Das Bildungssystem im Allgemeinen und die berufsbildenden Schulen im Besonderen sind von einer großen Differenzierung und Spezialisierung geprägt. Dadurch fällt es Außenstehenden oft schwer, eine Übersicht über das Bildungsangebot zu bekommen, geschweige denn, den für sich geeigneten Bildungsweg zu erkennen. Das gilt auch für die beruflichen Gymnasien, die zu den studienqualifizierenden Bildungsgängen gehören und damit Teil der berufsbildenden Schulen sind.
Beim Tag der offenen Tür oder dem Schnupperunterricht kommt man mit interessierten Eltern und Schülerinnen und Schülern ins Gespräch und muss immer wieder feststellen, dass es wenig Vorwissen oder gar einige Vorurteile dieser Schulform gegenüber gibt. Oft wird synonym vom Wirtschaftsgymnasium gesprochen, in Unkenntnis, dass dies nur eine von vielen möglichen Fachrichtungen ist. Auch die Ansicht, dass der Abschluss nicht gleichwertig zum Abitur an allgemeinbildenden Gymnasien ist, hält sich hartnäckig. Dabei lohnt es sich, diesen Bildungsgang näher zu betrachten, erfüllt er doch wichtige Funktionen im deutschen Bildungssystem an der Schnittstelle zwischen Studienqualifizierung und beruflicher Bildung.
Entstehung und Charakteristika
Die Einführung der beruflichen Gymnasien ist im Zusammenhang mit der Ausrichtung der anderen Bildungsgänge im berufsbildenden Bereich zu sehen. In den 1950er und 1960er Jahren zielten die bereits existierenden Bildungsgänge an den berufsbildenden Schulen vorrangig darauf ab, eine berufliche Orientierung beziehungsweise eine verwertbare Qualifikation zu erlangen, und nicht darauf, auch einen studienqualifizierenden Abschluss wie das Abitur zu erwerben.
Im Zusammenhang mit den reformpädagogischen Überlegungen in den 1960er Jahren kamen Bestrebungen auf, einerseits eine Brücke zwischen beruflichem und akademischem Bildungsweg zu schlagen und andererseits die Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen Bildungsgängen zu erhöhen. Schülerinnen und Schülern, die bisher kein klassisches allgemeinbildendes Gymnasium besucht hatten, etwa eine Realschule oder eine Berufsfachschule, eröffnete sich so ein Bildungsweg, der neben einem studienqualifizierenden Abschluss die Möglichkeit bot, berufliche Interessen zu vertiefen. Vor diesem Hintergrund gab es in den 1960er Jahren in Deutschland erste Versuchsmodelle, in Hessen wurde das berufliche Gymnasium im Jahr 1964 eingeführt.
Das besondere Merkmal der beruflichen Gymnasien ist ihre fachliche Ausrichtung. In der Anfangsphase gab es vorwiegend die beiden Fachrichtungen Technik und Wirtschaft. Im Zuge der zunehmenden Spezialisierung und Differenzierung auf dem Arbeitsmarkt nahmen im Laufe der Zeit die Fachrichtungen zu. Neben Wirtschaft und Technik gibt es jetzt auch die Fachrichtung Ernährung sowie die Fachrichtung Gesundheit und Soziales. Zudem besteht innerhalb der Fachrichtungen die Möglichkeit, weitere Schwerpunktsetzungen vorzunehmen und sich zu spezialisieren. So existieren in der Fachrichtung Technik mittlerweile acht Schwerpunkte, von der Bautechnik über die Biologietechnik bis zum Maschinenbau und der Mechatronik.
Allerdings kann keine berufsbildende Schule alle Schwerpunkte gleichzeitig anbieten, weil es einer entsprechenden Schülerzahl bedarf, um die Fachrichtungen unterrichten zu können. Erfahrungsgemäß bieten die berufsbildenden Schulen in den ländlichen Regionen vor allem die „klassischen“ Schwerpunkte wie Wirtschaftslehre, Mechatronik und Datenverarbeitung an. Regional gibt es jedoch spezifische Schwerpunkte, so erfreuen sich an manchen Standorten beispielsweise die Fachrichtungen Gesundheit und Soziales sowie Ernährung zunehmender Beliebtheit.
Bildungschancen für eine heterogene Schülerschaft
Der Einstieg in das berufliche Gymnasium erfolgt erst mit der E-Phase, es ist damit als Alternative zur gymnasialen Oberstufe an allgemeinbildenden Gymnasien zu sehen. Entsprechend der Zielsetzung, die Durchlässigkeit zwischen verschiedensten Bildungsgängen zu verbessern, öffnet sich das berufliche Gymnasien bewusst auch Lernenden, die zuvor kein Gymnasium besucht haben. So erfüllen auch Schülerinnen und Schüler die Zugangsvoraussetzungen, die an einer Realschule oder an einer anderen Schulform, wie der zweijährigen Berufsfachschule, einen qualifizierenden Realschulabschluss erworben haben. Dieser setzt voraus, dass zum einen in der Fächergruppe Deutsch, Mathematik, Englisch und einer Naturwissenschaft sowie in den übrigen Fächern jeweils mindestens der Notenschnitt von 3,0 erreicht worden ist. Teilweise wird zudem ein Nachweis über die Belegung einer zweiten Fremdsprache (Französisch oder Spanisch) verlangt.
Diese Zulassungsvoraussetzungen führen dazu, dass in der E-Phase eine recht heterogene Schülerschaft vorzufinden ist. Neben der Gruppe von Lernenden, die an einem allgemeinbildenden Gymnasium waren und mit der Versetzung in die Oberstufe zum beruflichen Gymnasium gewechselt sind, gibt es eine große Gruppe von ehemaligen Realschülerinnen und -schülern sowie eine kleinere Gruppe von früheren Berufsfachschülerinnen und -schülern.
Der E-Phase kommt vor diesem Hintergrund eine große Bedeutung zu: Zum einen müssen die Schülerinnen und Schüler mit ihren unterschiedlichsten Lernvoraussetzungen in einem Jahr ein fachliches und methodisches Niveau erreichen, das ihnen den erfolgreichen Weg zum Abitur ermöglicht. Zum anderen gilt es für die Lehrkräfte, in kurzer Zeit die sozialen und personalen Kompetenzen so zu fördern, dass ein Klassenzusammenhalt und damit ein lernförderliches Klassenklima entsteht.
Curricula und Unterrichtsumfang
Hinsichtlich der Lehrpläne und Belegverpflichtungen gibt es an beruflichen Gymnasien aufgrund der Fachrichtungen deutliche Unterschiede. Während am allgemeinbildenden Gymnasium bei der Wahl der Leistungskurse größere Wahlfreiheit besteht, ist am beruflichen Gymnasium ein Leistungskurs mit der gewählten Fachrichtung bereits festgelegt. Wird beispielsweise die Fachrichtung Wirtschaft gewählt, so ist das Fach Wirtschaftslehre einer von beiden Leistungskursen bis zur Abiturprüfung. Der zweite Leistungskurs muss dann entweder Deutsch, eine fortgeführte Fremdsprache, Mathematik oder eine Naturwissenschaft sein.
Außerdem hat die Wahl der Fachrichtung Auswirkungen auf die zu belegenden Grundkurse. Bei der Fachrichtung Wirtschaft sind neben dem Leistungskurs noch die Grundkurse in Rechnungswesen und Datenverarbeitung zu belegen. Das führt dazu, dass die Schülerinnen und Schüler eines beruflichen Gymnasiums eine deutlich umfangreichere Stundentafel haben: Während am allgemeinbildenden Gymnasium bisher für insgesamt 36 beziehungsweise 37 Kurse Belegverpflichtung gilt, sind es am beruflichen Gymnasium 43 Kurse. Manche Schülerinnen und Schüler kommen sogar auf 47 Kurse, wenn die zweite Fremdsprache fortgeführt wird. Wenn man sich dann noch vergegenwärtigt, dass die Abiturprüfungen landesweit einheitlich gestellt werden, kann das Vorurteil vom „nicht richtigen Abitur“ oder einer „Hochschulreife zweiter Klasse“ leicht entkräftet werden.
Perspektiven für die Absolventinnen und Absolventen
Dass die Lernenden nach erfolgreich bestandener Abiturprüfung über die allgemeine Hochschulreife verfügen und zusätzlich über eine berufliche Qualifikation, erleichtert ihnen den Einstieg in den Arbeitsmarkt beziehungsweise das Studium. Mehr als ein Viertel aller Abiturientinnen und Abiturienten des beruflichen Gymnasiums ziehen einen Ausbildungsberuf dem Studium vor. Bewerben sie sich direkt bei einem Unternehmen, können sie umfangreiche Vorkenntnisse in einem Wirtschaftszweig vorweisen, was ihnen Vorteile gegenüber Bewerberinnen und Bewerbern von allgemeinbildenden Schulen verschafft. Denjenigen, die sich für ein Studium in ihrer Fachrichtung entscheiden, helfen die erworbenen Vorkenntnisse beim Start in das Studium enorm. Selbst wenn sich die Abiturientinnen und Abiturienten dafür entscheiden, ihre Fachrichtung nicht weiter zu vertiefen, verfügen sie mit der allgemeinen Hochschulreife über einen Abschluss, der sie dazu berechtigt, sich für alle Studiengänge einzuschreiben beziehungsweise zu bewerben.
Auch wenn die beruflichen Gymnasien noch nicht über den Bekanntheitsgrad verfügen, den sie verdient haben, lässt sich insgesamt feststellen, dass sich dieser Bildungsgang institutionell etabliert hat und seiner ursprünglichen Zielsetzung gerecht wird. Er bietet einer Vielzahl von jungen Menschen mit unterschiedlichen Bildungsbiographien die Möglichkeit, einen studienqualifizierenden Abschluss zu erlangen und zusätzlich eine berufliche Qualifizierung zu erwerben, von der sie auf dem Arbeitsmarkt ebenso wie beim Studium profitieren können.
Sebastian Breth ist Lehrer am Beruflichen Schulzentrum Odenwaldkreis und engagiert sich im GEW-Kreisverband Odenwald sowie in der Landesfachgruppe berufsbildende Schulen.