Ein sicherer Hafen

Online-Unterricht für Kinder beruflich Reisender nicht nur in Corona-Zeiten

HLZ 9-10/2020: Schuljahr beginnt - Corona bleibt

Das hessische Bildungsangebot für beruflich reisende Familien bietet Unterricht für mitreisende Kinder in Lernmobilen am Standort der elterlichen Unternehmen auf den Festplätzen oder über den Bildschirm. Aufsuchende Pädagogik mit fahrenden Klassenzimmern der Schule für Kinder beruflich Reisender (SfKbR) in der Trägerschaft des Evangelischen Vereins für Innere Mission in Nassau (EVIM) ermöglicht flexibles Lernen offline oder online, je nachdem, wo Eltern mit ihren fahrenden Unternehmen unterwegs sind. Anders als ihre Eltern zur eigenen Schulzeit müssen mitreisende Kinder in Hessen zum Lernen nicht nach wenigen Tagen an einem Ort ihre Schule wechseln. Sie haben in der für sie aufgebauten mobilen Schule „ihre“ Lehrer und Lehrerinnen wie andere nichtreisende Kinder auch. Diese Lernbegleiter sind für sie sowie für ihren Lernfortschritt die bedeutenden Bezugspersonen. Kontinuität in der Beziehung ist eine der wichtigsten Grundlagen zum Lernen und für den Lernerfolg. 

Kinder von Schaustellern, Circusunternehmen oder Puppenspielern besuchten früher bis zu 30 verschiedene Schulen in einem Jahr. Kaum hatten sie sich in einer Schule eingefunden, mussten sie diese wieder verlassen, wechselnde Bezugspersonen machten eine schulische Integration und somit auch ihren Schulerfolg schwer oder unmöglich. Die Erwachsenen, die dies als Kinder erlebt haben, sind jetzt stolz auf ihre Kinder, die die SfKbR besuchen und dort den Haupt- oder Realschulabschluss erreichen können. 2019 hat die erste Schülerin über diese Schule ihr Abitur erreicht. Dieses Jahr zu Zeiten von Corona läuft Unterricht nur noch online und alle Abschlüsse sollen erstmals online gemeistert werden.

Die Schule für Kinder beruflich Reisender in Wiesbaden hat in den letzten zehn Jahren vorgesorgt – eigentlich nicht für eine Corona-Krisensituation, sondern damit Eltern auch bei länder­übergreifenden Geschäftsreisen mit ihren Kindern in Verbindung bleiben können, die Kontinuität der individuellen Lernbegleitung garantiert werden kann und stabile Lernstrukturen die Kontinuität des „Stoffs“ ermöglichen. Die SfKbR hat sich auf die individuellen Bedürfnisse der mitreisenden Kinder eingestellt und genießt das Vertrauen der Familien und ihrer Kinder. 

Corona: Die Festplätze sind leer

Alle Festplätze bleiben derzeit leer. Das hat für nahezu alle reisenden Familien dramatische, existenzielle Folgen: Wie wird sich diese Berufsgruppe der reisenden Unternehmen nach der Krise neu aufstellen? Wie viele werden ihre Unternehmen weiterführen und wenn ja, in welcher Weise? In dieser Krise ist die SfKbR ein verlässlicher Hafen. Die Kinder beruflich Reisender kommen in ihrem Stoff weiter und stehen nicht wie andere vor verschlossenen Schultüren. Sie bekommen eine Ausbildung, die angesichts der drohenden Existenzvernichtung ihrer elterlichen Unternehmen einen unschätzbaren Wert darstellt. 

Parallel zum Unterricht nach dem Konzept der aufsuchenden Pädagogik in Bildungsmobilen hat das Kollegium der SfKbR den Onlineunterricht als zweite Säule eines mobilen, flexiblen Unterrichts entwickelt: „Wenn die Schule weg ist, ist sie über das Online-System und die vertrauten Gesichter wieder da“. Dieses Motto des Schulkonzepts kommt jetzt ganz neu zum Tragen.

Aufbauend auf diese Erfahrungen mit Online-Unterricht war es den Lehrkräften binnen weniger Tage möglich, mehr als 80 Kinder dort zu unterrichten, wo sie beim Lockdown mit ihren Familienunternehmen stehenbleiben mussten. Alle Kinder und Jugendlichen sind schulisch versorgt und können via Laptop oder Tablet mit ihren Lehrkräften jederzeit in Kontakt treten. Punktuell fahren die Lehrkräfte einzelne Circusbetriebe an und beraten unter Einhaltung der aktuell geltenden Hygienevorschriften auf Distanz, um aufgetretene Probleme zu lösen.

Der Unterrichtsstoff wird durch Lehrkräfte analog oder digital an die verschiedenen Standorte der reisenden Familien verschickt. Diese Aufgabensammlungen und die vorbereiteten Lernpakete werden fortlaufend von den Schülerinnen und Schülern bearbeitet, durch die Lehrkräfte nach der Bearbeitung ausgewertet, direkt mit den Lernenden besprochen, aktualisiert und ergänzt. Zusätzlich zum analogen Unterrichtsangebot nutzt die SfKbR für den digitalen Unterricht eine Lernplattform und ein Video-Konferenzmodul. Durch den lizenzierten Zugang in beide Systeme wird ein sicherer, verlässlicher Online-Unterricht für alle Kinder gewährleistet.