Jugendinstitut München.
(2) E. di Giacomo u.a. (2018). Estimating the risk of attempted suicide among sexual minority youths. JAMA pediatrics, 172 (12), 1145-1152