Weiterbildung und Politik

Kommunalwahlen sind wichtiger als Landtagswahlen | HLZ Dezember 2025/Januar 2026

Hessische Kommunen spielen eine ganz zentrale Rolle für die Förderung und Gestaltung der Weiterbildung. Sie sind nicht nur verantwortlich für die Umsetzung des sich aktuell in der Novellierung befindlichen Hessischen Weiterbildungsgesetzes (HWBG), sondern tragen maßgeblich zur finanziellen, strukturellen und inhaltlichen Entwicklung von Bildungsangeboten bei. Am Beispiel der Hessischen Volkshochschulen (vhs), die zumeist von den Kommunen getragen werden, sei dies mit ein paar Eckdaten veranschaulicht: Während 2023 das Land Hessen nur 5,8 Prozent der Finanzierung der Volkshochschulen übernahm, stemmten die Kommunen 20,5 Prozent – und somit fast so viel wie die 21,4 Prozent, die von den Teilnehmenden über Gebühren getragen wurden.

Zum kommunalen Anteil hinzuzuaddieren sind weitere 2,1 Prozent, die als interne Aufträge der Kommunen an die Volkshochschulen fließen. Volkshochschulen sind oft eine der ersten Anlaufstellen als verwaltungsinterner Dienstleister, wenn zum Beispiel Kommunalbeschäftigte digital geschult oder interkulturell fortgebildet werden sollen. Dies hilft den Kommunen Geld zu sparen, weil Schulungen über Marktanbieter oft viel teurer und zeitaufwändig sind. Man kann zugespitzt sagen, dass die Kommunen mehr als vier Mal so wichtig sind wie das Land Hessen, wenn es um wohnortnahe oder digitale Sprachkurse, gesunde Ernährung, politische Bildung, Elternbildung oder berufliche Qualifizierung geht.

Weiterbildung unter Druck

Weiterbildung steht aber wie die Kommunalfinanzen unter immensem Druck. Kosten steigen und allzu oft steht das festangestellte Personal in den Einrichtungen vor der unglücklichen Wahl zwischen Skylla und Charybdis, entweder an den Honoraren der vielen Kursleitungen zu sparen oder die Teilnehmergebühren weiter zu erhöhen, um ein so attraktives und modernes Bildungsangebot auf den Weg zu bringen, wie es heute von vielen Menschen erwartet wird.

In der Konsequenz können Preisstrukturen entstehen, die einkommensschwachen Personen die Weiterbildungsteilnahme erschweren. Ein Kurs kostet schon einmal mehrere Hundert Euro, was im Vergleich zu Preisen auf dem freien Weiterbildungsmarkt zwar immer noch günstig ist, aber eine Barriere darstellen kann. Oder die Volkshochschulen sparen an den Honoraren von Kursleitungen, was prekäre Arbeitsbedingungen fördert. Feste Stellen können so zunächst oder überhaupt nicht mehr besetzt werden. Auch bei den Lohnstufeneingruppierungen wird häufig gespart.
Das sind Strukturprobleme, aber informierte und engagierte Kommunalpolitik kann erleichtern oder erschweren. Allzu leicht geistert die Idee der Fusion mit ihren angeblichen Synergieeffekten durch den politischen Raum. Warum eine eigene Volkshochschule in einem Landkreis oder einer Stadt haben? Allzu oft zeigt sich, dass hinter Fusionen vor allem Kürzungen und Einsparungen stehen und dass dabei gerade ländliche Räume verlieren. Volkshochschularbeit steht und fällt jedoch mit der bürgerinnen- und bürgernahen Arbeit, eng entlang der Bedarfe und Bedürfnisse, möglichst nah am Wohnort und in attraktiven Lernräumen.

Potentiale und Stärken

Auch in digitalen Zeiten brauchen Erwachsenenbildungseinrichtungen attraktive Lernorte für die wichtige soziale Begegnung. Angesichts des Strukturwandels vieler Städte, zum Beispiel durch die Krise von Einzelhandel und Kaufhäusern, bieten sich Chancen, mit Bildung, Weiterbildung und lokalen Unternehmen in solche verlassenen Orte hineinzugehen und die Innenstädte wieder aufzuwerten. Ein gutes Kita-Angebot ist wichtig, aber die Erwachsenen müssen ebenfalls durch attraktive Bildungs- und Kulturangebote wie in der Weiterbildung erreicht und gehalten werden. In der Erwachsenenbildung kann man dabei mit relativ wenig Geld viel erreichen.

Bei den letzten Kommunalwahlen 2021 lag die Wahlbeteiligung bei nur erschreckend niedrigen rund 50 Prozent. Dabei sind diese Wahlen in Bildungsfragen in einigen Punkten wichtiger als die Landtagswahlen, die höhere Wahlbeteiligungen aufweisen – auch um Parteien zu verhindern, die sich nicht für Bildung und Weiterbildung einsetzen und dem amerikanischen Vorbild Trump folgen, der sich bei seinen Wählerinnen und Wählern einmal so vielsagend bedankte: „I love the uneducated.“

Bildung allein ist kein perfekter Schutz gegen Menschenfeindlichkeit. Es gibt zum Beispiel mindestens einen in Hessen ausgebildeten Lehrer mit rechtsradikaler Gesinnung, der nun in Thüringen agitiert. Gleichwohl macht fehlende Bildung und Weiterbildung es den antidemokratischen und autoritären Kräften viel einfacher. So verwundert es nicht, dass in Kommunalparlamenten die politische Bildung gerade von solchen Kräften in Frage gestellt wird. Geht also wählen und wählt demokratische Parteien!


Prof. Dr. Bernd Käpplinger hat die Professur für Weiterbildung an der Justus-Liebig-Universität Gießen inne.