Seit inzwischen 18 Jahren wird das Abitur in Hessen in der derzeitigen Form absolviert. Das Hessische Ministerium für Kultus, Bildung und Chancen (HMKB) erinnerte anlässlich des Starts der Prüfungen in diesem Jahr daran, dass die Einführung 2007 eine Reaktion auf die Ergebnisse der PISA-Studie war (Pressemitteilung vom 19. April 2025). Das hessische Landesabitur ziele darauf ab, „eine größtmögliche Objektivität, Vergleichbarkeit und Verlässlichkeit des höchsten Schulabschlusses zu gewährleisten.“ Zu diesem Zweck werden landesweit vorgegebene schriftliche Aufgaben mit mündlichen Prüfungsteilen, die von Lehrkräften vor Ort erstellt werden, kombiniert. Die Gesamtzahl der Prüflinge im Abiturjahrgang 2025 wird mit rund 23.000 beziffert. Das Abitur wurde an 290 Schulen abgenommen: allgemeinbildende und berufliche Gymnasien beziehungsweise gymnasiale Oberstufen, Abendgymnasien und Kollegs. Die meistbelegten Fächer in den schriftlichen Abiturprüfungen waren, wie auch im Vorjahr, Mathematik, Englisch sowie Deutsch.
Das Abitur und die Abiturprüfungen sind immer wieder Thema in der Öffentlichkeit. Dabei wird regelmäßig, insbesondere aus konservativen Kreisen, eine „Akademikerschwemme“ beklagt und ein allgemeiner Niveauverlust des Abiturs konstatiert. Dazu wäre viel zu sagen. Allein ein kurzer Blick in aktuelle Zahlen zum hessischen Landesabitur macht deutlich, dass es so einfach nicht sein kann. Daher sollen hier die Ergebnisse des hessischen Abiturs aus den Jahren 2018 bis 2024 näher betrachtet werden. Diese hat das HMKB nach Abschluss der Prüfungen im vergangenen Jahr vorgelegt. Die Ergebnisse für 2025 lagen zum Zeitpunkt der Drucklegung dieser HLZ-Ausgabe noch nicht vor. Im zweiten Schritt soll dann ein Vergleich mit den anderen Bundesländern vorgenommen werden. Dazu kann eine von der Kultusministerkonferenz erhobene Statistik herangezogen werden.
Weniger Prüfungen, mehr Bestnoten
Gegen die Diagnose einer immer weiter anschwellenden „Akademikerschwemme“, die mit einem Trend zum Abitur als höchstem Schulabschluss zusammenhängt, spricht alleine die Zahl der im hier betrachteten Zeitraum angetretenen Prüfungen: Während es im Jahr 2018 noch gut 25.000 waren, lag die Zahl in allen folgenden Jahren deutlich niedriger (siehe Tabelle 1). Für einen Teil des Rückgangs, insbesondere in den Jahren 2021 und 2022, dürfte die Rückkehr der meisten Gymnasien zu G9 eine Rolle spielen. Aber auch die rund 23.000 Prüfungen 2025 liegen um 2.000 unter der Zahl von 2018.
Einen Einfluss auf die absolute Zahl der Prüfungen hat dabei selbstverständlich die Jahrgangsbreite, denn im hier ausgewerteten Zeitraum kamen die Abiturient:innen aus eher geburtenschwachen Jahrgängen. Der Anstieg der Geburtenzahlen ab den 2010er Jahren erreicht erst in den kommenden Jahren die Sekundarstufe II. Doch auch, wenn man sich die Übergangsquoten nach der Sekundarstufe I anschaut, wie es im Rahmen der integrierten Ausbildungsberichterstattung geschieht, zeigt sich ein ähnliches Bild: Zwar orientiert sich die Mehrheit der Jugendlichen nach wie vor zum Abitur: „Von den Personen, die nach dem Verlassen der Sekundarstufe I im Sommer 2023 nahtlos im hessischen Bildungssystem weitermachten, strebte mehr als die Hälfte (58,7 Prozent) den Erwerb der Hochschulreife an“, fasst das Hessische Statistische Landesamt zusammen (Pressemitteilung vom 25. November 2024). Doch im Langzeitvergleich gegenüber dem Schuljahr 2014/2015 ist der Anteil derjenigen, die die Hochschulreife anstreben, rückläufig. Die Bildungsexpansion der Nachkriegsjahrzehnte scheint seit einigen Jahren an ihr Ende geraten.
Auch zur These der „Noteninflation“ geben die Zahlen des HMKB zum hessischen Landesabitur wichtige Hinweise. Tatsächlich hat sich die Durchschnittsnote tendenziell geringfügig verbessert, nämlich von einem Wert von 2,39 im Jahr 2018 auf 2,27 im Jahr 2024. Aber die Zeitreihe ist zu kurz, um zu beurteilen, ob diese Verschiebung um 0,12 Notenpunkte mehr ist als eine geringfügige Schwankung. Zu erkennen ist allerdings, dass die „Traumnote“ 1,0 deutlich häufiger erzielt wurde. 2023 haben erstmals über 1.000 Schüler:innen diese Note erreicht. Nicht nur die absolute Zahl, auch der prozentuale Anteil hat sich erhöht. Doch noch immer liegt der Anteil derjenigen, die das Abitur mit der bestmöglichen Note abschließen, bei nicht mehr als 4,4 Prozent. Gegen die These von abnehmenden Anforderungen spricht zudem ein anderer Trend, der in die entgegengesetzte Richtung weist: Die Zahl der nicht bestandenen Prüfungen ist im gleichen Zeitraum ebenfalls deutlich angewachsen. Auch der relative Anteil der nicht bestandenen Prüfungen hat zugenommen, er erreichte 2025 einen Höchstwert von 5,5 Prozent. Es ist also eher eine wachsende Polarisierung festzustellen als eine allgemeine Verschiebung des Niveaus. Möglicherweise hatten darauf auch die 2020 bis 2023 bestehenden Sonderregelungen aufgrund der Coronapandemie einen Einfluss.
Hessen im Bundesvergleich
Wenn man die Bundesländer miteinander vergleicht, zeigt sich hinsichtlich der durchschnittlichen Abiturnoten ein nicht sehr spektakuläres Bild (siehe Tabelle 2): Die besten Noten erzielten die Abiturient:innen in Thüringen mit einem Durchschnittswert von 2,13. Am anderen Ende des Spektrums findet sich Schleswig-Holstein mit einem Wert von 2,48. Hessen liegt mit einem Durchschnittswert von 2,27 ziemlich genau in der Mitte.
Größer als bei der Durchschnittsnote fallen die Länderunterschiede hinsichtlich der beiden Extreme aus: Dem Anteil der Schüler:innen, der die Prüfungen nicht besteht, auf der einen Seite und dem, der die Bestnote 1,0 erzielt, auf der anderen Seite. Den größten Anteil nicht bestandener Prüfungen weist mit 7,4 Prozent Mecklenburg-Vorpommern auf. Am geringste fällt der Anteil in Berlin aus: 3,0 Prozent. Auch hier liegt Hessen mit einem Wert von 5,5 Prozent im Mittelfeld. Wenn abschließend der Anteil der 1,0-Abiturnoten betrachtet wird, gilt allerdings ausnahmsweise einmal wieder: Hessen vorn! Mit einem Anteil von 4,4 Prozent liegt Hessen diesbezüglich an erster Stelle. Den mit Abstand kleinsten Anteil weist hingegen nicht etwa Bayern auf, sondern Schleswig-Holstein mit 1,5 Prozent.
All das hat so gut wie keine Aussagekraft hinsichtlich der tatsächlichen Qualität des Abiturs. Das gilt sowohl für die strukturellen Rahmenbedingungen, den Input, als auch für die von den Schüler:innen erworbenen Kompetenzen und Wissensbestände, den Output. Doch vor allem wegen der Zulassungsbeschränkungen in einzelnen Studiengängen, insbesondere Medizin, sind diese Länderunterschiede dann doch immer wieder Thema in den Medien. Beim Zentralen Vergabeverfahren für das Medizinstudium werden allerdings Ranglisten auf Landesebene gebildet, so dass die Unterschiede bei den Abiturnoten letztendlich ausgeglichen werden. Davon abgesehen liegt der eigentliche Skandal nicht in den geringfügigen Unterschieden zwischen den Bundesländern, sondern im eklatanten Mangel an Studienplätzen.