Recht auf Bildung und Partizipation

Zur Bildungssituation von Sinti und Roma in Deutschland

HLZ 1-2/2022: Demokratie und Menschenrechte

„Ich wurde in der Schule fast nicht wahrgenommen. Ich bin in die Schule gekommen und konnte lesen und schreiben. Aber die Frau hat mich so ignoriert, ich wusste nicht einmal, was plus und minus ist“, erzählt Verena im Interview mit dem Hessischen Landesverband Deutscher Sinti und Roma über ihre Schulzeit. Und die junge Joane berichtet: „Ich wurde schon in der ersten Klasse als ‚Scheiß Zigeuner‘ beleidigt.“

Seit 2018 sind die Kinderrechte und damit das Recht auf Bildung in der Hessischen Landesverfassung verankert. Die Aufnahme ins Grundgesetz ist in diesem Jahr erneut gescheitert. Joanes und Verenas Erzählungen machen deutlich, dass das Recht auf Zugang zu Schule allein nicht zwangsweise gleichberechtigte Bildungschancen ermöglicht.

Faktoren des Ausschlusses

Die aktuelle RomnoKher-Studie „Ungleiche Teilhabe“ zur Lage der Sinti und Roma in Deutschland zeigt, dass sich die Bildungssituation für Sinti und Roma gegenüber der Erhebung von 2011 deutlich verbessert hat, auch im generationalen Vergleich. In Relation zur Mehrheitsgesellschaft wird die Benachteiligung aber nach wie vor deutlich. Während in der Altersgruppe der 26- bis 50-Jährigen 23,9 % keinen Schulabschluss erwerben konnten, betrug dieser Wert in der Kohorte der 18- bis 25-Jährigen lediglich noch 14,9 %. Das sind aber weiterhin mehr als doppelt so viele wie in der Gesamtbevölkerung. Der Anteil der Förderschüler:innen sank von 10,4 % auf 5,9 % und der Anteil der Befragten, die ein Gymnasium besuchten, stieg von 7,7 % auf 15,6 %. Zum Vergleich: Im bundesdeutschen Durchschnitt besuchen 40 % eines Altersjahrgangs ein Gymnasium. Als ein weiteres Zeichen dieser positiven Entwicklung deuten wir die Gründung des Studierendenverbands Deutscher Sinti und Roma Anfang 2021.

Das mehrgliedrige Schulsystem stellt bereits frühzeitig die Weichen für die weiteren Bildungs- und Arbeitsmarktzugänge, die hohe Selektivität und die geringen Chancen für Bildungsaufstiege stehen seit langem in der Kritik. Wer im deutschen Bildungssystem nicht auf familiäre Ressourcen wie eine gute Ausbildung der Eltern zurückgreifen kann, hat es statistisch nachgewiesenermaßen selbst schwerer, Bildungserfolge zu erzielen. An dieser Stelle machen sich im Falle der Angehörigen der Minderheit auch die Nachwirkungen der NS-Verfolgung und des jahrhundertelangen Bildungsausschlusses bis heute bemerkbar.

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde eine ganze Generation von Sinti und Roma vom Schulbesuch und damit von einer formalen Schulbildung ausgeschlossen. Ab Ende der 1930er Jahre konnten Sinti des Unterrichtes verwiesen werden und seit 1941 waren sie komplett vom Schulunterricht ausgeschlossen. Die meisten Sinti und Roma wurden  danach mit ihren Familien in Konzentrationslager deportiert. Dieser historische Bildungsausschluss zusammen mit einer hohen Traumatisierung der Überlebenden hat zur Folge, dass sich die intergenerationale Weitergabe und schulische Unterstützung in vielen Familien als strukturelle Herausforderung darstellt.

Gleichzeitig wird es sowohl Sinti- als auch Roma-Familien unabhängig von ihrer konkreten Situation häufig pauschal nicht zugetraut, ihre Kinder ausreichend unterstützen zu können, was immer wieder auch als Grund gegen eine Gymnasialempfehlung genannt wird. Aus diesen frühen Eingruppierungen in Schulsysteme und dem fehlenden Zutrauen kommen die Jugendlichen später nur schwer wieder heraus.

Eine weitere große Bildungshürde stellt der gesellschaftlich nach wie vor stark verankerte Antiziganismus dar. In der RomnoKher-Studie berichten über 60 % der Befragten von Diskriminierungserfahrungen im Kontext Schule, 53,8% gaben an, dass es dabei auch zu Gewalt gekommen sei. Sie werden „aufgrund ihres ethnischen Hintergrundes als Sinti oder Roma beleidigt“ oder angefeindet, wobei die Diskriminierung zumeist von Mitschüler:innen ausgeht, doch schon an zweiter Stelle stehen die Lehrkräfte. 19,2 % der Befragten nehmen vor diesem Hintergrund die Schule teilweise als „feindlichen Ort“ wahr.

Bildung als Recht auf Empowerment

Auch die Sozialberatung des Landesverbandes der Sinti und Roma in Hessen kennt viele Fälle, die diese Ergebnisse bestätigen. Immer wieder werden uns Erfahrungen von Eltern und ihrer Kinder geschildert, wonach antiziganistische Vorurteile und Ressentiments dazu führen, dass eine vertrauensvolle und konstruktive Zusammenarbeit erschwert bis verunmöglicht wird. Nicht zuletzt ist es oftmals das fehlende kritische Bewusstsein der Schule als einer machtvollen Institution, das verhindert, dass Schüler:innen erfolgreich und angstfrei an Bildung partizipieren können. Das gilt umso mehr, wenn Schule selbst der Ort von Antiziganismus ist.

Für eine Verbesserung dieser Situation ist es von Bedeutung, dass Bildungsinstitutionen Diskriminierung als alltägliche Struktur begreifen, die sich in alltäglichem Handeln und unterbewussten Praxen ausdrücken kann. Für den eigenen Anspruch, eine „Schule ohne (oder mit weniger) Rassismus“ zu sein, sind sensibilisierende Workshops lediglich ein Anfang.

Viel wichtiger ist eine umfassende Sensibilität für diskriminierende Strukturen und eine Offenheit, sich der eigenen (unbewussten) Involviertheit als Institution oder Einzelperson anzunehmen. Hierzu müssten die Themen Antiziganismus und Diskriminierung auch stärker in die Aus- und Fortbildung von Lehrkräften integriert werden.

Bildungsbiografien sichtbar machen

Genauso notwendig ist es, die Minderheit zu fördern und erfolgreiche Bildungsbiographien der Minderheit sichtbar zu machen. Hierbei sind die 2011 aus der Minderheit heraus gegründete Hildegard Lagrenne Stiftung oder auch der 2021 gegründete Studierendenverband von Sinti und Roma positiv hervorzuheben.
Bundesländer wie Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein besitzen zudem gute Erfahrungen mit sogenannten „Bildungsberater:innen“, die aus der Minderheit kommen und mit ihren (eigenen) Bildungsbiographien als Vorbilder für die Jugendlichen wirken, diese unterstützen und gleichzeitig eine vermittelnde Rolle zwischen den Schüler:innen, ihren Familien und der Schule übernehmen. Es wäre sinnvoll, solche Projekte bundesweit auszubauen.
„Die Förderung von Nichtdiskriminierung, Partizipation, Empowerment und Solidarität sind elementare Bestandteile der Menschenrechtsbildung“, heißt es in einer Erklärung des Instituts für Menschenrechte. Auch die UNO versteht Bildung als ein Recht auf „Empowerment“, das den Beteiligten die Möglichkeit gibt, an gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Prozessen gleichberechtigt teilzunehmen. Die Verbesserung der gesellschaftlichen Situation von Sinti und Roma ist somit untrennbar an eine gleichberechtigtere Bildungsteilhabe geknüpft. Hier gibt es bereits wichtige Ansätze, dennoch müssen die bestehenden Konzepte zur Förderung der Minderheit einerseits und solche zur (selbst)kritischen Auseinandersetzung mit Antiziganismus in Bildungsinstitutionen und Gesellschaft andererseits ausgebaut und institutionalisiert werden.


Ina Hammel, Christine Kone, Dr. Katharina Rhein

Ina Hammel (Foto links), Dr. Katharina Rhein (Foto rechts) und Christine Kone (ohne Bild) sind wissenschaftliche Mitarbeiterinnen des Hessischen Landesverbands Deutscher Sinti und Roma. Der Verband wurde in den 1980er Jahre als Selbsthilfeorganisation gegründet, die sich für die Verbesserung der Situation von Sinti und Roma in Hessen und für eine Aufklärung über das Thema Antiziganismus einsetzt. Christine Kone leitet die Sozialberatung, Ina Hammel ist schwerpunktmäßig für die politische Bildungsarbeit zuständig und Dr. Katharina Rhein für die politische Beratung des Verbands. Alle drei lehren auch an hessischen Hochschulen.

Weitere Informationen über die Bildungsarbeit des Verbands, über Ausstellungen und die Kooperation mit Schulen findet man auf der Internetseite https://sinti-roma-hessen.de.

Der Beitrag wurde mit freundlicher Genehmigung aus dem Blog des gemeinnützigen Vereins Makista übernommen, der sich seit 2000 für die Verwirklichung der Kinderrechte in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen einsetzt. Weitere Informationen: https://www.makista.de

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