Gesundheit ist unverhandelbar

Kommentar von Korhan Ekinci, Vorsitzender des Landeselternbeirats

Aus: HLZ 9-10/2020

Die aktuelle Pandemie hat überall auf der Welt zu einer Ausnahmesituation geführt, von der alle in irgendeiner Weise betroffen sind. Mit Blick auf die Eltern muss man feststellen, dass die meisten Familien an ihre Grenzen und darüber hinaus gekommen sind. Die plötzliche Ankündigung, die Schulen kurzfristig zu schließen, hat viele unvorbereitet getroffen. Dabei war für Eltern nicht nur die Organisation von Betreuung und die Umstellung im Beruf eine große Herausforderung, sondern auch die Unterstützung bei den freiwilligen Lernangeboten zu Hause. Für großes Unverständnis sorgte die Tatsache, dass die Spielregeln für das Homelearning eigentlich bereits rechtlich geregelt waren, dass die Verwaltung es jedoch verpasste, den Pädagoginnen und Pädagogen vor Ort diese zu vermitteln. Oft waren es die Elternvertretungen in ganz Hessen, die zwischen Eltern, Lehrkräften und Schulleitungen vermitteln mussten, wenn es beispielsweise um die unzulässige Benotung von Leistungen aus dem Homelearning und aus freiwilligen Lernangeboten ging.

Zur Bewältigung dieses historischen Ereignisses braucht man eine gute Führung, die informiert, teilhaben lässt und koordiniert. Die Rückkehr zum Regelunterricht nach den Sommerferien führt bei den Eltern zu unterschiedlichen Reaktionen. Einerseits gibt es sehr besorgte Eltern, die Angst um die Gesundheit ihrer Kinder haben. Sie befürchten, dass keine ausreichende Hygiene eingehalten werden kann, weil Personal fehlt und die Ausstattung nicht überall ausreicht. Wir erinnern uns alle an die Diskussionen über die Prüfungen, über die partiellen Öffnungen nach den Osterferien und insbesondere über die Rückkehr der Grundschulen zum Regelbetrieb am Ende des Schuljahres. Auf der anderen Seite setzen viele Eltern große Hoffnungen in die Rückkehr der Schulen zum Regelunterricht, dass die Kinder wieder ordentlich unterrichtet werden können, wieder in ihr schulisches und soziales Umfeld kommen, in den direkten Austausch mit den Lehrkräften treten können und dass zu Hause wieder Normalität einkehren kann, soweit dies vor dem Ende der Pandemie überhaupt möglich ist.

Befürworter und Gegner der Wiederaufnahme des Schulbetriebs argumentieren leidenschaftlich. Doch beide Gruppen verbindet ein wichtiges Anliegen: Die Gesundheit der Kinder ist unverhandelbar. Dabei findet die geistige Gesundheit meist zu wenig Beachtung, obwohl Homelearning, Prüfungen, Stress im Beruf der Eltern und die Ungewissheit über Abschluss und Ausbildung bei vielen Schülerinnen und Schülern ihre Spuren hinterlassen. Der Beginn des Regelunterrichts wird von vielen als „erlösend“ wahrgenommen.

Derzeit kann niemand vorhersehen, wie sich das Infektionsgeschehen entwickeln wird. Es ist wichtig, dass politische Entscheidungsträger auf die Praktiker vor Ort hören. Die Lehrkräfte wissen, was sie brauchen, um den Unterricht zu gestalten. Es muss für ausreichend Ausstattung vor Ort gesorgt werden, unkompliziert und unbürokratisch. Schulleitungen kennen ihre Schulen besser als jeder Landespolitiker. Sie müssen vollumfänglich in alle Entscheidungen einbezogen werden und die Möglichkeit haben, zu sagen: „Wir machen das an unserer Schule anders.“ Dass schon vor der Pandemie Lehrkräfte gefehlt haben, erschwert gerade jetzt einen geregelten Unterricht. Nicht zuletzt müssen auch die Eltern Mitsprache haben! Sie kennen den Schulweg, die Kinder vertrauen sich ihnen an und viele sind leidenschaftlich bereit, mitzuwirken und mit ihrem Knowhow zu helfen.

Seit März wurden viele Erfahrungen gesammelt. Daher ist die Hoffnung groß, dass die Rückkehr zum Regelunterricht klappt, denn wir können nicht warten, bis es einen Impfstoff geben wird. Doch eine Forderung muss mit der Öffnung der Schulen verbunden werden: Sobald absehbar wird, dass die gesundheitliche Gefährdung höher ist, als vorhersehbar war, müssen alle Beteiligten auch mutig genug sein, um wieder einen Schritt zurück zu gehen.