„Aufgeklärt statt autonom“

Gutachten im Auftrag der GEW Hessen zeigt erhebliche Mängel in Ausstellung zur Extremismusprävention an Schulen auf

Pressemitteilung 12. Februar 2020

 Die Ausstellung „Aufgeklärt statt autonom“, die im Herbst 2019 an alle hessischen Schulen mit einer neunten und zehnten Jahrgangsstufe verschickt wurde, enthält gravierende fachliche und fachdidaktische Mängel. Das ist das zentrale Ergebnis einer wissenschaftlichen Expertise, welche die GEW Hessen bei Dr. Christoph Bauer und Dr. Martina Tschirner in Auftrag gegeben hat.

Birgit Koch, Vorsitzende der GEW Hessen, fordert nun alle Schulen auf, diese Ausstellung nicht für den Unterricht zu verwenden: „Dass unsere Demokratie heutzutage von rechts gefährdet wird, kann inzwischen niemand mit politischem Urteilsvermögen ernsthaft bezweifeln. Diese Gefahr ist nur eines der vielen drängenden Themen, denen sich die politische Bildung an Schulen stellen muss. Die Plakatreihe ‚Aufgeklärt statt autonom‘ setzt nicht nur einen falschen inhaltlichen Schwerpunkt, sie weist darüber hinaus auch schwerwiegende fachliche Mängel auf. Wir danken Martina Tschirner und Christoph Bauer dafür, dass sie diese in einer kritischen Überprüfung nun fundiert aufgezeigt haben. Unsere von Anfang an bestehende Skepsis wird von diesem Gutachten voll und ganz bestätigt.“

Die Plakatreihe setzt sich aus zwölf Plakaten zusammen, die unterschiedliche Aspekte des Themas „Linksextremismus“ oberflächlich behandeln. Hinzu kommen begleitende Arbeitsmaterialien für den Einsatz im Unterricht. Sie wurde im Auftrag des beim Innenministerium angesiedelten Hessischen Kompetenzzentrums gegen Extremismus von der eng mit der FDP verbundenen Eduversum GmbH erstellt. Im November 2019 wurden diese Materialien allen weiterführenden Schulen in Hessen unaufgefordert zugesandt. Das nun vorgelegte Gutachten problematisiert insbesondere die Orientierung an dem wissenschaftlich hoch strittigen Extremismuskonzept, welches auf eine Gleichsetzung von Links- und Rechtsextremismus hinausläuft. Darüber hinaus werde die Ausstellung den anerkannten Standards der politischen Bildung, wie dem so genannten „Kontroversitätsgebot“, nicht gerecht. Diesem zufolge hätte beispielsweise ein politisch und wissenschaftlich strittiger Ansatz wie die Extremismustheorie auch als kontrovers dargestellt werden müssen. Dies sei aber nicht der Fall.

Die Autorin und der Autor kommen aufgrund ihrer Analyse zu dem folgenden Fazit: „Das zur Bewertung stehende Material zeigt sich eindeutig als wissenschaftlich, pädagogisch und didaktisch nicht haltbar. Es ist vielmehr Ausdruck einer längst überholt geglaubten politischen Bildung, die mit Affirmation und Einseitigkeit arbeitet und auf sie abzielt. Von kritischer Reflexion, eigenständigem Urteil und Wissenschaftsorientierung ist hier nicht nur keine Spur, dieses Defizit wird sogar durch vermeintliche Objektivität und Lebensweltbezüge aktiv verschleiert. Das Material ist aus unserer Sicht unverzüglich aus den Schulen zu entfernen.“

Birgit Koch fordert aus diesem Anlass entsprechende Konsequenzen: „Diese Materialien, die nach unserem Wissen bislang zum Glück auf wenige Resonanz gestoßen sind, sollten nun flächendeckend in die Mülltonnen entsorgt werden. Für die Zukunft wünschen wir uns vom Land Hessen eine andere Prioritätensetzung in der Präventionsarbeit. Außerdem stellt sich einmal mehr die Frage, wie die Qualität von Unterrichtsmaterialien gesichert werden kann, die ergänzend zu den zugelassenen Schulbüchern zum Einsatz kommen. Die Kolleginnen und Kollegen müssen sich darauf verlassen können, dass an die Schulen adressierte Materialien den fachdidaktischen und wissenschaftlichen Ansprüchen genügen.“

Dr. Christoph Bauer ist als Lehrer an einem Frankfurter Gymnasium tätig, Dr. Martina Tschirner lehrt an der Professur für Didaktik der Sozialwissenschaften an der Goethe-Universität Frankfurt. Beide engagieren sich im Vorstand des Landesverbands Hessen derDeutschen Vereinigung für Politische Bildung e.V. (DVPB).

Gutachten zum Download