Die Carl-von-Weinberg-Schule ist eine Integrierte Gesamtschule (IGS) mit gymnasialer Oberstufe in Frankfurt. Sie ist Eliteschule des Sports und Eliteschule des Fußballs, wird aber auch von vielen Schülerinnen und Schülern besucht, die keinen Leistungssport betreiben. An dem Gespräch nahmen teil: die stellvertretende Schulleiterin • Miriam Natalie Schierer (auf dem Bild links), die Oberstufenleiterin • Christiane Buß (Mitte) sowie die Schulleiterin • Carolin Kubbe (rechts).
HLZ: Was zeichnet die Carl-von-Weinberg-Schule besonders aus?
Carolin Kubbe: Wir bieten als IGS allen Sportlerinnen und Sportlern, aber auch allen Regelschülern aus Frankfurt die Möglichkeit, den passenden Bildungsweg einzuschlagen. Damit unterscheiden wir uns von anderen Eliteschulen des Sports, die meist Gymnasien sind. Wir sind auch besonders, weil wir zwei Drittel Regelschüler haben. Hinzu kommt die Anbindung an die beiden Sportinternate mit Schülern aus dem ganzen Bundesgebiet. Individualität und Flexibilisierung sind deswegen die wichtigsten Schlagwörter in der alltäglichen Arbeit.
Miriam Natalie Schierer: Für individuelle Förderung stehen wir als IGS sowieso. Aber bei uns bedarf es nochmal besonders viel Individualisierung, auch organisatorisch. Multiprofessionelle Teams sind uns besonders wichtig – wegen des Leistungssports, aber auch wegen der Inklusion. Hinzu kommt die Verzahnung mit den pädagogischen Mitarbeitenden der Internate. Wir wollen jede Schülerin und jeden Schüler bestmöglich begleiten. Das kann manchmal auch als Mehrarbeit gesehen werden ...
Christiane Buß: Wir sind sehr dicht bei den Schülerinnen und Schülern. Wir haben immer offene Türen und können gut beraten. Das brauchen besonders die, die aus anderen Bundesländern zu uns kommen – und damit auch aus anderen Schulsystemen: Ist der Wechsel jetzt schon sinnvoll oder erst in einem Jahr?
HLZ: Also etwa ein Drittel macht Leistungssport. Steigen alle schon zur 5. Klasse ein?
Christiane Buß: Viele kommen erst zur Oberstufe und würden dann gerne in der E-Phase einsteigen. Dann schauen wir: Ist das sinnvoll oder sollten sie besser schon in der 10. Klasse einsteigen? Viele verlassen zudem ihr Familienumfeld und sind vielleicht 400 Kilometer von zu Hause entfernt. Auch die Eltern können sich manchmal besser und manchmal schlechter mit der Idee Internat anfreunden.
Carolin Kubbe: Wir haben 18 Lehrertrainer, also Lehrkräfte, die Leistungssportförderung in einer Sportart an unserer Schule machen. Sie sind dazu ausgebildet, das Training auch am Vormittag zu gewährleisten. Sie sind das Bindeglied zwischen Sport und Schule. Beispielsweise bei Schwimmen oder Turnen braucht es schon in relativ jungen Jahren eine hohe Anzahl an Trainingseinheiten. Wir haben in Hessen ein Landesprogramm, das uns von anderen Bundesländern unterscheidet: Über die TAG-Aufbaugruppen werden schon in den Grundschulen Kinder angesprochen, bei denen Sport vielleicht noch nicht im Mittelpunkt steht, und sie kommen so zu uns. Wir sind sechszügig und haben zwei Sportklassen. Wir versuchen eigentlich, mit einer niedrigen Schülerzahl in den Sportklassen zu beginnen. Wenn wir mit 21 anfangen, können eigentlich nur noch vier hinzukommen. Wir machen die Klasse dann aber eben größer. Daher wünschen wir uns eine dritte Sportklasse, auch um allen Sportarten gerecht werden zu können. In der Oberstufe macht dann rund die Hälfte Leistungssport.
Miriam Natalie Schierer: Unsere Lehrertrainer sichten in den Vereinen und bei eigenen Terminen bei uns. Mögliche Kandidatinnen und Kandidaten kommen dann drei Tage zur Hospitation. Danach setzen wir uns alle zusammen und überlegen, ob es passt. In manchen Fällen bieten wir dann auch Nachholunterricht an. Und natürlich gibt es auch Dropouts, wenn Kinder aus dem Leistungssport aussteigen, etwa aus Verletzungsgründen. Dennoch soll das Kind weiterhin bestmöglich begleitet und aufgefangen werden.
HLZ: Die beiden Sportklassen sind also sehr anders organisiert, mit Training am Vor- und am Nachmittag. Ist Profil 3 im Ganztag dafür nötig?
Carolin Kubbe: Der Stundenplan muss schon von jeher so gestrickt werden, aber Profil 3 gibt uns mehr Spielraum. Wir planen gemeinsam mit unseren Lehrertrainern und den Verbänden das Training für das nächste Jahr und setzen das dann im Stundenplan um. Das Training kann bei uns stattfinden oder direkt beim Landessportbund in der Otto-Fleck-Schneise. Dort gibt es Gegebenheiten, die unseren Sportlerinnen und Sportlern extrem zu Gute kommen. Am Wochenende haben sie dann oft Wettkämpfe.
HLZ: Was hat es mit dem „SegeLn“ auf sich?
Carolin Kubbe: Das steht für „Selbstgesteuertes Lernen“. Es soll dazu dienen, dass unsere Schülerinnen und Schüler – nicht nur die im Leistungssport – mehr Verantwortung für ihr Lernen übernehmen. Jedes Fach gibt einen Anteil an Unterrichtskontingent ab. Dadurch hat man ein oder zwei Mal am Tag die Möglichkeit, eigenständig an Aufgaben zu arbeiten. Dabei kann man sich die Lehrkraft und den jeweiligen Raum selbst aussuchen. Je älter die Schülerinnen und Schüler werden, desto strukturierter und eigenverantwortlicher handeln sie.
Christiane Buß: Dabei gibt es durch die Zusammenlegung der Jahrgänge einen Synergieeffekt: Ich lerne so andere Menschen, Jahrgänge und auch andere Arbeitsweisen kennen. Man kann aber auch die Priorität auf ein bestimmtes Fach setzen, wenn am nächsten Tag eine Arbeit ansteht.
Miriam Natalie Schierer: Wenn unsere Leistungssportlerinnen und -sportler von einem längeren Wettkampf zurückkommen, können sie einen Schwerpunkt auf ein bestimmtes Fach legen, damit sich keine Lücken aufbauen. Oder sie können eine Arbeit nachschreiben. Nach dem Training kann direkt an der Sportstätte gesegeLt werden, um Wegezeiten zu reduzieren.
HLZ: Das alles gilt ganz besonders für die Oberstufe, richtig?
Christiane Buß: Genau. In dieser stellen wir ein größeres Stundenkontingent zur Verfügung. Das richtet sich nach den gewählten Grund- und Leistungskursen. Im Stundenplan gibt es mehr SegeLn-Stunden, als die Schülerinnen und Schüler abdecken müssen …
Miriam Natalie Schierer: … und das hilft unseren Leistungssportlerinnen und -sportlern. Manchmal kommen sie Sonntagnacht von einem Wettkampf zurück. Dann ist es gut zu wissen, dass man nicht gleich Montagfrüh beginnen muss.
HLZ: Und vermutlich spielt der Leistungskurs Sport eine besondere Rolle?
Miriam Natalie Schierer: Richtig. Ab Q1 müssen wie an jeder Schule zwei Leistungskurse gewählt werden. Wir haben eigentlich immer zwei Leistungskurse Sport, manchmal auch drei. Aber nicht alle Kaderathletinnen und -athleten wählen den auch. Manche möchten bewusst ganz andere Schwerpunkte wählen. Aber auch alle anderen können Sport belegen. Der einzige Unterschied ist, dass wir nur den Kaderathleten die Schulzeitstreckung anbieten.
HLZ: Das würde uns näher interessieren.
Christiane Buß: Die Schulzeitstreckung haben wir 2015/2016 eingeführt: In der E2 signalisieren die Lehrertrainer, dass sie Bundeskader-Athletinnen und -Athleten haben, die sportlich besonders gefordert sein werden. Wir setzen uns dann rund um die Osterferien mit den Eltern, einem Vertreter des Verbandes und dem Schüler selbst an einen Tisch. Dann arbeiten wir einen individuellen Vertrag aus: Die E-Phase läuft ganz normal, die Qualifikationsphase von Q1 bis Q4 strecken wir von vier auf sechs Halbjahre. Wir schreiben dabei keine Leistungskurse oder Kurskombinationen vor, können aber beraten. Die Prüfungsfächer dürfen erst in der 3. Phase begonnen werden. Die einzige Ausnahme ist der Sportleistungskurs, der bereits in Phase 1 beginnen kann.
HLZ: Das hört sich kompliziert an.
Christiane Buß: Das ist es, weil wir damit leben müssen, dass das Abitur nicht phasenweise abgenommen werden kann. Wenn sich jemand entschließt, in die Schulzeitstreckung zu gehen, ist klar, dass er die Prüfungen erst ein Jahr später als die anderen aus seinem Jahrgang ablegen kann, denn die Abiturerlasse können sich ändern. Die Fächer, die abgegeben werden können, wie Kunst oder die zweite Fremdsprache, lassen wir daher in Phase 1 und 2 laufen. Phase 3 und 4 ist am herausforderndsten, weil sie Fächer in unterschiedlichen Jahrgängen belegen müssen. Pro Jahrgang machen das in der Regel zwei bis vier.
HLZ: Wäre eine noch flexiblere Oberstufe wünschenswert? Der Koalitionsvertrag der Landesregierung kündigt ja einen entsprechenden Modellversuch an einer Eliteschule des Sports an.
Miriam Natalie Schierer: Die großen Turniere, etwa im Fußball, können über vier Wochen gehen. Die meisten Profis sind sehr ehrgeizig, auch in der Schule. Daher wäre es großartig, wenn sie Prüfungsfächer zu jedem Zeitpunkt anfangen könnten. So gäbe es nicht nur die eine große Belastungsspitze am Ende. Denn andererseits müssen sie ja immer Sport und Schule unter einen Hut bekommen. Jetzt kommen manche extra mit dem Flieger von einem großen Wettkampf, um eine Abiturprüfung zu schreiben.
Carolin Kubbe: Das additive Abitur ist bislang nur an der Eliteschule des Sports in Potsdam umgesetzt. Das haben wir uns bei unserem bundesweiten Vernetzungstreffen angeschaut und große Augen bekommen. Ich konnte mir auch in Finnland die Oberstufe ansehen, wo es nochmal ein größeres Maß an Flexibilisierung für alle gibt. Das hat mich begeistert.
Christiane Buß: Wir wollen aber nicht, dass am Ende der Eindruck entsteht, dass bei uns das Abitur einfacher sein könnte. In der Schulzeitstreckung würde uns das stufenweise Ablegen der Prüfungen am meisten helfen.
Miriam Natalie Schierer: Von vielem, was wir anbieten, profitieren alle unsere Schülerinnen und Schüler – auch die, die keinen Leistungssport machen.