Im Sommer 2024 führte das Institut für Kindheits- und Schulpädagogik der Justus-Liebig-Universität Gießen gemeinsam mit der ersten hessischen Kita-Landeselternvertretung eine hessenweite Befragung von Eltern mit Kindern im Kita-Alter durch. Mehr als 20.000 Familien beteiligten sich an der Online-Befragung. Ziel war es, Einblicke zu gewinnen, wie Familien die aktuelle Situation in der Kindertagesbetreuung
erleben und wo sie Handlungsbedarfe sehen – vor dem Hintergrund eines Systems, das vielerorts zunehmend unter Druck steht. Hintergrund war unter anderem die Frage, wie Betreuungsbedarfe gedeckt werden können, ohne dass dies weiter zu Lasten der Qualität pädagogischer
Arbeit und damit zu Lasten der Kinder geht. Einen Repräsentativitätsanspruch erhebt die Studie nicht. Familien mit hohem Bildungsabschluss sind stark überrepräsentiert, mehrsprachige Familien dagegen stark unterrepräsentiert. Dennoch zeigt die große Zahl der Rückmeldungen
deutlich: Die berichteten Erfahrungen sind keine Einzelfälle, sondern weisen auf strukturelle Probleme im Kita- System hin.
Betreuungsbedarfe häufig nicht gedeckt
Die Befunde zeigen, dass sich Versorgungsprobleme nicht ausschließlich auf fehlende Betreuungsplätze beziehen. In erheblichem Maße besteht auch ein Passungsproblem zwischen den verfügbaren Angeboten und den zeitlichen Bedarfen von Familien. Rund die Hälfte
der Familien (50,2 Prozent), die bereits über einen Kita-Platz verfügen, würden einen höheren Betreuungsumfang in Anspruch nehmen, können diesen jedoch nicht realisieren – etwa aufgrund eingeschränkter Flexibilität bei der Stundenbuchung oder nicht passender
Randzeiten.
Deutlich wird auch, unter welchem Druck Familien stehen, um Familie und Beruf miteinander vereinbaren zu können. Über zwei Drittel (69,3 Prozent) geben an, ihre Erwerbstätigkeit nur deshalb im aktuellen Umfang ausüben zu können, weil sie flexible Arbeitszeiten oder Homeoffice nutzen können. Über die Hälfte (54,0 Prozent) ist regelmäßig auf Unterstützung durch Familie oder Bekannte angewiesen, um Betreuungslücken zu überbrücken. Knapp die Hälfte (47,9 Prozent) berichtet von Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, weil sie aufgrund außerplanmäßiger Schließungen nicht oder zu spät erscheinen. Deutlich werden auch Auswirkungen auf die Ausgestaltung der Erwerbstätigkeit sowie auf die finanzielle Situation von Familien.
Bei elterlichen Einschätzungen zum Kita-Alltag handelt es sich um subjektive Wahrnehmungen, die sich nicht als direktes Maß für pädagogische Qualität verstehen. In vielen Punkten bestätigen sie jedoch genau das, was pädagogische Fachkräfte seit Jahren berichten: Die Rahmenbedingungen lassen es in vielen Einrichtungen immer häufiger nicht mehr zu, Kinder so zu begleiten, wie es ihren Bedürfnissen entspricht und wie es sowohl dem professionellen Anspruch der Fachkräfte als auch den Erwartungen der Eltern gerecht werden würde – und wie es für eine gesunde Entwicklung von Kindern notwendig wäre.
Nur für ein knappes Drittel der Kinder (29,5 Prozent) stimmen die Eltern voll zu, dass sich die Fachkräfte ausreichend Zeit für ihr Kind nehmen. Auch die hohe Personalfluktuation wird von vielen Eltern mit Sorge betrachtet. Nur für etwas mehr als die Hälfte der Kinder (53,3 Prozent) stimmen Eltern voll zu, dass ihr Kind zu mindestens einer Fachkraft eine enge Beziehung hat. Für ein knappes Viertel der Kinder (22,5 Prozent)
stimmen Eltern voll zu, dass ihr Kind in der Kita eine gute Bildung erhält.
Zu denken gibt auch die Einschätzung der Eltern, wie Kinder in ihren Augen den Tag in der Kita erleben. Für 26,2 Prozent der Kinder stimmen Eltern eher oder voll zu, dass ihr Kind den Kita-Alltag als überfordernd erlebt – etwa durch hohe Lautstärke oder die große Anzahl anderer Kinder. Für 21,1 Prozent stimmen Eltern eher oder voll zu, dass der Alltag als unterfordernd erlebt wird, etwa wenn Angebote nicht
altersangemessen sind. Bei 10,1 Prozent der Kinder berichten Eltern sogar von einer gleichzeitigen Über- und Unterforderung. Unter den Dreijährigen sind es 61,4 Prozent, die den Kita- Alltag nach Einschätzung ihrer Eltern weder als über- noch als unterfordernd erleben. Unter den sechsjährigen Kindern trifft dies nur auf gut die Hälfte (51,5 Prozent) zu.
Schwerer Übergang am Morgen
Die Elternperspektive zeigt zudem, dass sich Folgen der unzureichenden Rahmenbedingungen auch dort niederschlagen, wo sie im Kita-Alltag selbst nicht unmittelbar sichtbar sind – etwa beim Übergang am Morgen. In Familien, in denen Eltern gar nicht zustimmen, dass Fachkräfte ausreichend Zeit für das Kind haben, müssen 42,4 Prozent der Kinder an den meisten Tagen oder sogar täglich zum Kita-Besuch überredet werden. Ein knappes Drittel (31,3 Prozent) geht unter diesen Bedingungen nur unter Protest in die Einrichtung.
Ganz anders dort, wo Eltern voll zustimmen, dass ausreichend Zeit vorhanden ist: Hier müssen nur 4,4 Prozent der Kinder meistens oder immer
überredet werden, nur 2,4 Prozent gehen unter Protest in die Kita. Wo Kinder besonders viel Zeit und eine feinfühlige Begleitung bräuchten, steht diese Zeit also am wenigsten zur Verfügung. Auch für Eltern stellt dies eine emotionale Belastung dar. Wenn Eltern gar nicht zustimmen, dass ausreichend Zeit für das Kind vorhanden ist, geben nur 27,5 Prozent ihr Kind an den meisten Tagen oder täglich mit gutem Gefühl in
der Kita ab. Wo Eltern überzeugt sind, dass ausreichend Zeit vorhanden ist, trifft dies auf 98,4 Prozent zu.
Zudem zeigt sich, dass ein Teil der Familien einen Wechsel der Einrichtung in Betracht ziehen würde, bestünde die Möglichkeit dazu: Für 22,8 Prozent der Kinder stimmen Eltern eher oder voll zu, ihr Kind lieber in einer anderen Einrichtung betreuen zu lassen. Nur bei etwas über der Hälfte der Kinder (53,8 Prozent) stimmen Eltern gar nicht zu, eine andere Einrichtung zu bevorzugen.
Ungelöste Konflikte
Die Befragung zeigt zudem, dass es regelmäßig zu Konflikten zwischen Familien und Einrichtungen kommt – und dass diese häufig ungelöst bleiben. Rund jede dritte Familie (29,7 Prozent) berichtet, dass es bereits einmal oder mehrfach zu Problemen kam, die nicht im direkten Austausch mit der Kita gelöst werden konnten. Die Themen reichen von Fragen der Betreuungszeiten über die Gestaltung des Kita-Alltags
bis hin zu Grenzverletzungen gegenüber Kindern.
Viele Eltern wenden sich in solchen Fällen an bestehende Unterstützungsstrukturen, deren Wirksamkeit jedoch überwiegend kritisch eingeschätzt wird. So erlebten 80,2 Prozent der Eltern, die sich an den Träger gewandt hatten, diesen als eher oder gar nicht hilfreich. Bei kommunalen Fachdiensten liegt dieser Anteil bei 73,7 Prozent, bei Jugendämtern bei 64,5 Prozent und beim Landesjugendamt bei 79,1 Prozent. Hinzu kommt ein sensibler Befund: Zwar werden sowohl Kita-Leitung als auch Fachkräfte von den meisten Familien grundsätzlich als ansprechbar und lösungsorientiert wahrgenommen. Gleichzeitig berichten viele Eltern, Probleme gar nicht erst anzusprechen, weil sie negative Konsequenzen befürchten. So stimmen Eltern von knapp einem Drittel der Kinder (30,1 Prozent) eher oder voll zu, nicht alle Anliegen, die sie beschäftigen, bei den Fachkräften anzusprechen – aus Sorge vor negativen Auswirkungen auf ihr Kind. Eltern von 12,9 Prozent der Kinder sprechen Probleme aus Angst vor einer Kündigung des Kita-Platzes nicht bei der Leitung an.
Unabhängig davon, ob es im Einzelfall einen konkreten Anlass für diese Sorgen gibt, müssen solche Ängste wahrgenommen und ernst genommen werden, damit Vertrauen wachsen und eine tragfähige Zusammenarbeit zwischen Familien und Kita-Teams entstehen
kann. Insgesamt zeigen die vorliegenden Ergebnisse eindrücklich, wie sehr die pädagogische Arbeit unter den bestehenden Rahmenbedingungen unter Druck gerät – ausgerechnet dort, wo stabile Zusammenarbeit und Vertrauen für die sichere Begleitung und gesunde Entwicklung von Kindern besonders wichtig wären.
Ähnliche Muster zeigen sich auch in der Kindertagespflege. Frühkindliche Bildung lebt von Beziehungen. Beziehungen entstehen jedoch nicht von selbst. Sie brauchen Zeit, stabile Rahmenbedingungen und Vertrauen zwischen Eltern und Fachkräften. Fehlen diese Grundlagen, geraten sowohl der Alltag in den Einrichtungen als auch die Zusammenarbeit mit Eltern unter Druck – und damit das, worum es im Kern geht: das Wohl der Kinder. Weitere Aufschlüsse versprechen die Auswertungen von über 20.000 Berichten von Eltern, in denen sie konkrete Probleme
im Kita-Alltag schildern und beschreiben, welche Veränderungen sie in den Einrichtungen sowie von politischer Seite für notwendig halten. Diese werden derzeit an der Justus-Liebig-Universität Gießen und am Institut für Beziehungs- und Veränderungscoaching
im Kinderschutz ausgewertet.
Dr. Marina Lagemann war bis Ende 2025 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kindheits- und Schulpädagogik an der Justus-Liebig-Universität Gießen beschäftigt und ist Mitgründerin sowie Teil der Leitung des Instituts für Beziehungs- und Veränderungscoaching im Kinderschutz in Gießen. Der Ergebnisbericht der hessenweiten Online-Befragung von Kita-Eltern im Juni/Juli 2024 kann auf der Homepage
der Justus-Liebig-Universität Gießen eingesehen werden:www.uni-giessen.de/kitaelternumfrage