Kampf um Zeit für gute Lehre

Lehrverpflichtung an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften | HLZ 3-4 2025

 

Im Jahr 2022 legte die GEW Hessen einen Entwurf für eine neue Lehrverpflichtungsverordnung für die Hochschulen in Hessen vor. Zu diesem ungewöhnlichen Schritt entschied sich der Landesvorstand, da zu befürchten war, dass das Wissenschaftsministerium in seiner neuen Verordnung dem dringenden Änderungsbedarf nicht entsprechen würde. Und so kam es schließlich auch. Worum geht es? Wie in den Schulen haben auch Lehrende an Hochschulen ein Deputat zu erfüllen, an dem umfangreiche Vor- und Nachbereitungen sowie Prüfungen und Beratungsgespräche hängen und in dem zahlreiche weitere inhaltliche und administrative Tätigkeiten nicht erfasst sind.
 

Die Lehrverpflichtung ist in zwei Bereichen viel zu hoch: erstens bei den Lehrkräften für besondere Aufgaben (LfbA), die an hessischen Universitäten bis zu 18, an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (HAW) 24 Semesterwochenstunden (SWS) lehren; zweitens bei allen Lehrenden der HAW. Dort werden nicht nur LfbA von 24 SWS erdrückt, sondern müssen auch Professor:innen 18 SWS lehren (gegenüber 8 SWS an Universitäten). Die tarif- bzw. dienstrechtlich vorgesehenen Arbeitszeiten (40 Stunden für Angestellte und 41 Stunden für Beamt:innen) werden so zur Makulatur. Lehrende sind überlastet, werden krank und/oder müssen Abstriche an der Qualität ihrer Lehre machen. Für Professor:innen wird Forschung häufig zum Privatvergnügen oder muss vernachlässigt werden. Hochschulpolitisches und gewerkschaftliches Engagement ist oft der erste Streichposten.


Viel Lehre für wenig Geld

Die Situation hat strukturelle und letztlich finanzielle Gründe: 1) Die Personalkategorie der LfbA wurde für „die Vermittlung praktischer Fertigkeiten und auf wissenschaftlicher Grundlage beruhender Kenntnisse“ geschaffen, deren Vermittlung nicht die Einstellungsvoraussetzungen von Professor:innen erfordert (§ 73 Hessisches Hochschulgesetz). Tatsächlich übernehmen viele LfbA nicht nur einfache, sondern auch sehr anspruchsvolle Lehraufgaben. 2) Universitäten und HAW sollen seit der Bologna-Reform zu gleichwertigen Hochschulabschlüssen führen. Forschung wurde zur Dienstaufgabe von HAW-Professor:innen und das eigenständige Promotionsrecht ist der letzte Baustein für die HAW, in jeder Hinsicht als wissenschaftliche Hochschulen anerkannt zu werden. Die Erwartungen messen sich am Universitätsniveau, die Ressourcen sind hingegen kaum über das Niveau der Fachschulen hinausgekommen, aus denen die HAW entstanden sind.


Runter mit dem Lehrdeputat

Die GEW forderte schon auf ihrer Landesdelegiertenversammlung 2018 eine grundlegende Neubewertung der Arbeitszeit für Lehre. Im Jahr 2021 gründete sich  das „HAW-Netzwerk Hessen: Runter mit dem Lehrdeputat!“. Im offenen Netzwerk arbeitet auch der hessische Hochschullehrerbund (hlb) mit, so dass 2023 gemeinsam auf den Entwurf für eine neue Lehrverpflichtungsverordnung eingewirkt wurde, leider nicht mit dem erhofften Erfolg. Die GEW Hessen prüfte die Einleitung eines Normenkontrollverfahrens gegen die Verordnung, kam jedoch nach eingehender juristischer Beratung zu dem Schluss, dass ein Verfahren keine Aussicht auf Erfolg hat, da der Umfang der Lehrverpflichtung bei der Novellierung nicht geändert wurde.
 

Offen ist die Frage, ob die Lehrverpflichtungsverordnung einer Feststellungsklage standhalten würde. Eine solche könnte zu dem Schluss kommen, dass die von der Lehrverpflichtung ausgehenden Gesamtaufgaben nicht im Rahmen der tariflich und beamtenrechtlich vorgesehenen Wochenarbeitszeit zu leisten sind. Hier prüft die GEW derzeit, wie die Arbeitszeit erfasst werden müsste, damit dies juristisch aussichtsreich wäre. Auch eine wissenschaftliche Untersuchung der Arbeitszeit wird in Erwägung gezogen. Die finanziellen Vorzeichen für die notwendigen Veränderungen sind leider nicht gut. Ohne entsprechende Ressourcen sind die wissenschaftspolitisch proklamierten Ansprüche an die Qualität von Lehre und gute Arbeit an Hochschulen aber nicht umzusetzen.

Weitere Informationen

Julika Bürgin ist Professorin am Fachbereich Soziale Arbeit der Hochschule Darmstadt und aktiv im HAW-Netzwerk: Runter mit dem Lehrdeputat!. Tobias Cepok arbeitet als Referent bei der GEW Hessen.