„Mit einem Wisch ist alles Weg“

Emotionale und kognitive Entwicklung im Kindesalter durch die neuen Medien

Eine Kurzfassung des folgenden Beitrags erschien in der HLZ 12-2020 (S. 26-27). Die folgende Langfassung erschien in der Zeitschrift für Montessori-Pädagogik II 2020. Die Veröffentlichung auf der Homepage der GEW Hessen erfolgt mit Genehmigung der Autorin und des Verlags.

Zusammenfassung: Im Folgenden wird die weit verbreitete Mediennutzung im Kindes- und Jugendalter und deren Auswirkungen für die emotionale und kognitive Entwicklung diskutiert. Insbesondere das Smartphone mit seinen verschiedenen Funktionen übt eine Sog- und Suchtwirkung auf Kinder und Jugendliche aus und hat die zunehmende Auflösung von gewachsenen Familienstrukturen beschleunigt. Der fragmentierte Alltag mit 100-fachen Unterbrechungen und Multitasking ist zur Normalität vieler Kinder geworden. Sowohl Eltern als auch Kinder sind absorbiert von der täglich mehrstündigen Mediennutzung und stellen diese oftmals automatisch über die analoge Begegnung. Die Nutzungsmöglichkeiten und Attraktionen der verschiedenen Anwendungen für Kinder und Jugendliche werden u. a. in Bezug auf ihren suchtartigen Charakter erörtert. Mithilfe neurobiologischer und entwicklungspsychologischer Erkenntnisse werden mögliche Langzeitwirkungen im Hinblick auf emotionale Reife und kognitive Entwicklungsrisiken evaluiert.

1 Aktuelle Entwicklung

Die Nutzung elektronischer Medien ist bei Kindern und Jugendlichen in den letzten Jahren exorbitant gestiegen. Zwischen vier und 10 Stunden täglich verbringen Kinder und Jugendliche an digitalen Geräten wie Smartphones, Tablets und PC (Hensinger 2019). Dieses große zeitliche Ausmaß wurde durch die Einführung des Smartphones und damit durch die räumlich und zeitlich unbegrenzte Internetnutzung möglich, die relativ unabhängig von der Kontrolle der Eltern und anderen Bezugspersonen stattfinden kann. Das Smartphone ist zum Objekt der Begierde von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen schlechthin geworden. Es bündelt bei vielen Kindern und Jugendlichen ihre zentrale Aufmerksamkeit und Kraft. Analoge Tätigkeiten und Freizeitaktivitäten sowie Hobbies werden mit dem Geschenk eines Smartphones im Kindesalter oftmals restlos ersetzt. Dabei wird seit Jahren von NeurobiologInnen, EntwicklungspsychologInnen und KinderärztInnen darauf aufmerksam gemacht, wie wichtig die Ausübung von „analogen Tätigkeiten“ wie Malen, Basteln, Werken, Ballspiele, freies Spiel mit anderen Kindern und Bewegung sowie das Erlernen eines Musikinstruments für die kognitive und emotionale Hirnentwicklung ist (Teuchert-Noodt 2019a u. b, Spitzer 2012,  Lankau 2017). Eine Tätigkeit immer wieder zu verfolgen, zu üben und darin gut zu sein erfordert Ausdauer, am Ball bleiben und einen langen Atem. Das Erlernen und Ausüben einer Tätigkeit bereitet schlicht und ergreifend Mühe und erfordert regelmäßiges Training und die bewusste Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper und Geist sowie den emotionalen und kognitiven Fähigkeiten.

Die Fantasieentwicklung sowie das kreative Tun fördern in vielfacher Hinsicht die kognitive und sozial-emotionale Entwicklung (Teuchert-Noodt 2019b). Die Nutzung des Smartphones unterscheidet sich stattdessen von der bewussten Pflege und Ausübung einer analogen Tätigkeit.

Die schnellen Klicks und Wischs machen scheinbar alles sofort möglich und verfügbar. Ein regelmäßiges oder gar jahrelanges körperlich-geistiges Training ist zur Nutzung und Anwendung nicht erforderlich.

Mädchen nutzen das Smartphone überwiegend für Messengerdienste wie  Whatsapp, soziale Netzwerke wie Instagram, Facebook oder Snapchat, das Anschauen von Filmen und Musikvideos, zum Beispiel auf Youtube, das Hören von Musik, zum Onlineshopping und zum geringeren Teil auch für Spiele.

Die Smartphonenutzung der Jungen ist überwiegend von Gaming geprägt, welches vor der Verbreitung der Smartphones nur zu Hause oder bei Freunden an der Spielkonsole möglich war. Spiele wie Fortnite etc.  haben einen starken Sogfaktor, um ins nächste Level zu kommen und teilweise mit mehr oder weniger bekannten Spielern gegeneinander anzutreten. Darüber hinaus nutzen die Jungen ihr Smartphone auch für  Filme,  Musikvideos (Youtube), Facebook, aber auch für Messengerdienste wie Whatsapp. Bei beiden Geschlechtern ist durch den erleichterten Zugriff zu pornografischen Inhalten das Schauen von Pornografie und die eigene Darstellung von Nacktbildern in den letzten Jahren enorm angestiegen (Lemma 2019). Das Smartphone hat eine enorme Sogwirkung für die große Mehrheit der Jugendlichen, was beträchtliche Folgen für die Beziehungen in Familie, Schule und Peergroup hat.

2Die Auflösung von familiären und gewachsenen sozialen Strukturen

Schon vor der Verbreitung von Smartphones in der Alltagswelt war eine Auflösung von Lebenswelten und -rhythmen in Familien und individuellen Biografien zu beobachten (Schier/Jurczyk 2007) Dies hat sich mit einem neuen Individualisierungsschub im Zuge der massenhaften Nutzung von Smartphones zunehmend verschärft und beschleunigt.

Dabei ist eine Auflösung jeglicher körperlicher und zeitlicher Rhythmen Kennzeichen für diesen neuen Schub der Individualisierung. Im Gegensatz zu gesellschaftlich und individuell erprobten Zeitrhythmen entsteht eine alltägliche „Taktung“, welche zeitlich und örtlich entgrenzt von den eigenen körperlichen Bedürfnissen und den zentralen Anforderungen des Alltags ist: Die erste Handlung am Morgen ist oft der Blick auf das Smartphone, wie auch der letzte Blick vor dem Schlafengehen den Tag beendet. Jede freie Minute wird genutzt, um in den sozialen Medien präsent zu sein, sich ein Video anzuschauen, Musik zu hören oder ins nächste Spiellevel zu kommen. Langeweile kann so nicht mehr aufkommen, die Dringlichkeit der Nachrichten und Posts hat vielmehr die Mehrheit der Aufgaben des Alltags überlagert. Durch den Beschleunigungsprozess in der „Hypermoderne“ (Aubert 2009) sind die Subjekte quasi dazu gezwungen, immer mehr Dinge in noch kürzerer Zeit zu erledigen. Jede/r ist jederzeit dazu aufgefordert, umgehend zu handeln und zu reagieren, wodurch die persönliche und psychische Identität angegriffen wird und sich Prioritäten kaum mehr setzen lassen (ebd.).

Die dadurch fehlenden Zeiten des Übergangs, des Nichtstuns oder der Langeweile verhindern oftmals die Entstehung von Kreativität, geschweige denn eine Reflexion und Verarbeitung der Ereignisse des Tages. Es fehlen schlechthin die Pausen im Alltag, und wichtige Tagesrhythmen wie Essenszeiten, Schlafen, Konzentrations- und Ruhephasen werden der alltäglichen Dringlichkeit zunehmend geopfert (Markowitz 2015, Aubert 2009). Die Beschleunigung des Alltags sowie die Optimierung der Lebensbiografie ist schon seit den 1990-er Jahren in das Leben der Einzelnen eingezogen (Rosa 2018, Aubert 2009). Dies erfolgte, nachdem Männer wie Frauen im Zuge des zweiten Individualisierungsschubes seit etwa den 1970er Jahren nachhaltig aus verbindlichen sozialen und kollektiven Bezügen herausgelöst wurden bzw. sich herauslösen konnten (Beck/ Beck-Gernsheim 1990).  Diese Herauslösung aus sozialen Bezügen durch  Individualisierung ist mit den Möglichkeiten der für jedes Individuum zugänglichen Mediennutzung in eine neue Phase eingetreten. Viele Erwachsene wie Jugendliche sind weitgehend absorbiert von den verschiedenen Funktionen des Smarthphones. Analoge Kontakte oder Telefonate werden als zunehmend anstrengend empfunden, während die Messengerdienste die ständige Erreichbarkeit und Verbundenheit gerade ohne körperliche Präsenz ermöglichen (Turkle 2019). Diese ständige digitale Verbundenheit hat Konsequenzen für die zeitlich weniger gelebten direkten Kontakte. So versuchen manche Eltern beispielsweise gerade Konflikte mit ihren jugendlichen Kindern vermehrt über Messenger-Dienste auszutragen, da die analoge Konfrontation als zu anstrengend empfunden wird (ebd.). Bereits kleine Kinder werden oftmals stundenlang dem Smartphone überlassen, da die Kinder auf diese Weise ruhiggestellt sind und anscheinend keine zwischenmenschliche Zuwendung und Beziehung benötigen. Die direkte Aufmerksamkeit der Erwachsenen für ihre Kinder und oder für ihre/n PartnerIn oder Freundschaften wird zunehmend der Aufmerksamkeit, die das Smartphone fordert, geopfert (Blikk-Medien-Studie 2016). Viele Eltern sind mit einer durchschnittlichen Nutzungsdauer zwischen drei und neun Stunden täglich keine Vorbilder geschweige denn physisch und psychisch anwesend Bezugspersonen für ihre Kinder (Spitzer 2018). Diese individuell mehrere Stunden am Tag dauernde Nutzung digitaler Geräte von Eltern und Kindern hat der Auflösung der Lebenswelten und sozialen Einbindungen innerhalb von wenigen Jahren enorm Vorschub geleistet. 

3 Die hynotische Sogwirkung des Smartphones

Es besteht durch das Smartphone jederzeit die Möglichkeit, dem tristen Alltag oder unangenehmen Situationen zu entfliehen: Kinder wie Erwachsene können sich von der realen Welt abschirmen und versuchen, inneren und äußeren Konflikten aus dem Weg zu gehen. Die permanente Smartphone Nutzung ist auch immer ein Versuch, innere Spannungen (und sei es nur Langeweile) abzubauen. Der Drang, ins nächste Level zu kommen oder verschiedene soziale Interaktionen (zum Beispiel auf Instagram, Facebook, Whatsapp)  zu realisieren, um dort die eigene Identität zu bestätigen, wird permanent angeregt.

Die Suche nach sozialer Anerkennung und Vorbildern für ihre Identität hat sich bei vielen Kindern und Jugendlichen überwiegend auf die sozialen Netzwerke und Youtube-Videos im Internet verlagert. Dabei wird Anerkennung zum Beispiel durch Verlgleiche, Likes, den Wettbewerb um das beste gepostete Foto gesucht. Likes oder Symbole wie Daumen runter, wenn Follower oder Freunde im Netz die Posts der Jugendlichen bewerten, entscheiden über die Stimmung und das Gefühl der Anerkennung und Zugehörigkeit der Jugendlichen (Altmeyer 2019). Das Internet ist zu einem zentralen Ort für die jugendliche Identitätsbildung geworden, wenngleich die virtuellen Vorbilder, Freunde und Gemeinschaften sehr fragil auf die Identitätsbildung in der Adoleszenz wirken. So kann die allzeit und mit einem Klick zugängliche Pornografie, deren Filme immer brutaler werden, ein Trigger sein für eine labile geschlechtliche Identität (Lemma 2019).

Das Smartphone ist ein wichtiges Mittel um dazuzugehören: Wenn die Mehrheit in der Klasse ein Smartphone besitzt, geschieht keine Verabredung mehr ohne Whatsapp; insgesamt finden aber deutlich weniger reale Verabredungen statt, da die NutzerInnen vermehrt online in Verbindung sind und dieses Gefühl der Verbundenheit analoge Verabredungen, freies Spiel und gemeinsame Unternehmungen verhindert.

Immer mehr Apps erhaschen unbewusst die Aufmerksamkeit der Kinder und Jugendlichen,  vor allem durch Likes, aber auch durch die Autoplayerfunktion bei Youtube (Rudolph 2019). So werden Kinder früh in ihren Interessen gelenkt und von der Ökonomie beeinflusst. Die digitale Vermarktung der Kindheit hat wiederum ihren Preis in den NutzerInnendaten, mit denen Profile erstellt, ausgewertet und an Firmen, Versicherungen etc. weitergeleitet werden (Lankau 2017).

4 Beeinträchtigung des Alltags durch das Smartphone:

Das Smartphone erzeugt ständige Unterbrechungen vom eigenen Tun und ermöglicht ständiges Multitasking. Multitasking überfordert aber das Gehirn und die Produktivität sinkt nachweislich (Smith 2015, Markowitz 2015). Im Schnitt schauten die erwachsenen NutzerInnen bereits im Jahr 2015 88 Mal, also alle 15- 18 Minuten auf ihr Smartphone. Dadurch wird sich niemals längere Zeit auf eine Sache konzentriert, was einen Flow-Zustand und eine tiefere Beschäftigung mit einer Sache verhindert (Markowitz 2015).  

Die Impulskontrolle wird durch die regelmäßige Nutzung eingeschränkt: ich wollte eigentlich was anderes tun oder im Internet etwas für die Schule nachschlagen, werde aber von den neuesten Youtubes, dann Whatsapp-Nachrichten etc. „geködert“ und surfe dann mehrere Stunden, ohne das zu tun, was ich eigentlich tun wollte (Rudolph 2019; Spitzer 2012).

Dabei wird das Verinnerlichen von Impuls- und Selbstkontrolle sowie das Erlernen von Triebverzicht im Dienste von Sublimierung und Kulturtechniken, welche die gesamte Kindheit- und Jugendzeit mühsam erlernt werden muss, verhindert (Spitzer 2012).

Informatiker wie Alexander Markowitz warnen vor dem Smartphone als „Glücksspielautomat“, welches regelmäßig das Belohnungssystem der NutzerInnen stimuliert, indem es wie bei einer Glücksspielsucht Dopamin freisetzt (Markowitz 2015).

Die Süchtigen handeln dann gegen sich selbst und ihren Körper, indem sie kein offline mehr genießen können und stundenlang getrieben weitersuchen nach dem nächsten Kick, der ins nächste Level befördert (zum Beispiel beim Spiel Fortnite). Auch die Messengerdienste und sozialen Netzwerke  fördern eine Sucht nach Anerkennung und erzeugen einen permanenten Antwortdruck. Bis zu mehrere hundert Mal am Tag lassen sich Kinder und Jugendliche unterbrechen und schauen nach, ob nicht ein neuer Like oder eine erhoffte Whatsapp-Nachricht aufblitzt (Spitzer 2018). Der Suchtprozess der Kinder und Jugendlichen wird häufig nicht bemerkt, da er schleichend verläuft und die mehrstündige Smartphonenutzung gesellschaftlich verbreitet und kaum thematisiert wird.

Selbst ein ausgeschaltetes Smartphone in der Hosentasche beeinträchtigt die Konzentrationsfähigkeit, weil das Denken daran ständig wie bei jedem anderen Suchtmittel freie Zeitgestaltung und innere Freiheit verhindert (Rudolph 2019).

5 Langfristige Folgen der exzessiven Smartphonenutzung in Kindheit und Jugend:

Langzeitfolgen für das späte Erwachsenenalter durch Smartphonenutzung in Kindheit und Jugend sind noch nicht erforscht, da erst seit weniger als einer Generation das Smartphone exzessiv genutzt wird. Aber schon für das Kinder- und Jugendalter lassen sich besorgniserregende Folgen und Auswirkungen feststellen:

  • Eine Zunahme an Aufmerksamkeitsstörungen, die durch die permanente Reizüberflutung, u. a. auch durch die Anforderung des in allen Altersstufen praktizierten Multitaskings (neben den Hausaufgaben schaue ich immer wieder drauf, beantworte Nachrichten etc.) (Wildermuth 20 o.J.; Smith 2015, Markowitz 2015)
  •  Die Zunahme von Depressionen und Selbstmordabsichten steigt international nachweislich mit einer täglich mehrstündigen Nutzungsdauer (Spitzer 2018).
  • Die Hemmung der Sprachentwicklung und die Verkürzung der Sprache durch virtuelle Kommunikation per Whatsapp und Facebook haben sich zunehmend verbreitet. Hingegen hat das Vorlesen und Lesen von Büchern in den letzten Jahren steil abgenommen, während die Zahl der NichtleserInnen unter Kindern stetig steigt (Hensinger 2019, 2017).
  • Die Schreib- und Lesekompetenz wird nur unzureichend ausgebildet, da sich die vertiefte Lesefähigkeit durch flüchtiges Wischen und Springen am Bildschirm nicht ausbilden kann. Eine vertiefte Lesefähigkeit entwickelt sich vor allem durch Lesen gedruckter Texte, d. h. durch die haptische und räumliche Verbindung mit den Seiten des Buches o.ä. gedrucktem Text (Kuzmicova/Schilhab 2019).  Das vorwiegend oberflächliche Lesen am Bildschirm beeinträchtigt auch das Abstraktes Denken sowie die Schriftsprachkompetenz, die ohne vertieftes Lesen nicht ausgebildet werden kann(Teuchert-Noodt 2019a, 2016).
  • Psychiater und Neurobiologen warnen mit eindrücklichen Studien seit Jahren nachdrücklich, dass die ‚Kognitive Funktionsreifung‘ des Gehirns durch die frühe und mehrstündige Nutzung in Schule und Freizeit in Gefahr ist (Teuchert-Noodt 2016, 2019a u. b; Wildermuth o.J.; Spitzer 2012, 2018).

Hingegen sorgen reale, analoge Erfahrungen in Zeit und Raum (Bewegung, Malen, Basteln, Zeichnen, Sprechen, Singen Malen, Schreiben mit Handschrift) dafür, dass sich bei Kindern die neuronalen Verschaltungen zum späteren abstrakten Denken ausbilden (Teuchert-Noodt 2016, 2019a u.b.).

Begrenzungen im Kindesalter (wie eine Stunde täglich ist erlaubt) sind schwer durchsetzbar, da sie durch die starke Anziehungskraft und den Suchtfaktor von den Kindern umgangen werden (Teuchert-Noodt 2019 b). Ein sinnvoller Umgang kann frühestens mit Eintritt der Pubertät erworben werden. Doch auch hier ist die Nutzung vonseiten der Eltern und Schule einzuschränken (Bleckmann 2018, Lankau 2017, Teuchert-Noodt 2016).

6 Fazit:

Die verschiedenen Optionen im Internet ködern die gesamte Aufmerksamkeit und lassen keinen Zeit- und Triebaufschub zu, da mit einem Klick alles sofort erreichbar erscheint und aufwändige Wege nicht nötig sind.  Triebaufschub, die Fähigkeit zu warten und sich etwas aus eigener Kraft je nach Alltagsanforderungen zu einem passenden Moment anzueignen ist aber eine zentrale Fähigkeit zur emotionalen und kognitiven Reifung, die die gesamte Kindheit über mühsam erworben werden muss. Dies kann nur innerhalb von sozialen Beziehungen und mithilfe von Vorbildern aus der Erwachsenenwelt geschehen.  Emotionale, soziale und entwicklungspsychologische Reifung  wie die Fähigkeit zum Alleinsein (Winnicott 1958)  können  durch die mühelose und unmittelbare Zugänglichkeit zu allen Informationen und Wünschen nicht hinreichend ausgebildet werden (Turkle 2019). Auch die Regulationsmöglichkeiten von Emotionen und Wünschen sowie die Fähigkeit zur Selbstkontrolle werden durch eine intensive Mediennutzung nicht hinreichend erworben (Spitzer 2012). Dabei haben Kinder und Jugendliche, die die Fähigkeit zur Selbstkontrolle ausgebildet haben, auch im Erwachsenenalter einen weitgehend resilienten Umgang gegenüber Stresssituationen und Reizüberflutung (Spitzer 2012). Umgekehrt besteht bei Menschen, denen eine ausgereifte Selbstkontrolle und ein stabiles Selbstbild fehlt, die Gefahr, dass sie sich von der Flut an Informationen und äußeren wie inneren Anforderungen, die auf sie medial wie analog einwirken, nicht abgrenzen können. Schon vielen Erwachsenen fehlt die innere Möglichkeit, eigene Prioritäten zu setzen, und sie geraten in das Hamsterrad der alltäglichen Dringlichkeiten (Aubert 2009). Je früher die Mediennutzung beginnt, umso weniger besteht die Gelegenheit, die zentralen sozial-emotionalen Entwicklungsschritte wie Empathie und Abgrenzung, ein stabiles Selbstbild, Selbstkontrolle sowie Triebaufschub und Gefühlsregulation zu erwerben.

Eltern und Erwachsene haben die wichtige Aufgabe, Vorbild zu sein und sollten das Smartphone in der Freizeit so wenig wie möglich nutzen (Teuchert-Noodt 2019a): Die Wiedereinführung und Nutzung eines Festnetzanschlusses zu Hause kann die sozialen Kontakte vernetzen, ein einfaches (Tasten-)Handy ohne Internetzugang für Kinder, die unterwegs sind, dient zum Telefonieren im Notfall.

Eltern sollten sich bereits in der Grundschule organisieren, durch Vereinbarungen, dass ihre Kinder frühestens mit der Pubertät ein Handy bekommen. Nur so kann dem Gruppenzwang in der Klasse und dem Gefühl des Ausgeschlossen seins, wenn alle Kontakte über die sozialen Netzwerke und Messenger Dienste laufen und die Mehrheit ein Smartphone besitzt, zumindest bis zu einem gewissen Alter in der Pubertät entgangen werden.

Die Schule sollte den Umgang mit digitalen Medien und die digitalen Lerntechniken systematisch erst in der Unter- und Mittelstufe einführen und dann immer auch die Technikfolgeabschätzungen ausführlich thematisieren (Hübner 2019, Lankau 2017).  Die Medienerziehung in der Schule konzentriert sich insbesondere in der Unterstufe auf die Möglichkeiten der Text- und Grafikdarstellung z. B. von Schülerzeitungen, das Drehen und Schneiden von Filmen und die Recherchemöglichkeiten im Internet. Zudem sollten die Gefahren im Netz immer wieder thematisiert werden.

Es ist davon auszugehen, dass die exzessive Smartphone-Nutzung und damit das Suchtverhalten keine jugendspezifische Phase ist, sondern von den heutigen Kindern und Jugendlichen vielmehr im Erwachsenenalter fortgeführt wird. Dies hat Folgen für die nachfolgende Generation, da heutige und zukünftige Eltern zunehmend mit digitalen Endgeräten im Alltag beschäftigt sind und ihre Aufmerksamkeit den Kindern in ihren zentralen Entwicklungsjahren vorenthalten wird. Die umfassende Digitalisierung des Alltags macht die Abwicklung verschiedenster Transaktionen und Kontakte auch im Erwachsenenalter scheinbar notwendig. „Wir hängen an der digitalen Leine, 24 Stunden am Tag“ (Lankau 2017). Die Freiheit, sich zu entscheiden, wie lange man digitale Geräte für bestimmte Dinge nutzt, sollte aufgrund der beschriebenen Suchtentwicklung ein Ziel in der Medienerziehung sein, denn sie nimmt durch die voranschreitende digitale Kolonisierung der Lebenswelt zunehmend ab.

Eine Erziehung zur Medienmündigkeit wie die Professorin für Medienpädagogik Paula Bleckmann (2018) es formuliert, ist mehr denn je gefordert. Dies beinhaltet ein Bewusstsein über die Vorgänge, wie es zu einer Sucht kommt, d. h. entwicklungspsychologische Erkenntnisse, welche erst mit Abschluss einer sozial-emotionalen Entwicklung im Erwachsenenalter erworben werden können. Idealerweise erwerben die Jugendlichen und jungen Erwachsenen eine innere Möglichkeit, sich selbst frei von Suchtverhalten und sozialer Sogwirkung entscheiden zu können, wann und für was sie das Internet und das jeweilige Medium nutzen, ohne von äußeren und inneren Zwängen gelenkt zu werden. Schließlich dürfen zentrale seelische Entwicklungen wie Empathiefähigkeit, emotionale Reife und individuelle Urteilskraft zukünftig nicht der Vergangenheit angehören.

Dr. Christine Bär

Justus-Liebig-Universität Gießen, Institut für Erziehungswissenschaft


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