Seife allein reicht nicht!

Kommentar von Birgit Koch und Maike Wiedwald

HLZ 7-8/2020

Die ohne jede demokratische Beteiligung getroffene Entscheidung des Kultusministers, dass die Grundschulen an den letzten zehn Unterrichtstagen (!) vor den Sommerferien zum Regelunterricht zurückkehren mussten und alle zuvor geltenden Abstandsregeln aufgehoben wurden, war ein schwerer Schlag für die Glaubwürdigkeit des Ministers und das Vertrauen in seine Verlässlichkeit. Darüber wird in dieser HLZ ausführlich berichtet, auch über die Proteste der GEW und der Kolleginnen und Kollegen, die sich dagegen wehrten, dass sie als Versuchspersonen herhalten sollen, „wie man ein reguläres Unterrichtsangebot ohne Abstandsregeln auch im neuen Schuljahr dauerhaft organisieren kann“.

Alle Landesregierungen wollen „so bald wie möglich“ zum Regelunterricht zurück. Wer will da widersprechen? Was nach den Sommerferien möglich ist, darüber entscheidet jedoch nicht die Landesregierung, sondern das Pandemiegeschehen. Deshalb brauchen wir keine einsamen Entscheidungen in Corona-Kabinetten, sondern eine gemeinsame Anstrengung für das neue Schuljahr mit alternativen Plänen, auch für den Fall einer zweiten Welle der Pandemie. Diese Pläne müssen auch die Frage beantworten, ob der „Normalbetrieb“, wie er vor Corona bestand, wirklich in allen Punkten „erstrebenswert“ ist. 

Tatsächlich kann man unter den Bedingungen der Pandemie die Probleme des Bildungssystems wie im Brennglas betrachten, doch neu sind die Erkenntnisse nicht. Das gilt für den Zusammenhang von Bildungserfolg und finanziellen Möglichkeiten der Eltern genauso wie für die hohe Arbeitsbelastung der Pädagoginnen und Pädagogen in Kitas und Schulen oder für den baulichen und hygienischen Zustand der Bildungseinrichtungen. Gut, inzwischen gibt es auf fast jeder Schultoilette Seife, aber die Mängel werden bei einer Rückkehr zum „Normalbetrieb“ bleiben.  

Für den hessischen Kultusminister ging es in den letzten Wochen vor allem um die Prüfungen und den Übergang in das gegliederte Sekundarschulwesen. Auch die befristete Änderung schulrechtlicher Vorgaben (HLZ S.35) zeigt, dass die schwarz-grüne Koalition keine strukturellen Veränderungen will. Bei der Notengebung, den schriftlichen Arbeiten, den Versetzungen, der Auslese nach der vierten Klasse und den zentralen Prüfungen soll nach der Pandemie alles wieder so sein wie vorher. Dabei könnte man aus der Krise Lehren für ein inklusives, zukunftsfähiges Bildungswesen ziehen. Deshalb fordert die GEW Hessen eine Diskussion über bessere Pädagogik, mehr Chancengleichheit, gute Arbeit in Schulen und Kitas und eine wirkliche Reform des Bildungswesens. Zwangsabordnungen an Grundschulen sind bestimmt der falsche Weg (HLZ S.25). 

Kolleginnen und Kollegen, die von einem auf den anderen Tag Fernunterricht organisieren sollten, mussten die Mängel bei der digitalen Ausstattung der Schulen und in vielen Familien ausbaden. Sie packten Lernpakete für Schülerinnen und Schüler und brachten sie zu Hause vorbei, organisierten Lernpartnerschaften und standen digital oder telefonisch zur Verfügung. Auch die Erzieherinnen und Erzieher in den Kitas hielten neben dem Einsatz in der Notbetreuung Kontakt zu den Familien und machten Vorschläge für die Bewältigung des Alltags. Jetzt ist die Politik gefordert, bessere Rahmenbedingungen für ihre Arbeit und für gute Bildung zu schaffen. 

Deshalb bleiben unsere Forderungen auf der Tagesordnung: Wir kämpfen weiter für ein anständiges BAföG, gute Arbeit in Hochschule und Weiterbildung, mehr Geld für Erzieherinnen und Erzieher und Grundschullehrkräfte, Abbau des Investitionsstaus, bessere digitale Ausstattung, mehr gemeinsames Lernen und Förderung der Benachteiligten!

Dieser Sommer wird ein anderer sein. Viele von uns werden ihn nicht wie sonst genießen können. Einige waren vorab gezwungen, ihren Jahresurlaub zu nehmen, oder müssen jetzt in den Notdiensten arbeiten. Trotzdem hoffen wir, dass ihr die dringend benötigte Erholung findet. Ihr habt es euch verdient! 


Birgit Koch und Maike Wiedwald
Landesvorsitzende der GEW Hessen