Praktika nur zur Steigerung der Employability nutzen?!?

Zur Entdeckung des Praktikums durch die Hochschulpolitik

HLZ 6/2018: Hochschulen in Hessen

Das Studienelement „Praktikum“ erfährt traditionell an Universitäten keine große Aufmerksamkeit. Dies könnte sich nun ändern, denn die Hochschulpolitik hat das „Praktikum“ für sich entdeckt - so fanden bspw. 2016 und 2017 von der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) organisierte  Tagungen1 zum Praktikum statt und der gut dotierte Ars-Legendi-Preis2 wurde zu „Praxisbezüge und Praktika im Studium“ ausgelobt.  Problematisch ist jedoch, auf welche Art und Weise die jetzigen Auseinandersetzungen mit dem Praktikum erfolgen: Obwohl ein Fachgutachten zu „Qualitätsstandards für Praktika“3 in Auftrag gegeben worden ist, welches inhaltlich bereichernde Aspekte umfasst (bspw. Praktika aufzuwerten, im Dialog zu gestalten oder Ressourcen und Rahmenbedingungen bereitzustellen), so verengt die HRK das Praktikum vor allem auf seinen „Beitrag zu mehr Beschäftigungsbefähigung“4 bzw. Employability.  Hierzu passend rekurriert die HRK bei ihren Ausführungen auf den Wissenschaftsrat, der 20155 die „Arbeitsmarktvorbereitung“  als eine von drei zentralen Dimensionen akademischer Bildung  formulierte. Die beiden anderen vom Wissenschaftsrat formulierten - nicht minder relevanten - Dimensionen „(Fach)Wissenschaft“ und „Persönlichkeitsbildung“ werden jedoch nicht hinsichtlich des Praktikums diskutiert: fachliche, persönlichkeitsbildende, gesellschaftskritische oder zukunftsgestaltende Perspektiven finden folglich keine Beachtung. Entsprechend der Zielrichtung Employability wird bspw. der Mindestlohn lediglich als hinderlich für das zur Verfügung stellen von Praktikumsangeboten angesehen. Die HRK setzte sich 2014 erfolgreich dafür ein, freiwillige Praktika von Studierenden (unter drei Monaten), die nicht in der Studienordnung vorgeschrieben sind, vom Mindestlohn auszunehmen.Das Praktikum avancierte hier also zur Möglichkeit für Arbeitgeber, von ohnehin geringer Bezahlung Abstand zu nehmen oder auch (wie wir es regional beobachten können) Arbeitsverhältnisse in Praktika umzudeklarieren. Dies ist nicht nur rechtlich und politisch bedenklich, sondern auch hochproblematisch für Studierende, die sich selber finanzieren müssen. Gleichzeitig spiegeln sich hier finanzielle Nöte von offenkundig unterfinanzierten Praktikumsgebern im Bildungs- und Sozialwesen wider.

Potentiale des Praktikums in erziehungswissenschaftlichen Studiengängen

Praktika ermöglichen weit mehr Bildungserfahrungen als nur einen Kompetenzgewinn zur Verbesserung der „Einmündungspotentiale“ in den Arbeitsmarkt. Für Studierende ist das universitär begleitete Praktikum ein unverzichtbarer Bestandteil der individuellen und kollektiven Professionalisierung.

Die Praktikumsfelder in den Erziehungswissenschaften sind breit gefächert und reichen von Institutionen der Erwachsenbildung bis hin zu Einrichtungen der Sozialen Arbeit, sozial- und rehapädagogischen Arrangements oder der Arbeit in politischen Organisationen. So unterschiedlich diese Felder sind, haben sie dennoch gemeinsam, dass das pädagogische Handeln in ihnen eine breite Bildung in unterschiedlichen (Wissenschafts-) Disziplinen voraussetzt und darüber hinaus eine hohe Fähigkeit zu (Selbst-) Reflexion sowie situativer Urteils-, Sprech- und Handlungsfähigkeit erfordert. Die Praktika während des Studiums sind für Viele die ersten Schritte in diese berufliche Praxis, für andere Studierende, die schon lange im Beruf stehen, fordern sie zu einer Neuorientierung heraus. Diese Erfahrungen sind häufig mit Verunsicherungen verbunden und brauchen geschützte Räume, in denen sie geteilt und bearbeitet werden können. Viele angehende Pädagog*innen erleben vor allem die Unmittelbarkeit von Alltagssituationen als besonders herausfordernd. Die theoriebasierte Abstraktion und Analyse von „Einzelfällen“ kann Überforderungssituationen entschärfen und ermöglicht einen gelasseneren Umgang in zukünftigen Situationen.

Hinschauen, wo es weh tut

Sich in pädagogischen Feldern zu bewegen kann wehtun. Es kann schmerzhaft sein, die Situation der Menschen, mit denen man arbeitet, mit zu erleben. Es kann Wut auslösen, zu sehen, wie strukturelle Ungleichheiten eine nachhaltige Verbesserung verwehren. Es kann ohnmächtig machen, zu erkennen, wie rechtliche Rahmungen die eigenen berufsethischen Prinzipien aushebeln und es kann Erschöpfung produzieren, für wenig Geld und mit zu wenig Kolleg*innen, Einrichtungen am Laufen zu halten. Gefühle wie Aggression, Scham, Wut, Ohnmacht oder Angst erleben auch unsere Studierenden. Häufig werden sie als „falsche Gefühle“ verdrängt – soll doch pädagogisches Handeln geprägt sein von Empathie, Sicherheit, Autorität, Tat- und Analysekraft.7 Die Universität als Raum der Reflexion und entbunden von unmittelbarem Handlungszwang kann geschützte Räume bieten, in denen auch solche vermeintlich „schlechten“ Gefühle zunächst einmal als legitim anerkannt werden. In der Konsequenz sind  einerseits (auto-) biographische Reflexionen relevant um Reaktionsmuster besser zu verstehen und einzuordnen. Andererseits geht es auch das Erkennen struktureller Widersprüche des pädagogischen Raums, die kollektiv – zwar nicht aufgehoben – dennoch bearbeitbar werden.

Positionen schärfen

Pädagogik ist ein umkämpftes Terrain: In ihm werden normative Ordnungen gleichermaßen reproduziert wie in Frage gestellt. Ungleichheiten der kapitalistischen Gesellschaftsordnung spiegeln sich in pädagogischen Arrangements, politische Diskurse finden ihren Niederschlag in Inhalten und Methoden. Pädagog*innen sind von Tag 1 ihrer Berufstätigkeit an in einem hochpolitischen Feld unterwegs, in dem sie sich zu verschiedenen Anforderungen verhalten müssen. Ethische Handlungsorientierungen erscheinen angesichts sich wandelnder politischer Verhältnisse heute wichtiger denn je. Diese von Anfang an auszubilden, auszutauschen und Positionen argumentativ zu schärfen ist ein wichtiger Schwerpunkt universitär verankerter Praxisreflexionen.

Pädagogik als Beruf

Das Praktikum im Rahmen des Studiums eröffnet einen ersten – noch geschützten – Eindruck von der späteren beruflichen Realität. Fragen des Arbeitsrechts, der Arbeitszeitgestaltung oder auch nach innerbetrieblichen Hierarchiegefügen geraten für viele erstmals in den Blick genauso wie die Diversität der Träger und die Auswirkungen von weltanschaulich unterschiedlichen Leitbildern auf pädagogische Konzepte. Das Praktikum sollte also nicht nur in Bezug auf die wissenschaftliche Reflexionsfähigkeit als Lernfeld begriffen werden, sondern auch als eine Möglichkeit, sich mit der späteren Berufstätigkeit auseinanderzusetzen. Einzelkämpfer*innentum im Beruf lässt sich auch dadurch vermeiden, dass sich bereits Studierende als spätere Kolleg*innen „neu begegnen“ und in einen aktiven Austausch über notwendige Interessenvertretungen (betrieblich und gewerkschaftlich), Berufsverbände oder freie Netzwerke eintreten.

Universitäre Praxisreflexionen sind also viel mehr als Instrumente zur Steigerung von Beschäftigungsfähigkeit. Diese Perspektive gilt es immer wieder zu betonen und zu stärken- erst recht vor den sich abzeichnenden Hochschuldiskussionen um Employability.

Dr. Iris Männle und Wiebke Dierkes 

Dr. Iris Männle und Wiebke Dierkes sind wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Praktikumsbeauftragte am Institut für Erziehungswissenschaft der Philipps-Universität Marburg. 


Quellen

1 https://www.hrk-nexus.de/aktuelles/tagungsdokumentation/

https://www.stifterverband.org/ars-legendi-preis

https://www.hrk.de/presse/pressemitteilungen

4 https://www.hrk-nexus.de/07-02-Publikationen/Impuls_Praktika__2_.pdf

5 https://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/4925-15.pdf

6 https://www.hrk.de/HRK_PM_Mindestlohn_24062014.pdf

7 Vgl. Dörr, Margret/ Müller, Burkhard (2005): Emotionale Wahrnehmung und begriffene Angst. In: Schweppe, Cornelia/ Thole, Werner (Hg.) (2005): Sozialpädagogik als  forschende Disziplin. Weinheim/ München, S. 233-251

https://www.uni-marburg.de/fb21/erzwiss/studium/praktikum/dokumente/richtlinien.pdf