Bewegungsangebote für alle!

Hygienekonzepte für den Sportunterricht entwickeln

HLZ 9-10/2020: Schuljahr beginnt - Corona bleibt

Auch Kultusministerinnen und Kultusminister können nicht zaubern oder hellsehen. Auch Pädagoginnen und Pädagogen in Schulen und Kitas hoffen, dass die Entwicklung des Pandemiegeschehens eine Rückkehr zum Regelbetrieb bald wieder zulässt. Wir sind jedoch erbost darüber, dass auch der hessische Kultusminister die Schulen ohne einen „Plan B“ in das neue Schuljahr steuert. Stattdessen präsentiert er einen Hygieneplan, der sowohl auf Abstandsregeln als auch auf feste Lerngruppen verzichtet und die Frage der Maskenpflicht zunächst den Schulleitungen übertrug. Maike Wiedwald ist – im Team mit Birgit Koch – Landesvorsitzende der GEW Hessen und mit der Hälfte ihrer Stelle als Lehrerin für Sport und Biologie an der Carl-von-Weinberg-Schule in Frankfurt-Goldstein und ehrenamtlich als Vereinssporttrainerin tätig. Sie skizziert am Beispiel des Sportunterrichts, wie man Schutzmaßnahmen, Präsenzangebote und Videokonferenzen sinnvoll verbinden kann. 

Seit Mitte März gab es an hessischen Schulen keinen Sportunterricht mehr. Ausgenommen waren die Vorbereitungen für die sportpraktischen Abiturprüfungen, die unter klaren Auflagen stattfanden. Erst mit dem Hygieneplan 4.0 vom 24. Juli hat die Landesregierung festgelegt, dass auch „Sportunterricht, außerunterrichtliche Sportangebote sowie Bewegungsangebote in allen Schulformen und in allen Jahrgangsstufen unter Einhaltung von bestimmten Schutzmaßnahmen stattfinden können“ (1). Doch was heißt das jetzt genau? 

Bewegung ist für alle wichtig

Sport stärkt die Gesundheit, auch für den Fall einer möglichen Infektion mit dem SARS-CoV-2-Erreger. Der Sportarzt und ehemalige Professor für Sportmedizin an der Uni Hamburg Michael Braumann ist davon überzeugt,

„dass offensichtlich der Krankheitsverlauf bei Menschen mit guter körperlicher Fitness deutlich milder beobachtet werden kann als bei weniger fitten Menschen. Und im Gegenteil, dass offensichtlich eine besonders schlechte körperliche Fitness, die mit massivem Übergewicht einhergeht, ein besonders hohes Risiko darstellt.“ (2)

Wir sollten also alle Bewegung – vor allem an der frischen Luft – in unseren Alltag integrieren. Das passiert aber häufig nicht oder viel zu wenig. Bereits vor der Corona-Pandemie stellten nicht nur die Unfallkassen besorgt fest, dass die „Zahl der Schüler und vor allem der Schülerinnen, die auf der Bank sitzen“, im Sportunterricht wieder zunimmt (3). Die Ursachen sind sicherlich vielfältig. Die Chance im verpflichtenden Sportunterricht, alle Kinder und Jugendlichen in Bewegung zu bringen und sie für ein lebenslanges Sporttreiben zu motivieren, verdeutlicht die besondere pädagogische Bedeutung des Sportunterrichts. Doch genau deswegen kommt es auf die konkreten Bedingungen an, unter denen der Sportunterricht ablaufen soll. Und hier stellen sich zumindest mir noch viele Fragen, die in den Hygieneplänen der Landesregierung nicht einmal benannt, geschweige denn beantwortet werden (4). 

Hygieneplan: Lückenhaft und wenig konkret 

In der Anlage 2 zum Hygieneplan ist geregelt, dass „im geregelten Klassen- oder Kurssystem der Schule“ alle Sportarten und das Schwimmen möglich sind. Lediglich das Inhaltsfeld „Mit und gegen den Partner kämpfen – Ringen und Raufen“ darf im Moment nicht praktisch im Sportunterricht durchgeführt werden. Auch Sportspiele mit Körperkontakt wie Handball, Fußball, Basketball oder auch der Paartanz dürfen nach dem Hygieneplan 5.0 vom 12. August 2020 wieder praktiziert werden. 

Instruktiv ist hier ein Blick in die weit vorsichtigeren Vorgaben für den Sportunterricht in Niedersachsen, wo auch Akrobatik, Wasserball oder Paartanz untersagt sind. Der Hygieneplan enthält nicht nur für den Sportunterricht einen „Plan B“ für den Fall wieder steigender Infektionszahlen: Vorgesehen sind dann eine Rückkehr zum Abstandsgebot, verkleinerte Lerngruppen und Einschränkungen bei den Sportarten. Dann wären auch wieder alle Bewegungen mit Berührungen und Kontakte untersagt sowie Zweikämpfe in den Spielsportarten.  

Wo soll der Sportunterricht stattfinden?

Zurück nach Hessen: Auch außerunterrichtliche Sportangebote in festen Lern- und Trainingsgruppen wie AGs, Talentaufbaugruppen an Grundschulen einschließlich fester schulübergreifender Gruppen dürfen wieder stattfinden. Vorgeschrieben ist lediglich, dass die Teilnahme am jeweiligen Angebot dokumentiert wird, dass jeder Gruppe innerhalb der Sportstätte ein festgelegter Bereich zugewiesen wird und dass sich Gruppen nicht mischen dürfen. Gruppen aus einer Klasse dürfen also im Sportunterricht kein Fußballspiel gegen Gruppen einer anderen Klasse machen. Gleichzeitig dürfen aber schulinterne Wettkämpfe stattfinden. Das ist zumindest für mich ein eindeutiger Widerspruch. Hilfestellungen für Kolleginnen und Kollegen, welche Angebote denn nun sinnvoll seien, werden im Hygieneplan nicht gegeben. Der Deutsche Sportlehrerverband (DSLV) hingegen hat in einem Positionspapier Vorschläge gemacht, wie Unterricht auf dem Sportplatz, der Laufbahn, im Park, auf dem Schulhof und weiteren Bewegungsräumen aussehen könnte: Laufen, Springen, Werfen. Leichtathletik, der Erwerb des Sportabzeichens, aber auch Badminton, Speedminton, Inlineskaten, Radfahren oder kontaktlose Spiele ohne Partner und Gegnereinwirkung sind dort genannt. Einen solchen Sportunterricht kann man auch mit Abstand durchführen, was ich nach wie vor für wichtig halte.

Alle der Schule zugewiesenen Sportstätten dürfen für den Sportunterricht genutzt werden. Angebote im Freien sollen aufgrund des permanenten Luftaustausches bevorzugt werden. Viele Schulen haben keinen schulnahen Sportplatz zur Verfügung. Ob Sportunterricht zum Beispiel als Ausdauertraining im Bereich Laufen an anderen Orten im Freien durchgeführt werden darf, zum Beispiel in nahegelegenen Parks oder im Wald, wird leider nicht erwähnt. Sinnvoll wäre dies. Die Umkleidekabinen sollen nach Benutzung gründlich gelüftet werden und Begegnungen von Gruppen im oder vor dem Umkleidebereich sollen ebenso wie Warteschlangen beim Zutritt zur Sportstätte vermieden werden. In Anbetracht des Zustandes und der Enge in vielen Sporthallen dürften viele dieser Forderungen nicht so leicht umzusetzen sein. Viele Sporthallen haben Umkleideräume ohne Fenster oder mit Fenstern, die sich nicht öffnen lassen. Gleichzeitig gibt es nur einen Ein- und Ausgang. 

Der Aufenthalt in den Umkleidekabinen soll nur kurz stattfinden und ein Mund-Nase-Schutz getragen werden. Für die Nutzung gemeinsamer Geräte betont die Anlage zum Hygieneplan die Bedeutung der allgemeinen Hygieneregeln. Das ist absolut sinnvoll. Doch was heißt das für die Praxis? Müssen die Geräte mit Seifenlösung abgewischt werden? Desinfektionsmittel lösen bei Matten und anderen Geräten teilweise Stoffe auf. Müssen benutzte Bälle, Speere oder Seile vor und nach dem Unterricht desinfiziert werden? Das kostet Zeit. Die Frage, wer das wie machen soll, wird nicht beantwortet.  

Schulleitung und Sportfachkonferenz sind gefragt

Ich halte es für notwendig, in der Schule so viele Bewegungsangebote durchzuführen, wie es der Gesundheitsschutz für alle Beteiligten zulässt. Die Regelungen des Hygieneplans lassen sich jedoch mit den Bedingungen vor Ort an den meisten Schulen nicht so einfach in Einklang bringen. Konkrete Hilfestellungen für Kolleginnen und Kollegen und Schulleitungen werden im Hygieneplan nicht gegeben und mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet. Es ist auf jeden Fall sinnvoll, dass sich Schulleitungen und Sportfachkonferenzen abstimmen und weitere Maßnahmen beschließen. Diese Möglichkeit wird explizit im aktuellen Hygieneplan eingeräumt. Inhaltlich geregelt werden könnte, dass nur bestimmte Sportarten oder bestimmte Bereiche von Sportarten im Unterricht durchgeführt werden. Auch die Festlegung auf einen Sportunterricht mit Abstand oder in kleineren Gruppen gehört aus meiner Sicht in diese „weiteren Maßnahmen“ hinein. Eltern, Schülerinnen und Schüler, Kolleginnen und Kollegen aus dem Ganztag und die Sportvereine und Einrichtungen, mit denen die Schule kooperiert, müssen in diese Debatte einbezogen werden. Auch wenn der Sportunterricht dann vielleicht nicht gleich nach den Sommerferien im Vollbetrieb beginnen kann, ist es sinnvoll, einen auf die konkrete Schule und die organisatorischen Gegebenheiten abgestimmten Hygieneplan demokratisch zu entwickeln und zu entscheiden. So sind alle Betroffenen beteiligt und die Gefahr der Überforderung einzelner Lehrkräfte kann minimiert werden. 

Zur Erfüllung der curricularen Anforderungen soll laut Hygieneplan der Sportunterricht nur in Präsenzform erteilt werden. Doch was passiert, wenn einzelne Klassen, einzelne oder gar alle Schulen wieder in den Lockdown gehen müssen? Angebote für Bewegung bleiben wichtig. Wie gut das auch zu Hause möglich ist, haben zahlreiche Sportvereine mit Videotrainingseinheiten demonstriert. Diese Erfahrungen lassen sich auch auf den Sportunterricht übertragen:

  • Die Lehrkraft kann ein Fitnesstraining mit dem eigenen Körpergewicht in einer Videokonferenz anleiten. 
  • Auch Übungen zum Jonglieren, zur Ballkoordination in allen Ballsportarten, Aerobic oder Tanz lassen sich auf diesem Weg anleiten und praktizieren.
  • Denkbar ist auch die Entwicklung und Besprechung von Plänen für ein individuelles Ausdauertraining. 

Aber all das kann man nicht ad hoc umsetzen, wie der Lockdown im März gezeigt hat. Doch jetzt wurde viel Zeit vergeudet, um auf weitere regionale oder flächendeckende Schließungen vorbereitet zu sein. Unter anderem bedarf es dazu  eines Videokonferenztools, das für alle zugänglich ist. Der Verbund von Kultusministerium und Sportverbänden in Niedersachsen zeigt, was hier möglich ist (https://schulsportwelten.de). Auch der DSLV betont, dass „kleine Aufgaben für zu Hause oder für die Freizeit eine Perspektive für Bewegung im Alltag eröffnen und Reflexionsprozesse bieten“. Das ist eine Perspektive, ein Plan B, für einen Sportunterricht auch bei - hoffentlich nicht notwendigen – Schulschließungen.

Viel Bewegung und viel Frischluft ist jedenfalls die beste Prävention – das gilt auch im Bereich des Schulsports. Am besten ist es jedoch, sich gar nicht erst zu infizieren und dafür brauchen wir auch im Schulsport einen effektiven Gesundheitsschutz. Bleibt gesund!

Maike Wiedwald


(1) kultusministerium.hessen.de/sites/default/files/media/hkm/hygieneplan_419.pdf

(2) Interview Deutschlandfunk 26.7.2020

(3) www.dguv-lug.de/sekundarstufe-i/sport/motivation-im-sportunterricht/

(4) Informationen zur Durchführung von Sportunterricht, Schulsport und Bewegungsangeboten gibt es auch bei der Zentralen Fortbildungseinrichtung für Sportlehrkräfte des Landes (https://zfs.bildung.hessen.de) und bei den Schulsportkoordinatorinnen und -koordinatoren an den Staatlichen Schulämtern.