England Gewerkschaften gegen unsichere Schulöffnungen

Corona international

HLZ 9-10/2020: Schuljahr beginnt - Corona bleibt

Die Frage, wie sich das Lernen in der Krise im „Notfallmodus“ organisieren lässt und wie Schulen wieder geöffnet werden können, ist ein zentrales Thema für alle Bildungsgewerkschaften weltweit. Die Corona-Krise zeichnet sich durch eine hohe Ungleichzeitigkeit aus: Manche Länder sind stärker betroffen, Schulschließungen und -öffnungen finden zeitversetzt statt. In Israel, das die Schulen sehr früh wieder öffnete, mussten viele bereits nach zwei Wochen erneut geschlossen werden. Der enge internationale Austausch der Bildungsgewerkschaften ist wichtig und bietet die Möglichkeit, von den Erfahrungen anderer zu lernen. 

Carmen Ludwig steht als Referentin für Internationales beim GEW-Hauptvorstand mit vielen Bildungsgewerkschaften im Kontakt. Sie stellt beispielhaft die Aktivitäten der National Education Union (NEU) vor, der größten britischen Bildungsgewerkschaft, die Mitglieder und Öffentlichkeit mobilisierte, um Sicherheit und Gesundheitsschutz an Schulen durchzusetzen. Seit Beginn der Corona-Krise konnte die NEU 20.000 neue Mitglieder gewinnen und die gewerkschaftliche Präsenz vor allem an Grundschulen ausbauen. Vor ihrem Wechsel zum GEW-Hauptvorstand war Carmen Ludwig in unterschiedlichen Funktionen für die GEW Hessen tätig, zuletzt als Geschäftsführerin von lea.

Auf Konfrontationskurs

Die NEU befindet sich nicht erst seit Beginn der Corona-Pandemie auf Konfrontationskurs mit der Regierung von Premierminister Boris Johnson. Trotz hoher Infektions- und Todeszahlen konnte diese nur durch Druck dazu bewegt werden, die Schulen auf der Insel am 20. März zu schließen. Als die Regierung für den 1. Juni die erneute Öffnung der Schulen für Kinder der Vorschulklassen, der ersten und sechsten Grundschulklassen ankündigte, setzten viele Schulleitungen, Lehrkräfte und Eltern die Empfehlungen der Regierung zur Schulöffnung zunächst nicht um, insbesondere in Gegenden mit hoher Erkrankungsrate. Nur etwa ein Drittel der Schulen wurde geöffnet. Weniger als die Hälfte der Eltern schickte ihre Kinder zurück in den Unterricht. 

Die NEU verlangte von der Regierung, die Sicherheit und den Gesundheitsschutz an den Schulen zu erhöhen. Dazu hatte sie fünf Forderungen für sichere Schulöffnungen aufgestellt: niedrigere Fallzahlen, die Gewährleistung der Abstandsregeln, Tests zur Kontrolle, Sicherheitsmaßnahmen bei auftretenden Infektionen und die Gewährleistung des Schutzes besonders gefährdeter Beschäftigter. Eine entsprechende Petition der Gewerkschaft wurde von mehr als 500.000 Menschen unterzeichnet. Kevin Courtney, Co-Generalsekretär der NEU, begründete das Vorgehen der Gewerkschaft:

„Unsere Gewerkschaft ist nicht dagegen, die Schulen wieder zu öffnen. Aber es muss langsam geschehen und es braucht ein klares Konzept, um die Sicherheit der Kinder und Beschäftigten zu gewährleisten. Wir wissen nicht, wie sich die Schul­öffnung auf die Übertragungsraten auswirkt. Auch führende Wissenschaftler wie Sir David James King, der ehemalige Chefberater der Regierung, haben immer wieder vor einer zu frühen Öffnung der Schulen gewarnt.“

Von der gewerkschaftsfeindlichen britischen Presse wurde die Gewerkschaft – so Courtney – dafür heftig attackiert:

„Die Boulevardpresse bekämpfte uns, aber wir erfahren auch viel Unterstützung aus der Bevölkerung.“

Eine von der NEU entwickelte App für den Arbeits- und Gesundheitscheck wurde von den Mitgliedern gut angenommen. Die Online-Checkliste kann als pdf-Formular ausgedruckt und der Schulleitung zur Dokumentation von Mängeln vorgelegt werden. Die NEU erfasst die Daten auch zentral und kann so sehen, inwiefern die Schulen bereit für eine Öffnung sind. 

Bildungsungleichheit nimmt zu

Mit gemischten Gefühlen registrierte Courtney das plötzliche Interesse von Regierungsmitgliedern an dem Wohl von Kindern benachteiligter Familien, denn sie nutzen diese Sorge vor allem „als Argument für eine schnelle Öffnung der Schulen, ohne wirklich etwas für die Kinder zu tun“. Ellie Sharp, aktives Mitglied der NEU und Grundschullehrerin in London, berichtet, dass 30 Prozent der Kinder in den Schulen in England von Armut betroffen sind. Für sozial benachteiligte Kinder gibt es ein kostenloses Schulessen, das in der Krisensituation wegfällt. Nach langem Warten erhielten deren Eltern einen Gutschein im Wert von 15 Pfund pro Woche für den Einkauf von Lebensmitteln. Auf Druck der Gewerkschaften und der Öffentlichkeit beschloss die Regierung am 16. Juni, auch während der Sommerferien Essensgutscheine an bedürftige Kinder auszugeben. 

Allen Kindern sollte der Zugang zu Internet, Tablets oder Laptops ermöglicht werden, um die digitale Kluft zu verringern. Von der Regierung wurde dies bislang jedoch nur Schülerinnen und Schülern der Abschlussklassen zugesichert. Die NEU fordert, auch die Bedeutung von Büchern nicht zu vergessen, und plant eine Kampagne, damit Onlineversandhändler, die durch die Krise viel Geld verdient haben, kostenlos Kinderbücher für sozial benachteiligte Kinder bereitstellen. 

Das englische Bildungssystem ist sehr kompetitiv, was ebenfalls Bildungsungleichheit befördert. Die NEU begrüßt, dass in der Krise die Abschlussprüfungen ausgesetzt wurden und die Qualifikationsbehörde auf Vorschlag der Lehrkraft die Noten festlegt. Courtney kritisierte in diesem Kontext, dass die Bewertung einem Ranking folgen soll, in dem die Verteilung der Noten prozentual festgelegt wird: 

„Es spielt so keine Rolle, ob sich Schülerinnen und Schüler insgesamt verbessern, denn ein bestimmter Prozentsatz würde trotzdem schlechte Noten erhalten.“

Auch die regionalen Ranglisten sind ein Abbild der sozioökonomischen Struktur. Courtney widerspricht dem Versuch, die Lehrkräfte für das schlechte Abschneiden einer Schule verantwortlich zu machen: 

„Lehrkräfte verbringen viel zu viel Zeit damit, den Lernerfolg, nach dem sie beurteilt werden, zu dokumentieren, anstatt sich auf den Unterricht zu konzentrieren. Um das zu ändern, brauchen wir kleinere Klassen und ausreichend Zeit für die Vorbereitung des Unterrichts.“

Im Zusammenhang mit der Größe von Lerngruppen, die die Beachtung der Abstandsregeln möglich macht, veröffentlichte die NEU eine Studie, wonach 13,4 Prozent aller Schülerinnen und Schüler in den Primary und Secondary Schools eine Klasse mit mehr als 31 Kindern und Jugendlichen besuchen: „Das betrifft fast eine Million Kinder – eine schockierende Zahl.“

Politisierung durch die Pandemie

Die Auseinandersetzung mit der Regierung hat die Lehrkräfte landesweit mobilisiert. Die NEU wandte sich mit Videobotschaften an ihre Mitglieder, die einen Nerv trafen. Sie wurden so oft angesehen, dass es eines der Videos in die Top Ten der britischen Charts schaffte. Die Vorsitzenden der NEU Kevin Courtney and Mary Bousted drängten Premierminister Johnson im März, dem Beispiel anderer europäischer Länder zu folgen und die Schulen zu schließen. Lehrkräften, die Risikogruppen angehören, bot die NEU Unterstützung an, wenn sie der Schule fernblieben. 

Auch während der Schulschließungen beschritt die Gewerkschaft neue Wege, um mit ihren Mitgliedern im Kontakt zu bleiben. Sie startete als „Call Hub“ eine breit angelegte Telefonaktion. Die als „Reps“ bezeichneten gewerkschaftlichen Vertrauensleute wurden in mehr als 3.000 Telefongesprächen zur Situation an ihrer Schule befragt. So blieb die NEU im Kontakt mit den Vertrauensleuten und erhielt einen guten Überblick über die Situation an den Schulen. Groß angelegte „Townhall Calls“ dienten dazu, tausende Mitglieder zu informieren und ihre Fragen zu beantworten. Diese Telefonkonferenzen wurden mittlerweile von Videokonferenzen abgelöst. In der Spitze nahmen an einer Videokonferenz im Mai 20.000 Mitglieder teil. Das war das Ergebnis eines Ausbaus der Beteiligung, die durch kontinuierliche Follow-Up-Aktivitäten gesteigert wurde.

Dabei spielt auch die Gewinnung neuer Vertrauensleute an den Schulen eine wichtige Rolle, wie Cortney berichtete:

„Wir haben mit den sogenannten COVID-19-Reps eine neue, niedrigschwellige Möglichkeit des Engagements an den Schulen eröffnet. 2.000 neue Reps konnten so gewonnen werden, die an ihrer Schule oder Bildungseinrichtung für die Gewerkschaft aktiv geworden sind. In den letzten Jahren hat leider die Zahl der Kolleginnen und Kollegen abgenommen, die bereit sind, sich als Reps an den Schulen wählen zu lassen, insbesondere an den meist kleineren Grundschulen. Umso mehr hat uns gefreut, dass die neuen COVID-19-Reps vor allem aus den Grundschulen kommen.“

Die NEU ist erst 2017 durch den Zusammenschluss von zwei Bildungsgewerkschaften entstanden und hat mehr als 450.000 Mitglieder. Ellie Sharp ist überzeugt, dass die NEU gestärkt aus der Krise hervorgeht:

„Die Pandemie hat die Lehrkräfte massenhaft politisiert. Wir müssen diese Kraft nutzen, um jetzt auch für Verbesserungen im Bildungssystem zu streiten.“ 

Für den Erfolg der NEU kamen sicher mehrere Faktoren zusammen: Mit Premierminister Johnson, der die Gefahr durch Corona lange ignorierte, hatte die NEU einen klaren Gegner. Die Verunsicherung im Land war groß, die Lehrkräfte sahen sich in der Verantwortung, die Schülerinnen und Schüler und sich selbst zu schützen, und erhielten dafür viel öffentliche Unterstützung. Es ist sicher nicht übertrieben, wenn die Generalsekretäre hervorheben, dass das Handeln der Lehrkräfte Leben gerettet hat. Hinzu kam, dass die NEU bereits im Mobilisierungsmodus war, weil sie zuvor gegen Kürzungen im Schulsystem protestiert hatte. Für Ellie Sharp ist aber auch wichtig, dass die NEU bereit ist, neue Wege zu gehen und neue Ansätze auszuprobieren:

„Es ist wichtig, stetig mit den Kolleginnen und Kollegen an den Schulen zu sprechen, im Kontakt zu bleiben. Ich habe gelernt, dass es auf die Kommunikation ankommt und dass die neuen Kommunikationstechnologien die Beteiligung erhöhen können.“ 

Carmen Ludwig 


Carmen Ludwig ist Referentin für Internationales beim GEW-Hauptvorstand.