Wohnung gesucht?

Wohnraummangel bremst Fachkräfte und Bildung | HLZ 7-8 2026

„Wohnung gesucht? Als pädagogische oder wissenschaftliche Fachkraft in dieser Stadt brauchen Sie ein festes, überdurchschnittliches Einkommen, keine Kinder, keine Haustiere, geringe Ansprüche an die Ausstattung und Genügsamkeit gegenüber dem Vermieter.“

Was wie eine überspitzte Anzeige klingt, beschreibt für viele Menschen in den hessischen Städten und deren Umland längst die Realität. Gerade diejenigen, die Kitas, Schulen und Hochschulen am Laufen halten, finden immer schwerer eine bezahlbare Wohnung. Die Folge ist, dass viele Arbeitgeber zunehmend Probleme haben, Erzieher:innen, Lehrkräfte und Wissenschaftler:innen zu finden. Der Wohnraummangel verschärft somit den Fachkräftemangel, wirkt als Bremse für die wirtschaftliche Entwicklung und das Bildungssystem. Hinzu kommt, dass sich schlechte Wohnverhältnisse negativ auf die Lernfähigkeit auswirken. Wohnen ist somit nicht nur die neue soziale Frage, sondern hat auch wirtschafts- und bildungspolitische Relevanz.

Wohnraummangel auf Rekordhöhe

Laut Pestel-Institut fehlten Ende 2024 in Hessen insgesamt rund 86.000 Wohnungen. Damit wurde ein neuer Rekordwert erreicht. Besonders betroffen sind das Rhein-Main-Gebiet, die Städte Marburg und Gießen sowie deren Umland. Hier sind auch die Mieten und die Baulandpreise am stärksten gestiegen. Zwar gibt es auch in einigen ländlichen Gebieten Leerstand. Dabei handelt es sich jedoch oft um Einfamilienhäuser mit hohem Sanierungsbedarf. (1)
Inzwischen sind breite Bevölkerungsschichten von dem Wohnraummangel betroffen. Benachteiligte Gruppen wie Geflüchtete und Menschen mit Behinderungen haben kaum noch eine Chance auf dem Wohnungsmarkt. Und die Gefahr, das eigene Dach über dem Kopf zu verlieren, ist weiter angestiegen. In Hessen waren zuletzt rund 29.000 wohnungslose Menschen in einer Einrichtung untergebracht. Rund 1700 Menschen lebten auf der Straße und rund 1900 Personen galten als verdeckt wohnungslos. Dabei wird von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen.

Das Pestel-Institut hat auf Basis einer Bevölkerungsprognose für Hessen den zukünftigen Wohnraumbedarf bis 2030 ermittelt: Es werden jährlich 27.200 neue Wohnungen benötigt. Dabei handelt es sich fast ausschließlich um soziale und bezahlbare Mietwohnungen sowie um barrierefreie Wohnungen für ältere Menschen. Um die Klimaschutzziele zu erreichen, ist zudem ein hoher energetischer Sanierungsbedarf vorhanden. Der Wohnungsbau hinkt dem Bedarf allerdings deutlich hinterher. Zwar ist die Zahl der Baugenehmigungen zuletzt angestiegen, 2025 lag sie aber immer noch bei nur knapp 17.000 Wohnungen. Dies unterstreicht den wohnungspolitischen Handlungsdruck.

Engpass bei Sozialwohnungen

Die Lücke bei den Sozialwohnungen ist besonders dramatisch. Aktuell gibt es in Hessen nur noch rund 83.000 Sozialwohnungen. Um den zukünftigen Bedarf zu decken, werden bis 2035 nach Angaben des Pestel-Instituts 140.700 Sozialwohnungen benötigt. Zwar haben Bund und Länder die öffentliche Wohnraumförderung in den letzten Jahren aufgestockt, sodass der Rückgang der Sozialwohnungen abgefedert werden konnte. Eine Trendumkehr ist aber nicht in Sicht (vgl. Abbildung). Ein großes Problem ist das Auslaufen der Mietpreis- und Belegungsbindungen, ohne dass dafür ausreichend Ersatz geschaffen wird. Dieses Problem ließe sich nur durch eine konsequente Umsetzung der neu eingeführten Gemeinnützigkeit und dauerhafte Bindungen lösen.

Vom Wohnraummangel sind junge und ältere Menschen besonders betroffen. Studierende mit eigenem Haushalt geben im Durchschnitt mehr als die Hälfte ihres Einkommens für die Miete aus. Bei den Auszubildenden sind es rund 40 Prozent. Viele bleiben notgedrungen länger im Elternhaus wohnen, obwohl der Wunsch nach Selbstständigkeit groß ist. Zwar haben Bund und Länder in den letzten Jahren das Programm „Junges Wohnen” aufgelegt, um mehr bezahlbaren Wohnraum für junge Menschen zu schaffen. Das Programm wird zumindest von den Studierendenwerken nachgefragt, kann den Bedarf aber bei Weitem nicht decken. Bei den Auszubildenden sieht es noch schlechter aus, da es kein Auszubildendenwerk gibt, das Wohnheime bauen könnte. Gleichzeitig geraten auch ältere Menschen zunehmend in eine Zwickmühle: Der Umbau oder der Umzug in eine kleinere, barrierefreie Wohnung ist oft teurer als das Verbleiben in der alten, unrenovierten Wohnung – selbst, wenn diese nicht mehr zum Lebensabschnitt passt.

Menschenrecht Wohnen gewährleisten

Wohnen ist ein Menschenrecht, das der Staat zu gewährleisten hat. Hierfür engagiert sich der DGB gemeinsam mit dem Mieterbund und zahlreichen weiteren Akteuren im Bündnis „#Mietenwahnsinn-Hessen“. Ziel sind mehr öffentliche Investitionen und ein besserer Schutz der Mieter:innen. Von der Landesregierung wird verlangt, dass sie der Schaffung von mehr bezahlbaren, sozialen und barrierefreien Mietwohnungen Vorrang einräumt. Das neu eingeführte Hessengeld zur Eigenheimförderung wirkt dagegen eher hinderlich, da es Mitnahmeeffekte bei einkommensstarken Haushalten begünstigt und die soziale Ungleichheit verschärft.

Land und Kommunen haben mit den öffentlichen Wohnungsgesellschaften zentrale Hebel in der Hand, um mehr bezahlbaren, sozialen und barrierefreien Wohnraum zu schaffen. Um dieses Ziel zu erreichen, ist eine Aufstockung der öffentlichen Fördermittel und eine Verbesserung der Konditionen erforderlich. Es ist zu begrüßen, dass das hessische Wirtschaftsministerium angekündigt hat, Modellprojekte zum Azubiwohnen auf den Weg zu bringen. Diese sollten nun zügig in Angriff genommen werden. Gleichzeitig müssen die Studierendenwerke gestärkt werden, um mehr Wohnheime für Studierende zu schaffen. Zudem sollte das Land einen Bodenfonds auf den Weg bringen, um eine öffentliche Bodenbevorratung zu ermöglichen. Weitere Privatisierungen sind dagegen nicht zielführend.

Zwar hat die Landesregierung ein Gesetz gegen spekulativen Leerstand auf den Weg gebracht. Entscheidend ist jedoch, dass Kommunen mit angespannten Wohnungsmärkten entsprechende Satzungen erlassen und Leerstandsregister einführen, um den Leerstand zu reduzieren. Der DGB unter-stützt gemeinsam mit den Gewerkschaften und dem Mieterbund die Kampagne für einen bundesweiten Mietenstopp. Diese setzt sich für folgende Forderungen ein: erstens einen flächendeckenden Mietenstopp für die Dauer von sechs Jahren, zweitens eine Verschärfung der Mietpreisbremse inklusive der Bestrafung von Mietwucher und drittens eine sozialverträgliche Gestaltung der energetischen Gebäudesanierung und der Wärmewende.

Von der Landesregierung wird eine Ausweitung der Gebiete verlangt, in welchen die Mietpreisbremse gilt. Außerdem muss stärker gegen die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen vorgegangen werden. Der Ansatz „Housing First“ betont das Menschenrecht auf Wohnen, indem Wohn-raum ohne Vorbedingungen zur Verfügung gestellt wird. Auch soziale Wohnraumhilfen und Fachstellen zur Verhinderung von Wohnungslosigkeit sind dabei wichtige Bausteine. Positiv ist, dass das hessische Sozialministerium bereits entsprechende Modellprojekte fördert. Diese gilt es flächendeckend auszuweiten. Darüber hinaus sind Wohngeld und Kosten der Unterkunft an die realen Kosten anzupassen, um Wohnungslosigkeit zu verhindern.

Die eingangs formulierte Wohnungsanzeige mag überspitzt sein, doch sie verweist auf ein grundlegendes Problem: Wenn selbst Fachkräfte im Bildungswesen keinen bezahlbaren Wohnraum mehr finden, gerät weit mehr in Schieflage als nur der Wohnungsmarkt. Bund, Land und Kommunen müssen ihre Anstrengungen daher deutlich intensivieren. Aber auch die Arbeitgeber sind aufgefordert, mehr Wohnraum für ihre Beschäftigten bereitzustellen. Land und Kommunen sollten hierbei mit gutem Beispiel vorangehen. Dass es 2021 in Hessen nur noch 1193 Wohnungen für Landesbe-dienstete gab, verdeutlicht das Ausmaß der bisherigen Versäumnisse. Denn die Frage „Wohnung gesucht?“ entscheidet nicht nur über den Erfolg, eine Wohnung zu finden. Sie entscheidet auch darüber, ob Fachkräfte kommen und über den Lernerfolg – sie ist somit auch für eine gute Entwicklung des Bildungssystems mitverantwortlich.

Liv Dizinger leitet beim DGB-Bezirk Hessen-Thüringen die Fachabteilung Strukturpolitik.

(1) Pestel-Institut (2026): Sozialer Wohn-Monitor 2026, Hg. Verbändebündnis „Soziales Wohnen“, Berlin.